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Sendung vom 02. September 2008
Die Warnung kam zu spät
In nur acht Stunden fegte der Orkan Lothar am zweiten Weihnachtsfeiertrag 1999 über Süddeutschland hinweg. Mit Windgeschwindigkeiten über 200 Kilometern pro Stunde hinterließ er eine Spur der Verwüstung: kahle Hügel, abgedeckte Dächer, 1,6 Milliarden Euro Sachschaden und 15 Tote. Erst kurz vorher gab es eine Unwetter-Warnung des Deutschen Wetterdienstes, Hilfsdienste und Bürger wurden von Lothar überrascht. Und das, obwohl er schon mehr als zwei Tage unterwegs war - wie konnten die Meteorologen den Sturm übersehen?
Lothar begann als unbedeutendes Tiefdruckgebiet vor der Ostküste Kanadas; am frühen Morgen des 24. Dezembers 1999 - nichts Besonderes für die Jahreszeit. In den nächsten 46 Stunden zieht das kleine Tief quer über den Atlantik und scheint relativ unauffällig. Doch kurz vor dem europäischen Festland fällt der Druck steil ab und das kleine Tief entwickelt sich zum Orkan. Die Weichen für diese Entwicklung wurden schon ganz am Anfang gestellt. Hätten die Meteorologen die genauen Verhältnisse in der Atmosphäre gekannt, wäre ihnen das gewaltige Potenzial wahrscheinlich nicht verborgen geblieben. Doch aus mehreren Gründen fehlen ausgerechnet bei dem Tief Lothar wichtige Daten.
Denn ein Wetterballon, der ganz in der Nähe des
Geburtsortes von Lothar aufsteigen soll, platzt, bevor er das Tief
erreicht hat. Die Techniker am Boden bemerken den Ausfall zwar und
schicken einen zweiten Wetterballon hinterher. Doch als dieser die
entscheidende Höhe erreicht, sind eineinhalb Stunden vergangen
- das Tief ist schon weiter Richtung Europa gezogen. Jetzt kann die
Mess-Sonde des Ballons nur noch relativ geringe
Windgeschwindigkeiten und trockene Luft messen. Das
Wettermodell des Deutschen Wetterdienstes
berechnet daraufhin zwar einen Sturm in Europa, aber der zieht
über den Süden Englands - mehr als 1.000 Kilometer an der
wahren Position vorbei.
Tatsächlich ist Lothar weiter südlich unterwegs, doch davon bekommen die Meteorologen und ihre Wettermodelle nichts mit. Denn auf der weiten Strecke über den Atlantik gibt es so gut wie keine Wetterstationen. Und ausgerechnet in der Weihnachtszeit 1999 wird ein Großteil der Satellitendaten, die man für die Beurteilung der Situation hätte verwenden können, nicht genutzt. Der Grund: In den vorangegangenen Wochen waren die aus den Satellitenbildern berechneten Wetterdaten, wie Temperaturen und Feuchtigkeit, immer wieder fehlerhaft gewesen. Daher hatte der Deutsche Wetterdienst beschlossen, sie vorübergehend nicht zu verwenden. Das Wettermodell hatte daher kaum eine Chance, seine falsch berechnete Zugbahn des Sturmtiefs zu korrigieren und ging immer noch von relativ ruhigem Wetter über Deutschland aus.
Erst als Lothar mit massivem Druckabfall die französische Küste erreicht und mit Windgeschwindigkeiten von über 170 Kilometer pro Stunde über das Land rast, sind die Meteorologen alarmiert: So weit südlich hätte es nach den Prognosen keinen Sturm geben dürfen. Jetzt muss die gesamte Vorhersage neu gemacht werden, diesmal per Hand. Rasch ist klar, dass Lothar Richtung Deutschland zieht. Der Sturm ist schnell und nimmt sogar noch an Stärke zu. Als der Deutsche Wetterdienst endlich eine offizielle Orkan-Warnung herausgibt, ist Lothar schon fast in Deutschland angekommen.
Der Deutsche Wetterdienst geriet wegen dieser späten Warnung in die Kritik. Doch unabhängige Meteorologen sind sich einig, dass Lothar extrem schwer vorherzusagen war. So haben von 50 Wettersimulationen des Europäischen Zentrums für Mittelfristige Wettervorhersage nur 10 eine Lothar-ähnliche Entwicklung gezeigt. Das volle Ausmaß des Orkans hat kein einziges der Modelle vorhergesagt. Auch der Umstand, dass in Deutschland Katastrophenschutz Sache der einzelnen Bundesländer ist, hat die Warnung hinausgezögert. Die Zentrale des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach konnte nicht direkt die betroffenen Stellen in Süddeutschland informieren, sondern musste über die regionalen Wetter-Büros gehen. Und schließlich herrschte in Deutschland weihnachtliche Feiertagsstimmung.
Inzwischen haben die Meteorologen dazu gelernt. Die Wege für Unwetterwarnungen wurden verkürzt und auch die Vorhersage wurde verbessert. Neben einigen zusätzlichen Mess-Stationen im Atlantik und neuen Satelliten sind vor allem die Wettermodelle und die Computer besser und schneller geworden. So nutzt auch der Deutsche Wetterdienst inzwischen sogenannte Ensemble-Modelle. Dabei wird nicht nur eine einzige Vorhersage berechnet, sondern mehrere, jede mit leicht veränderten Startbedingungen. So ist zu sehen, ob bei einer labilen Wetterlage kleine Änderungen vielleicht eine große Wirkung haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Entwicklung wie bei Lothar unentdeckt bleibt, ist damit kleiner geworden. Aber ausschließen können die Meteorologen eine neue Überraschung nicht. Dafür ist das Wetter zu chaotisch und lässt sich (noch) nicht in ein Computermodell zwängen.
Ulrich Grünewald
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