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Hurrikane über dem Mittelmeer?

Die Bedrohung rückt näher

  • SendeterminDienstag, 02. September 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 06. September 2008, 10.15 - 11.00 Uhr (Wdh.).
Foto: Feuerwehr bei Aufräumarbeiten zwischen umgestürzten
Bäumen
Palma nach dem Sturm - der Morgen des 3. Oktober 1986

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1986 fegte gegen zwei Uhr früh ein Sturm über die Inselhauptstadt Palma hinweg, wie ihn die Meteorologen bis dahin noch nicht erlebt hatten. Satellitenbilder bestätigten den Verdacht der Wetter-Experten: Ein Sturm, ähnlich wie die Hurrikane der Tropen, war über Mallorca hinweg gezogen. Obwohl schwächer als die großen tropischen Wirbelstürme, hinterließ er in Palma ein Bild der Verwüstung: Im Stadtzentrum und am Hafen waren Boote, Autos und Gebäude zerstört.

Hurrikan-Forschung im Mittelmeer

Foto: Forschergruppe in der Universität von Palma
Auf der Spur des Hurrikans: Forscher der Universität Palma und Toledo

Auf die Vorhersage derartiger Stürme waren die mallorquinischen Meteorologen bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorbereitet: Tropische Wirbelstürme wie Hurrikane und StichwortZyklone, so lautete die allgemeine Ansicht, können im Mittelmeer nicht entstehen. Seit Oktober 1986 mussten die Forscher umdenken – und sich intensiv mit der Erforschung der Wirbelstürme befassen, um sie zukünftig besser vorhersagen zu können. Insbesondere Forschergruppen an der Universität von Palma de Mallorca und der Universität Toledo auf dem spanischen Festland spezialisierten sich in den kommenden Jahren darauf, die Wirbelstürme im Mittelmeer aufzuspüren.

Kleine Geschwister der großen Stürme

Foto: Medicane des Jahres 2005 auf PC-Bildschirm in der Uni von
Palma
Medicanes – dem Hurrikan zum Verwechseln ähnlich

StichwortMedicanes“ nennen die Meteorologen seitdem die Mittelmeerstürme, die im Satellitenbild aussehen wie die kleinen Geschwister tropischer Hurrikane. Die Struktur eines Hurrikans und eines Medicanes ist sehr ähnlich, berichtet der Meteorologe Lluis Fita von der Universität Palma: „Typisch ist die spiralförmige Wolkenform, und im Zentrum gibt es eine Zone ohne Wolken, die wir das Auge nennen. Die Wirbel sind allerdings nicht so stark wie die tropischen Hurrikane.“ Tatsächlich entdeckten die Forscher auf Satellitenbildern aus dem gesamten Mittelmeerraum seit 1982 etwa 20 solcher Medicanes. „2005 haben wir einen entdeckt, der einem Hurrikan zum Verwechseln ähnlich sah, aber wir haben in den letzten Jahren auch noch viel mehr Fälle gesehen“, so Fita. Zum Teil bewegen sich solche Stürme nur über dem Meer und richten dort wenig Schaden an. Wenn sie aber auf Küstengebiete treffen, kann es gefährlicher werden – zumindest, wenn ihre Stärke das Ausmaß des Medicanes erreicht, der 1986 über Palma zog.

Foto: Meteorologe Miguel Gaertner vor PC mit Gitternetz über
Erdkugel und Mittelmeerraum
Engmaschige Klima-Berechnung: Die Erde im virtuellen Gitternetz

Der wesentliche Unterschied: Bisher sind die Hurrikane im Mittelmeer viel kleiner und weniger stark als ihre großen Geschwister in den Tropen. Doch die Forscher vermuten, dass in den kommenden Jahrzehnten die Temperatur der Meeresoberfläche aufgrund der weltweiten Klimaerwärmung weiter steigt. Sie ist einer der wichtigen Faktoren bei der Entstehung der Wirbelstürme, denn die Stürme beziehen die Energie unter anderem aus der Wärme des Wassers.

