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Durch Musik zur Sprache

Wie Aphasie-Patienten durch Musik wieder sprechen lernen

  • SendeterminDienstag, 30. September 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
Nahaufnahme vom Mund einer Aphasie-Patientin während der
Therapie
Mit Hilfe von Musik gelingt es, Patienten einen Teil ihres Sprachvermögens zurückzugeben

Fast immer kommt er unerwartet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Ein Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Von den Überlebenden leidet etwa ein Fünftel an schweren Sprachstörungen, bis hin zum völligen Verlust der Sprache. Diese Patienten leiden unter der sogenannten Aphasie. Bei ihnen sind Sprachregionen auf der linken Seite des Gehirns zerstört, unter anderem die sogenannte StichwortBroca-Region. Im Fall einer schweren StichwortBroca-Aphasie können Patienten Sprache zwar verstehen, sind aber nicht mehr in der Lage, selbst Worte zu artikulieren. Oft können sie nicht mal mehr ihren eigenen Namen sagen - eine Katastrophe für Betroffene und Angehörige. Für diese schweren Aphasie-Fälle gab es bisher keine wirksame Therapie. Doch das könnte sich jetzt ändern: Zum ersten Mal wird an der Harvard Medical School in Boston eine Methode erforscht, mit der schwere Aphasiker wieder zum Sprechen gebracht werden können – durch Musik.

Arbeit für das ganze Gehirn

Hirnaufnahmen von zerstörten Hirnarealen nach einem schweren
linksseitigen Schlaganfall
Das Gehirn eines Aphasie-Patienten: Große Teile der linken Hirnhälfte sind zerstört

Die Idee, verlorene Sprachfähigkeit durch Musik wieder zu aktivieren, ist nicht neu. Die Grundlagen der sogenannten Melodischen Intonationstherapie wurden bereits 1973 von dem Arzt Martin Albert in Boston entwickelt. Bisher wurde aber noch nie wissenschaftlich untersucht, ob diese Methode wirklich funktioniert und was sie tatsächlich im Gehirn bewirkt. Eine Arbeitsgruppe um den Neurologen Gottfried Schlaug an der Harvard Medical School in Boston ist diesen Fragen nun zum ersten Mal nachgegangen. Schlaug, selbst ausgebildeter Organist, erforscht seit vielen Jahren, wie Musik im Gehirn verarbeitet wird. Ihn fasziniert vor allem, wie tief Musik im menschlichen Gehirn verankert ist. Musik aktiviert eine Vielzahl von Sinnen und zahlreiche motorische Areale - auch dann, wenn wir nur Musik hören. Außerdem weckt Musik viele verschiedene Emotionen in uns. Sie beansprucht also nahezu das gesamte Gehirn – und genau das macht sie zu einem idealen Ansatzpunkt für eine Therapie.

Durch Singen zum Sprechen

Therapie-Sitzung mit Patientin und Therapeutin
Durch einen speziellen rhythmischen Sprechgesang soll die Patientin wieder sprechen lernen

Ausgangspunkt der Melodischen Intonationstherapie war eine eigenartige Beobachtung, die Ärzte bei Aphasie-Patienten machten: Diese können zwar oft kein einziges Wort mehr sprechen, sind aber in der Lage, Liedtexte zu singen. Offenbar werden solche Texte nicht in der linken Hirnhälfte verarbeitet, wie die normale Sprache, sondern rechts, da wo auch Musik überwiegend verarbeitet wird. Auch auf der rechten Seite des Gehirns gibt es also anscheinend Areale, die Sprache verarbeiten können. Durch Musik, so die Theorie der Wissenschaftler, soll ein solches Ersatz-Sprach-Netzwerk zum Einsatz kommen. Es soll die Funktionen der zerstörten Sprachzentren auf der linken Seite übernehmen.

