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Tornado-Alarm in Deutschland

Pro Jahr über 30 Wirbelstürme registriert

  • SendeterminDienstag, 02. September 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 06. September 2008, 10.15 - 11.00 Uhr (Wdh.).
Foto: Straßenzug mit abgedeckten Dächern und
herumliegenden Trümmern ; Rechte: ddp/Jens Schlueter
Der Tornado verwüstete in Micheln einen ganzen Straßenzug

Am 23. Juni 2004 trauten die Einwohner des kleinen Orts Micheln in Sachsen-Anhalt ihren Augen nicht: Aus scheinbar normalen Gewitterwolken senkte sich plötzlich ein gewaltiger Schlauch aus dem Himmel herab – ein Tornado. Er schleuderte Dachziegel umher, zerriss Stromleitungen, drückte Fenster ein und ließ Mauern zusammenstürzen. Kaum eine Familie blieb verschont. Nach 15 Minuten war der Spuk vorbei. Doch zurück blieb ein Schlachtfeld wie nach einem Bombenangriff, die Bilanz: sechs Verletzte, 275 beschädigte Häuser und ein Schaden von vier Millionen Euro.

Deutsche Tornados so stark wie in den USA

Micheln ist kein Einzelfall. Schon seit Jahrhunderten fegen gefährliche Windhosen vor allem im Juli über Deutschland. 1968 erwischte es Pforzheim – ein Tornado der zweithöchsten Stufe raste durch die Stadt und hinterließ zwei Tote, 200 Verletzte und einen Sachschaden von über 70 Millionen Euro. Die Stärke eines Tornados wird auf der sogenannten StichwortFujita-Skala angegeben. Sie bewertet Tornados in sechs Stufen von EF0 bis EF5 anhand der Schäden, die sie anrichten. Daraus werden im Nachhinein die Windgeschwindigkeiten abgeschätzt – denn Tornados sind so kurzlebig, dass sie sich kaum direkt vermessen lassen. Die niedrigste Stufe EF0 steht für leichte Schäden wie abgebrochene Äste oder abgehobene Dachziegel, die bei Windgeschwindigkeiten unter 117 Stundenkilometern entstehen. Bei der höchsten Stufe EF5 rotiert ein Tornadorüssel mit über 420 Stundenkilometern und kann ganze Häuser aus ihrer Verankerung reißen oder Autos einige 100 Meter weit fliegen lassen. Vergleicht man die Windgeschwindigkeit eines Tornados mit der eines Hurrikans, entspricht bereits ein EF3-Tornado einem Hurrikan der höchsten Kategorie.

Die Straße der Stürme

Foto: Dunkle Wolken mit einem Tornadorüssel vor der Sonne;
Rechte: Martin Lisius, Stormstock, Texas
Tornados können überall entstehen, wo es Gewitter gibt

Die erste dokumentierte Beobachtung eines Tornados stammt aus dem Jahr 855. Seitdem sind für Deutschland 863 Tornados registriert worden, darunter zwei der höchsten Kategorie. Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, verheerende Tornados gäbe es nur in den USA. Doch die Windhosen hierzulande stehen denen auf der anderen Seite des Atlantiks in nichts nach. Sie treten nur viel seltener auf: Während es in Deutschland pro Jahr etwa 30 Tornados gibt, sind es in den USA über 1000 – davon alleine 500 bis 600 entlang der berüchtigten „tornado alley“ in den US-Staaten Texas, Oklahoma, Kansas und Nebraska. Dort herrschen besonders günstige Bedingungen für die Tornado-Entstehung: Feuchtwarme Luftmassen vom Golf von Mexiko treffen in den weiten Ebenen der Great Plains auf trockene und kühle Luftmassen, die über die Rocky Mountains ziehen – eine Wetterlage mit hohem Potenzial für Supergewitter und damit auch für Tornados. In Mitteleuropa verhindern die Alpen, dass große Mengen feuchtwarmer Luft direkt nach Deutschland gelangen, so dass es hier viel weniger Tornados gibt.

