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Sendung vom 02. September 2008
Hurrikane über dem Mittelmeer?
In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1986 fegte gegen zwei Uhr früh ein Sturm über die Inselhauptstadt Palma hinweg, wie ihn die Meteorologen bis dahin noch nicht erlebt hatten. Satellitenbilder bestätigten den Verdacht der Wetter-Experten: Ein Sturm, ähnlich wie die Hurrikane der Tropen, war über Mallorca hinweg gezogen. Obwohl schwächer als die großen tropischen Wirbelstürme, hinterließ er in Palma ein Bild der Verwüstung: Im Stadtzentrum und am Hafen waren Boote, Autos und Gebäude zerstört.
Auf die Vorhersage derartiger Stürme waren die
mallorquinischen Meteorologen bis zu diesem Zeitpunkt nicht
vorbereitet: Tropische Wirbelstürme wie Hurrikane und
Zyklone, so lautete die allgemeine Ansicht,
können im Mittelmeer nicht entstehen. Seit Oktober 1986
mussten die Forscher umdenken – und sich intensiv mit der
Erforschung der Wirbelstürme befassen, um sie zukünftig
besser vorhersagen zu können. Insbesondere Forschergruppen an
der Universität von Palma de Mallorca und der Universität
Toledo auf dem spanischen Festland spezialisierten sich in den
kommenden Jahren darauf, die Wirbelstürme im Mittelmeer
aufzuspüren.
„
Medicanes“ nennen die Meteorologen
seitdem die Mittelmeerstürme, die im Satellitenbild aussehen
wie die kleinen Geschwister tropischer Hurrikane. Die Struktur
eines Hurrikans und eines Medicanes ist sehr ähnlich,
berichtet der Meteorologe Lluis Fita von der Universität
Palma: „Typisch ist die spiralförmige Wolkenform, und im
Zentrum gibt es eine Zone ohne Wolken, die wir das Auge nennen. Die
Wirbel sind allerdings nicht so stark wie die tropischen
Hurrikane.“ Tatsächlich entdeckten die Forscher auf
Satellitenbildern aus dem gesamten Mittelmeerraum seit 1982 etwa 20
solcher Medicanes. „2005 haben wir einen entdeckt, der einem
Hurrikan zum Verwechseln ähnlich sah, aber wir haben in den
letzten Jahren auch noch viel mehr Fälle gesehen“, so
Fita. Zum Teil bewegen sich solche Stürme nur über dem
Meer und richten dort wenig Schaden an. Wenn sie aber auf
Küstengebiete treffen, kann es gefährlicher werden
– zumindest, wenn ihre Stärke das Ausmaß des
Medicanes erreicht, der 1986 über Palma zog.
Der wesentliche Unterschied: Bisher sind die Hurrikane im Mittelmeer viel kleiner und weniger stark als ihre großen Geschwister in den Tropen. Doch die Forscher vermuten, dass in den kommenden Jahrzehnten die Temperatur der Meeresoberfläche aufgrund der weltweiten Klimaerwärmung weiter steigt. Sie ist einer der wichtigen Faktoren bei der Entstehung der Wirbelstürme, denn die Stürme beziehen die Energie unter anderem aus der Wärme des Wassers.
Wie groß das Risiko für Hurrikane im Mittelmeer tatsächlich ist, wollte Miguel Gärtner, Meteorologe der Universität Toledo, genauer wissen. Er simulierte dazu die Klimaentwicklung im Mittelmeer mit mehreren Rechenprogrammen, unter anderem mit dem Programm einer deutschen Forschergruppe des Max-Planck-Instituts für Meteorologie und des Deutschen Klimarechenzentrums. Um das Risiko für stärkere Medicanes bis Ende dieses Jahrhunderts zu berechnen, legten Gärtner und seine Kollegen eine Art virtuelles Gitternetz über den Mittelmeerraum: Im Abstand von 50 Kilometern können sie so Daten wie Wassertemperatur, Luftdruck oder Windgeschwindigkeit simulieren. Bisherige Klimamodelle arbeiteten mit einem Raster von 200 Kilometern Abstand - zu grob, um die flächenmäßig kleinen Medicanes entdecken zu können.
Gefüttert mit allen Klimadaten, zeigte das deutsche Simulationsprogramm „Remo“, mit dem Gärtner und seine Kollegen arbeiteten, wie sich zum Ende des Jahrhunderts Hurrikane tropischer Stärke über dem Mittelmeer bilden können: Auf dem Computerbildschirm entstanden spiralförmige Areale mit extrem hohem Luftdruckgefälle zwischen Boden und oberer Luftschicht - eindeutige Merkmale eines Hurrikans. Auch das typische warme Zentrum im Auge des Sturms, zusammen mit niedrigeren Temperaturen in der Peripherie des Wirbels, zeigte sich in den Simulationen. Das spanisch-deutsche Team ist damit weltweit die erste Forschergruppe, die eine Hurrikan-Gefahr im Mittelmeer belegen kann. Zwar sind derartige Simulationen des zukünftigen Klimas nicht unfehlbar, doch das Programm „Remo“ lieferte bisher sehr zuverlässige Ergebnisse. „Wenn der weltweite CO2-Ausstoß weiter so wächst wie bisher, steigt das Risiko, dass sich im Mittelmeer viel stärkere Wirbelstürme bilden als bisher“, so Miguel Gärtner. Das hätte gravierende Folgen, nämlich heftige Verwüstungen im Mittelmeerraum - Tausende von Küstenstädten und Ferienregionen wären bedroht.
Scarlet Löhrke
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