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Quarks & Co
Sendung vom 30. September 2008
Musik aus dem Himmel
Zum Zeitpunkt, an dem sich das Leben des Tony Cicoria von Grund auf ändert, ist er 42 Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau und drei kleinen Kindern in Oneonta, einer Kleinstadt im Staat New York. Er ist ein angesehener Orthopäde und Chirurg. Am 24. August 1994 befindet sich Cicoria bei einer Familienfeier an einem See. Es ist ein schöner Spätsommertag. Gegen Nachmittag sucht Cicoria einen Münzfernsprecher auf, um seine Mutter anzurufen. Inzwischen hat sich der Himmel bewölkt, in der Ferne hört er Donnergrollen. Cicoria achtet nicht weiter darauf. Er wählt, aber niemand nimmt ab. Als er den Hörer wieder einhängen will, schlägt ein Blitz in das Gebäude ein. „Ich weiß noch, wie ein Lichtblitz aus dem Hörer kam. Er traf mich am Mund und warf mich mit unglaublicher Gewalt nach hinten.“ Im Fallen merkt Cicoria plötzlich, wie er sich nach vorne bewegt. Er ist noch immer bei Bewusstsein. Plötzlich sieht er seinen Körper unter sich. „Jetzt verstand ich, was passiert war, und mein einziger Gedanke war: ‚Scheiße, ich bin tot’“.
Tony Cicoria erlebt eine so genannte außerkörperliche Erfahrung. Sein Bewusstsein hat seinen Körper verlassen. Er sieht seinen Körper unter sich, sieht Menschen, die sich um ihn versammeln. „Plötzlich war ich umgeben von bläulich-weißem Licht, wie wenn man unter Wasser ist und Lichtstrahlen durch die Oberfläche kommen. Ein Fluss aus reiner positiver Energie, so fühlte sich der Ort an, an dem ich war.“ Es ist die klassische Beschreibung eines Nahtod-Erlebnisses. Aber Tony Cicoria ist nicht tot. Die Reanimation einer zufällig anwesenden Krankenschwester ist erfolgreich: „Genau im Moment absoluter Ekstase war ich plötzlich zurück. Und es war kein sanfter Übergang, es war ‚bam!’ – und ich war zurück in meinem Körper.“ Cicoria ist wieder unter den Lebenden. Er hat Schmerzen, Verbrennungen an Mund und Füßen. Aber ins Krankenhaus will er nicht. Zu Hause untersucht ihn ein befreundeter Kardiologe. Der entdeckt Anzeichen eines kurzen Herzstillstands. Aber Tony Cicoria ist glimpflich davongekommen. Bereits eine Woche später geht er wieder zur Arbeit ins Krankenhaus. Er fühlt sich noch benommen, nicht ganz von dieser Welt. Aber dieses Gefühl verflüchtigt sich nach ein paar Tagen.
Äußerlich scheint Cicoria wiederhergestellt. Aber etwas Entscheidendes hat sich verändert. Ein paar Wochen später überkommt ihn ein immer stärker werdendes Verlangen: Er will Klaviermusik hören. Dabei hat Musik bisher kaum eine Rolle in Cicorias Leben gespielt. Als Kind nahm er ein paar Klavierstunden, die er aus Mangel an Interesse aber bald wieder aufgab. Jetzt besorgt sich Cicoria Klaviermusik, vor allem Werke der Romantik: Schumann, Schubert. Sein Lieblingskomponist ist Chopin. Cicorias Verlangen wird zur Obsession. Bald will er seine Lieblingsmusik nicht nur hören, sondern auch spielen. Er besorgt sich ein Klavier. Und kurze Zeit später hat er einen seltsamen Traum: „Ich sah mich selbst, wie ich in einer Konzerthalle am Flügel saß und spielte. Ich stand hinter mir und lauschte der Musik. Und auf einmal begriff ich: Das ist nicht irgendeine Musik, das ist meine eigene!“ Cicoria versucht, die Musik nachzuspielen, die er in seinem Traum gehört hat. Sein Erfolg ist mäßig, er kann kaum Noten lesen. Aber die Musik ist in seinem Kopf.
Die Musik in seinem Kopf lässt Cicoria nicht mehr los. Er hört sie ununterbrochen, bis heute. „Es ist fast wie eine Radio-Frequenz, die ich einstelle; wenn ich am Klavier sitze und mich dieser Frequenz öffne, dann ist es eine kontinuierlich sprudelnde Quelle von Musik.“ Nach seinem Traum besorgt sich Cicoria Bücher über Notenschrift. Er nimmt Klavierstunden. Frühmorgens, vor der Arbeit, setzt er sich ans Klavier. Nachts spielt er bis zur Erschöpfung. Cicoria ist besessen. Er ist überzeugt, dass die Musik der einzige Grund dafür ist, dass er den Blitzschlag überlebt hat. „Ich hatte keine Ahnung, was es damit auf sich hatte, ich wusste nur, dass es etwas Wichtiges war, was ich zu tun hatte.“ Die Leidenschaft für Musik fordert Opfer: Nach einigen Monaten ist die Ehe am Ende, seine Frau lässt sich scheiden. In den folgenden Jahren führt Cicoria eine Doppelexistenz. Nach außen lebt er sein altes Leben weiter, arbeitet nach wie vor als Chirurg und Orthopäde. Seine eigentliche Liebe aber gehört der Musik.
Im Januar 2008 gibt Cicoria sein erstes Konzert. In seiner Heimatstadt Oneonta spielt er, mehr als 13 Jahre nach dem Blitzschlag, die Komposition aus seinem Traum. Er hat sie „Blitz-Sonate“ genannt. „Mir war eigentlich nur eine Sache wirklich wichtig: die Musik so gut wiederzugeben wie möglich. Weil ich fühlte, dass sie ein Geschenk war, das mir aus irgendeinem Grund gegeben wurde, und ich wollte ihm gerecht werden.“ Und die Musik strömt ihm weiter zu. Sein neuestes Projekt ist eine Symphonie: „Es ist so, als wäre sie einfach in meinen Kopf heruntergeladen worden. Und da sitzt sie jetzt. Ich habe keine Ahnung, wie ich eine Symphonie schreiben soll. Aber ich werde es tun. Und da ist noch vieles anderes. Es kommt einfach, immer weiter.“
Welche Veränderungen in Tony Cicorias Gehirn seine erstaunliche Musik-Obsession ausgelöst haben, weiß niemand. Bislang lehnte Cicoria, obwohl selber Arzt, neurologische Untersuchungen ab. Er wollte die Musik, die er als Geschenk betrachtet, nicht in Zweifel ziehen. Inzwischen hat er seine Meinung geändert und kann sich neurologische Untersuchungen vorstellen. Ob sie tatsächlich das Geheimnis einer einzigartigen musikalischen Verwandlung lüften werden, bleibt abzuwarten.
Jakob Kneser
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