Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 23. September 2008
Der Werther-Effekt
Ende des 18. Jahrhunderts verfasste Johann Wolfgang Goethe Die Leiden des jungen Werther. Goethes zweiter großer Erfolg schildert in seinem 1774 erschienenen Roman die Liebe des jungen Rechtspraktikanten Werther zu der ihm unerreichbaren jungen Frau Lotte. Sie ist einem anderen versprochen. Als Werther erkennt, dass Lotte ihn zwar liebt, sie diese Liebe jedoch niemals leben können, erschießt er sich.
Die Leiden des jungen Werther wird zum Bestseller. Vor allem Jugendliche sind damals einem regelrechten Werther-Fieber verfallen. Es gab infolge des Romans eine Werther-Mode, die dem Helden nacheiferte. Die sogenannte "Werther-Tasse" gehörte bald in jeden bürgerlichen Haushalt. Doch niemand erwartete die Schattenseite des Kults: Werthers Selbstmord wurde in ganz Europa jungen Männern zum Vorbild.
Im 20. Jahrhundert verwendete der amerikanische Soziologe David Philips das erste Mal den Begriff des Werther-Effekts. Er wertete systematisch die Selbstmordrate nach dem Bekanntwerden prominenter Suizid-Opfer aus. Er fand eine einfache Regel: Je länger über den Selbstmord in den Medien berichtet wurde, um so stärker ist der Anstieg an Suiziden in der Allgemeinbevölkerung. Nach Marilyn Monroes Tod war die Zahl von Selbstmorden besonders hoch: Noch vier Tagen nach ihrem Tod durch eine Überdosis Schlafmittel war sie in den Schlagzeilen. Im gleichen Zeitraum zählte man 198 Suizidfälle mehr als sonst. Aber es sind nicht nur Prominente, die Nachahmer finden. Im Jahr 1981 lief im deutschen Fernsehen die Serie Tod eines Schülers. In dem dokumentarisch gehaltenen Filmen wird erzählt, wie der Oberstufenschüler Claus Wagner durch verschiedene Umstände in den Selbstmord "getrieben" wird. Die Zahl der Suizide von Schülern im gleichen Alter (15-19 Jahre) stieg danach signifikant an. Trotz Warnungen von Experten wurde die Serie knapp zwei Jahre später wiederholt. Der "Werther-Effekt" wiederholte sich.
Jugendliche haben naturgemäß andere Interessen als Erwachsene. Auch ist ihre Sicht der Dinge gänzlich anders. Vieles hat in der Phase des Erwachsenwerdens einen anderen Stellenwert. Auch der Tod. So ist es kein Wunder, dass der Gedanke an Selbstmord bei vielen Jugendlichen eine Rolle spielt: Allein in Deutschland wird die Zahl der Suizidversuche junger Menschen unter 24 Jahren auf über 15.000 geschätzt. Pro Jahr; das heißt alle halbe Stunde versucht ein junger Mensch sich umzubringen! Auch wenn es klischeehaft klingt. In der Vielzahl der Fälle stammen die Kinder aus zerrütteten familiären und sozialen Verhältnissen. Oft haben sie niemanden, dem sie sich anvertrauen können. So scheint es wie ein Wunder, dass die Selbstmordrate unter Kindern und Jugendlichen niedriger liegt als in anderen Altersgruppen. Doch anders als für Erwachsene ist der Selbstmord beziehungsweise der Versuch sich umzubringen für Jugendliche in der Regel ein Hilferuf. So als wollten sie sagen: "Seht her, ich bin bereit mich selbst zu töten, wenn sich nichts ändert!". Sind Jugendliche in solch einem labilen Zustand, erscheint es plausibel, dass sie einem "Vorbild" nacheifern. Deshalb sind Berichte über Suizide in den Medien besonders brisant.
Vor dem Hintergrund, dass der Werther-Effekt sehr gut belegt ist, reagierten Behörden und Eltern besorgt, als 1994 der Selbstmord des Rockmusikers Kurt Cobain bekannt wurde. Der Sänger und Gitarrist der Grunge-Rock-Band Nirvana war eine Ikone der Rockmusik und Vorbild zahlreicher Teenager. Die Psychologen damals wussten – auf suizidgefährdete Jugendliche kann die Tat ansteckend wirken. Sie fürchteten eine Welle von Selbstmorden ähnlich wie nach dem Tod Marilyn Monroes. Sie setzten alles daran, um im Falle des Rockstars den Werther-Effekt zu verhindern: Bei der öffentlichen Trauerfeier im Park von Seattle, dem Heimatort Cobains, forderte der Leiter der örtlichen psychiatrischen Klinik die Fans dazu auf, gemeinsam zu trauern und einander zu trösten. Die Medien handelten richtig und verherrlichten im Nachhinein den Rockstar nicht, der für Alkohol und Drogenexzesse bekannt war, sondern zeigten, dass sein Selbstmord ein dummer Akt war. Die Witwe Cobains, Courtney Love, betrauerte in einer veröffentlichten Tonbandaufnahme erst ihren Mann, um ihn dann wegen seiner Tat zu beschimpfen. Auch wurde das Bild des grauenhaft zerstörten Gesichts Cobains veröffentlicht. So kam es, dass im Fall von Kurt Cobain der Werther-Effekt ausblieb. Interessant übrigens, dass auch Goethe versuchte, den Werther-Effekt in späteren Auflagen seines Romans mit einem Vorwort zu verhindern.
Hilmar Liebsch
Seite teilen