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Sendung vom 02. September 2008
Tornado-Alarm in Deutschland
Am 23. Juni 2004 trauten die Einwohner des kleinen Orts Micheln in Sachsen-Anhalt ihren Augen nicht: Aus scheinbar normalen Gewitterwolken senkte sich plötzlich ein gewaltiger Schlauch aus dem Himmel herab – ein Tornado. Er schleuderte Dachziegel umher, zerriss Stromleitungen, drückte Fenster ein und ließ Mauern zusammenstürzen. Kaum eine Familie blieb verschont. Nach 15 Minuten war der Spuk vorbei. Doch zurück blieb ein Schlachtfeld wie nach einem Bombenangriff, die Bilanz: sechs Verletzte, 275 beschädigte Häuser und ein Schaden von vier Millionen Euro.
Micheln ist kein Einzelfall. Schon seit Jahrhunderten fegen
gefährliche Windhosen vor allem im Juli über Deutschland.
1968 erwischte es Pforzheim – ein Tornado der
zweithöchsten Stufe raste durch die Stadt und hinterließ
zwei Tote, 200 Verletzte und einen Sachschaden von über 70
Millionen Euro. Die Stärke eines Tornados wird auf der
sogenannten
Fujita-Skala angegeben. Sie bewertet Tornados
in sechs Stufen von EF0 bis EF5 anhand der Schäden, die sie
anrichten. Daraus werden im Nachhinein die Windgeschwindigkeiten
abgeschätzt – denn Tornados sind so kurzlebig, dass sie
sich kaum direkt vermessen lassen. Die niedrigste Stufe EF0 steht
für leichte Schäden wie abgebrochene Äste oder
abgehobene Dachziegel, die bei Windgeschwindigkeiten unter 117
Stundenkilometern entstehen. Bei der höchsten Stufe EF5
rotiert ein Tornadorüssel mit über 420 Stundenkilometern
und kann ganze Häuser aus ihrer Verankerung reißen oder
Autos einige 100 Meter weit fliegen lassen. Vergleicht man die
Windgeschwindigkeit eines Tornados mit der eines Hurrikans,
entspricht bereits ein EF3-Tornado einem Hurrikan der höchsten
Kategorie.
Die erste dokumentierte Beobachtung eines Tornados stammt aus dem Jahr 855. Seitdem sind für Deutschland 863 Tornados registriert worden, darunter zwei der höchsten Kategorie. Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, verheerende Tornados gäbe es nur in den USA. Doch die Windhosen hierzulande stehen denen auf der anderen Seite des Atlantiks in nichts nach. Sie treten nur viel seltener auf: Während es in Deutschland pro Jahr etwa 30 Tornados gibt, sind es in den USA über 1000 – davon alleine 500 bis 600 entlang der berüchtigten „tornado alley“ in den US-Staaten Texas, Oklahoma, Kansas und Nebraska. Dort herrschen besonders günstige Bedingungen für die Tornado-Entstehung: Feuchtwarme Luftmassen vom Golf von Mexiko treffen in den weiten Ebenen der Great Plains auf trockene und kühle Luftmassen, die über die Rocky Mountains ziehen – eine Wetterlage mit hohem Potenzial für Supergewitter und damit auch für Tornados. In Mitteleuropa verhindern die Alpen, dass große Mengen feuchtwarmer Luft direkt nach Deutschland gelangen, so dass es hier viel weniger Tornados gibt.
Tornados der höchsten Stufen gibt es selten. In Deutschland sind über 90 Prozent aller Tornados EF0- oder EF1-Tornados und rangieren damit auf den untersten beiden Plätzen der sechsstufigen Skala. Sie beschädigen vor allem Dächer, Fenster, Straßenschilder, Bäume oder kleinere Objekte wie Satellitenschüsseln. Auch in den USA gehören 88 Prozent der Tornados zu den unteren beiden Kategorien. Ein EF5-Tornado gilt in Deutschland als Jahrhundertereignis, in den USA können im Schnitt zwei pro Jahr auftreten. Tornados gelten bis heute als unberechenbar: Auch wenn man weiß, welche Wetterlagen die Entstehung von Tornados begünstigen, lässt sich noch nicht präzise vorhersagen, ob und wann ein Tornadorüssel vom Himmel schießt.
Interessanterweise ist die Tornadoforschung in Europa älter als in den USA. Pionierarbeit leistete der Polarforscher und Meteorologe Alfred Wegener schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den 1930er Jahren führte der Meteorologe Johannes Peter Letzmann in Deutschland eine systematische Tornadoforschung ein. Diese kam während des Zweiten Weltkriegs zum Erliegen und versank in den Nachkriegsjahren fast zur Bedeutungslosigkeit. Erst mit der Gründung des Netzwerkes TorDACH, einem Kompetenzzentrum für lokale Unwetter in Deutschland (D), Österreich (A) und der Schweiz (CH), bekam die Tornadoforschung neuen Aufschwung. Nach dem Vorbild der USA wurde dann im Jahr 2003 der Verein „Skywarn“ gegründet, ein Netzwerk ehrenamtlicher Wetter-Beobachter.
So jagen auch in Deutschland immer mehr Freiwillige Tornados hinterher. In bevölkerungsreichen Gegenden verzeichnet TorDACH mehr Tornados als in bevölkerungsarmen. Die meisten Sichtungen stammen aus den Großstädten München und Berlin. Seit dem Jahr 2000 hat die Zahl der Meldungen stark zugenommen. Meteorologen führen das vor allem auf das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Sensibilisierung der Menschen zurück – nicht aber auf den Klimawandel. Für eine zunehmende Tornadogefahr durch die Erderwärmung gibt es bislang keine Hinweise.
Christine Harbig