Wie gefährlich sind Tornados?

Foto: Ein breiter Tornado wütet über einer Stadt; Rechte:
Martin Lisius, Stormstock, Texas
Tornados rotieren mit bis zu 500 Stundenkilometern

Tornados der höchsten Stufen gibt es selten. In Deutschland sind über 90 Prozent aller Tornados EF0- oder EF1-Tornados und rangieren damit auf den untersten beiden Plätzen der sechsstufigen Skala. Sie beschädigen vor allem Dächer, Fenster, Straßenschilder, Bäume oder kleinere Objekte wie Satellitenschüsseln. Auch in den USA gehören 88 Prozent der Tornados zu den unteren beiden Kategorien. Ein EF5-Tornado gilt in Deutschland als Jahrhundertereignis, in den USA können im Schnitt zwei pro Jahr auftreten. Tornados gelten bis heute als unberechenbar: Auch wenn man weiß, welche Wetterlagen die Entstehung von Tornados begünstigen, lässt sich noch nicht präzise vorhersagen, ob und wann ein Tornadorüssel vom Himmel schießt.

Tornadoforschung kommt aus Europa

Interessanterweise ist die Tornadoforschung in Europa älter als in den USA. Pionierarbeit leistete der Polarforscher und Meteorologe Alfred Wegener schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den 1930er Jahren führte der Meteorologe Johannes Peter Letzmann in Deutschland eine systematische Tornadoforschung ein. Diese kam während des Zweiten Weltkriegs zum Erliegen und versank in den Nachkriegsjahren fast zur Bedeutungslosigkeit. Erst mit der Gründung des Netzwerkes TorDACH, einem Kompetenzzentrum für lokale Unwetter in Deutschland (D), Österreich (A) und der Schweiz (CH), bekam die Tornadoforschung neuen Aufschwung. Nach dem Vorbild der USA wurde dann im Jahr 2003 der Verein „Skywarn“ gegründet, ein Netzwerk ehrenamtlicher Wetter-Beobachter.

Nicht der Klimawandel lässt Tornadozahlen steigen

Foto: Landkarte Deutschlands mit roten, blauen, grünen und
türkisen Kreisen der 863 Tornadomeldungen seit dem Jahr 855;
Rechte: TorDACH, www.tordach.org
Alle 863 Tornadomeldungen seit dem Jahr 855. Verschieden farbig dargestellt sind Tornados über Land und Wasser sowie unklare Meldungen

So jagen auch in Deutschland immer mehr Freiwillige Tornados hinterher. In bevölkerungsreichen Gegenden verzeichnet TorDACH mehr Tornados als in bevölkerungsarmen. Die meisten Sichtungen stammen aus den Großstädten München und Berlin. Seit dem Jahr 2000 hat die Zahl der Meldungen stark zugenommen. Meteorologen führen das vor allem auf das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Sensibilisierung der Menschen zurück – nicht aber auf den Klimawandel. Für eine zunehmende Tornadogefahr durch die Erderwärmung gibt es bislang keine Hinweise.

Stichwörter

1 Fujita-Skala
Die Fujita-Skala wurde 1971 von Tetsuya Theodore Fujita als sechsstufige Skala mit den Stufen F0 bis F5 entwickelt, wobei F5 die höchste Stufe ist. Nach ihr wurden bis 2007 Tornados eingestuft. Seit Februar 2007 gilt in den USA eine erweiterte Fujita-Skala, die „enhanced fujita scale“ von EF0 bis EF5. Alle bis zu diesem Datum erfassten Tornados werden jedoch nicht neu bewertet – so findet sich für sie immer noch die Einstufung nach der alten F-Skala. Daher können in journalistischen Berichten, aber auch in der wissenschaftlichen Fachliteratur beide Bezeichnungen auftreten. Zurück zum Absatz
Autor:

Christine Harbig


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