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Quarks & Co
Sendung vom 30. September 2008
Mozart als Medizin
Wenn wir ein beengendes Gefühl im Brustkorb verspüren, Atembeschwerden oder ein auffälliges EKG haben, dann wird der Arzt eine Herzkatheteruntersuchung verordnen. Damit will er überprüfen, ob unser Herz noch einwandfrei funktioniert oder ob unsere Gefäße verengt sind. Denn eine Verengung könnte einen tödlichen Herzinfarkt zur Folge haben. Solch eine Untersuchung ist für die meisten Patienten eine große Belastung. Sie wissen weder, was für eine Art von Untersuchung bevorsteht, noch wie der Befund ausfallen wird. Entsprechend ist unmittelbar vor der Untersuchung die Angst am größten. Sie führt dazu, dass das Gehirn Stresshormone ausschüttet. Die wiederum lösen bestimmte Reaktionen im Körper aus: Die Pupillen weiten sich, die Hände werden schweißnass, die Herzfrequenz beschleunigt sich und die Muskeln spannen sich an.
In der Regel finden Herzkatheteruntersuchungen ohne Schmerz-
oder Beruhigungsmittel statt. Ein dünner Schlauch wird
über die Leiste oder das Handgelenk durch die Arterie oder
Aorta in die Herzkranzgefäße geschoben. Dort spritzen
die Ärzte ein Kontrastmittel und prüfen mithilfe eines
Röntgenbildes, ob die Durchblutung der
Herzkranzgefäße gewährleistet ist. Bei Verengungen
kann das entsprechende Gefäß mithilfe des Katheters
gedehnt werden. Durch das Einsetzen eines Implantats, eines
sogenannten
Stent, können die Ärzte das
Gefäß vor einer erneuten Verengung an der Stelle
schützen. Bei dramatischen Verengungen muss das Herz operiert
werden.
Musik kann diese Angstspirale unterbrechen – das haben
zahlreiche Studien bewiesen. Musik reduziert die Ausschüttung
von Stresshormonen und regt die Ausschüttung
körpereigener Opiate an. Die Muskeln
entspannen sich, auch die Atmung und der Herzschlag beruhigen sich.
Doch welche Art von Musik senkt Angst am effektivsten? Und spielt
es eine Rolle, wer die Musik auswählt – der Arzt oder
der Patient? Das Team um den Musikpsychologen Wolfram Goertz an der
Mönchengladbacher Klinik für Kardiologie des Franziskus
Krankenhauses ist diesen Fragen mit einer Studie auf den Grund
gegangen. 200 Herzkatheterpatienten nahmen an der Studie teil und
wurden vor und nach der Untersuchung zu ihrem Angstempfinden
befragt. Ein Teil von ihnen bekam während der Untersuchung
Musik zu hören, der andere Teil musste die Untersuchung ohne
Musik über sich ergehen lassen. Die Teilnehmer mit
Musikberieselung hatten während und nach der Untersuchung
deutlich weniger Angst. In der Auswertung waren sie der Gruppe, die
keine Musik zu hören bekam, deutlich überlegen.
Doch nicht jede Art von Musik wirkt bei solch einer Untersuchung beruhigend. Um wirksam zu sein, muss sie bestimmte Kriterien erfüllen: Sie darf keinen Gesang enthalten, das Tempo sollte nicht schneller als der eigene Herzschlag sein, also zwischen 60 und 80 Schlägen pro Minute. Außerdem sollte die Musik über einen konstanten und nachvollziehbaren Rhythmus verfügen, wenig dynamische Schwankungen und am besten bekannte Melodien enthalten. Für die Studie wurden drei unterschiedliche CDs zusammengestellt: eine mit klassischer Musik, eine mit Entspannungsmusik und eine mit sanftem Jazz. Am wirkungsvollsten gegen die Angst waren die Kompositionen der Altmeister Bach und Mozart.
Die Ärzte stellten mit Erstaunen fest, dass die Patienten, die ihre Musik vom Arzt zugewiesen bekamen, deutlich weniger Angst hatten als diejenigen, die ihre Musik selbst auswählten. Über die Gründe können die Mönchengladbacher Forscher nur spekulieren. Möglicherweise ist vom Arzt ausgewählte Musik effektiver, da der Patient in so einer dramatischen Situation wie einer Herzkatheteruntersuchung lieber Verantwortung abgibt. Vielleicht gehen die Patienten auch davon aus, dass der Arzt durch seine Erfahrung besser einschätzen kann als sie selbst, welche Musik für solch eine Untersuchung geeignet ist. Ferner wird die musikalische Medizin nicht über Kopfhörer verabreicht sondern über die Lautsprecher im Untersuchungsraum. So entsteht ein gemeinsames Hörerlebnis, das den Patienten mit dem Arzt verbindet. Möglicherweise verunsichert dies den Patienten, wenn er bei der Musikauswahl sicher gehen möchte, dass die Musik auch dem untersuchenden Arzt gefällt. Selbst wenn der Patient seine Lieblingsmusik mitbringt, ist das kontraproduktiv. Es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen dem, was den Patienten beruhigt und dem, was ihm gefällt. Lieblingsmusik ist für medizinische Untersuchungen nicht geeignet, weil sie Patienten positiv erregt und den Puls erhöht.
Benedikt Bjarnason
Stand: 01.10.2008
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