Blick in die Zukunft per Klimasimulation

Wie groß das Risiko für Hurrikane im Mittelmeer tatsächlich ist, wollte Miguel Gärtner, Meteorologe der Universität Toledo, genauer wissen. Er simulierte dazu die Klimaentwicklung im Mittelmeer mit mehreren Rechenprogrammen, unter anderem mit dem Programm einer deutschen Forschergruppe des Max-Planck-Instituts für Meteorologie und des Deutschen Klimarechenzentrums. Um das Risiko für stärkere Medicanes bis Ende dieses Jahrhunderts zu berechnen, legten Gärtner und seine Kollegen eine Art virtuelles Gitternetz über den Mittelmeerraum: Im Abstand von 50 Kilometern können sie so Daten wie Wassertemperatur, Luftdruck oder Windgeschwindigkeit simulieren. Bisherige Klimamodelle arbeiteten mit einem Raster von 200 Kilometern Abstand - zu grob, um die flächenmäßig kleinen Medicanes entdecken zu können.

Tropensturm statt Badespaß

Gefüttert mit allen Klimadaten, zeigte das deutsche Simulationsprogramm „Remo“, mit dem Gärtner und seine Kollegen arbeiteten, wie sich zum Ende des Jahrhunderts Hurrikane tropischer Stärke über dem Mittelmeer bilden können: Auf dem Computerbildschirm entstanden spiralförmige Areale mit extrem hohem Luftdruckgefälle zwischen Boden und oberer Luftschicht - eindeutige Merkmale eines Hurrikans. Auch das typische warme Zentrum im Auge des Sturms, zusammen mit niedrigeren Temperaturen in der Peripherie des Wirbels, zeigte sich in den Simulationen. Das spanisch-deutsche Team ist damit weltweit die erste Forschergruppe, die eine Hurrikan-Gefahr im Mittelmeer belegen kann. Zwar sind derartige Simulationen des zukünftigen Klimas nicht unfehlbar, doch das Programm „Remo“ lieferte bisher sehr zuverlässige Ergebnisse. „Wenn der weltweite CO2-Ausstoß weiter so wächst wie bisher, steigt das Risiko, dass sich im Mittelmeer viel stärkere Wirbelstürme bilden als bisher“, so Miguel Gärtner. Das hätte gravierende Folgen, nämlich heftige Verwüstungen im Mittelmeerraum - Tausende von Küstenstädten und Ferienregionen wären bedroht.

Stichwörter

1 Hurrikane, Zyklone
Tropische Wirbelstürme heißen je nach Region anders, sind aber immer von gleicher Stärke und Struktur: Vor der Küste Nordamerikas, in der Karibik, werden sie als Hurrikan bezeichnet, im Südpazifik oder im indischen Ozean, heißen sie Zyklon, im Nordwestpazifik bei China Taifun. Ihre Windstärke ist vergleichbar mit der von Orkanen und wird begleitet von starken Regenfällen. Voraussetzung für die Entstehung eines tropischen Wirbelsturms ist warmes Meerwasser von etwa 26-27 Grad Celsius. Hier sammeln sich große Mengen warmer und feuchter Luft über der Wasseroberfläche. Sie liefern die Energie für den Sturm. Zurück zum Absatz
2 Medicanes
Wort-Komposition aus „mediterran“ und engl. „“hurricanes“, als Bezeichnung für Wirbelstürme über dem Mittelmeer. Anders als tropische Hurrikane entstehen sie aus gewöhnlichen Tiefdruckgebieten: Medicanes bilden sich aus Schlechtwetterfronten, die über die Oberfläche des Mittelmeers hinweg ziehen, vorwiegend im Herbst, wenn das Meerwasser noch relativ warm ist. Temperaturunterschiede zwischen den Schlechtwetterfronten und der erwärmten Luft, die über der Meeresoberfläche aufsteigt, begünstigen im Mittelmeer die Entstehung der gefährlichen Luftwirbel. Zurück zum Absatz
Autorin:

Scarlet Löhrke


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