Reserve-Areale für die Sprache

Nahaufnahme von Hand der Therapeutin und Patientin
Bei der Therapie begleitet rhythmisches Klopfen mit der linken Hand den Sprechgesang

Basis der Therapie sind die zwei Grundelemente der Musik: Melodie und Rhythmus. Durch das Singen von Wörtern und einfachen Sätzen soll vor allem die rechte Seite des Gehirns angesprochen werden, die für die Verarbeitung von Musik zuständig ist. Das rhythmische Klopfen mit der linken Hand soll Hirnareale anregen, die für die Verknüpfungen von Tönen und Motorik nötig sind. Das ist zum Beispiel wichtig für die Mundbewegungen beim Sprechen. Die Ergebnisse der Wissenschaftler an der Harvard Medical School sind eindeutig: Patienten, die vor der Therapie kein Wort mehr sprechen konnten, haben nach 75 Therapie-Sitzungen wieder einen Wortschatz von mehreren hundert bis hin zu einigen tausend Wörtern. Das ist mehr, als jede andere Therapie bisher bewirken konnte. Dazu zeigen Aufnahmen vor und nach der Therapie, dass sich auch das Gehirn der Patienten verändert. Die Aktivierung von Hirnarealen in der rechten Hirnhälfte ist nach der Therapie viel stärker als vorher: Das ist ein Beleg dafür, dass neue Areale in der rechten Hirnhälfte die Funktion der alten Sprachareale in der linken Gehirnhälfte zum Teil übernommen haben. Dass es tatsächlich die StichwortMelodische Intonationstherapie war, die diese Veränderungen bewirkt hat, konnte Gottfried Schlaug jetzt zum ersten Mal nachweisen.

Wege aus der Sprachlosigkeit

Wissenschaftler Gottfried Schlaug
Der Neurologe Gottfried Schlaug schlägt eine neue Therapie für Aphasie-Patienten vor

Die Melodische Intonationstherapie ist nicht die einzige Therapie gegen Aphasie. Einzigartig ist sie aber vor allem in einem Punkt: Sie funktioniert auch bei besonders schwer geschädigten Patienten, die ihre Sprachfähigkeit vollständig oder fast vollständig verloren haben. In diesen Fällen können herkömmliche Sprachtherapien nichts ausrichten, weil diese immer einen verbliebenen Rest von Sprachfähigkeit als Ansatzpunkt voraussetzen. Für die schweren Fälle von Aphasie ist die Melodische Intonationstherapie ideal, denn sie bewirkt, dass diese Patienten überhaupt wieder lernen, Wörter zu sprechen. Ist ein solcher Anfang einmal geschafft, können danach herkömmliche Sprachtherapien ansetzen und den Wortschatz vergrößern helfen.

Stichwörter

1 Aphasie/Broca-Aphasie
„Aphasie“ bezeichnet die Unfähigkeit zu sprechen (griechisch: a-phasia: „ohne Sprache“). Es gibt verschiedene Formen der Aphasie. Bei der sogenannten Broca-Aphasie können Betroffene keine Worte mehr hervorbringen, sind aber noch fähig, Sprache zu verstehen. Die Broca-Aphasie kann Folge eines Schlaganfalls, einer schweren Hirnverletzung oder eines Tumors sein. Broca-Aphasiker sind sich ihrer sprachlichen Beeinträchtigung bewusst. In leichteren Fällen können Broca-Aphasiker noch sprechen, allerdings in einem abgehackten Telegramm-Stil. In schweren Fällen können sie überhaupt keine sinnvollen Wörter mehr hervorbringen. Zurück zum Absatz
2 Broca-Region
Die Broca-Region, auch Broca-Areal oder Broca-Zentrum genannt, ist eine Region in der Großhirnrinde, die in besonderer Weise mit der Fähigkeit verknüpft ist, Sprache hervorzubringen. Diese Verknüpfung erkannte zum ersten Mal der französische Arzt und Anthropologe Paul Broca (1824-80). Broca stellte fest, dass Patienten mit einer Störung in bestimmten Arealen im Frontallappen unfähig waren, artikuliert zu sprechen, aber dennoch Sprache verstehen konnten (Broca-Aphasie). Zurück zum Absatz
3 Melodische Intonationstherapie
Die Grundlagen der Melodischen Intonationstherapie wurden 1973 vom Arzt Martin Albert in Boston entwickelt. Diese Therapie richtet sich vor allem an Patienten mit besonders schwerer Broca-Aphasie, die nicht mehr oder kaum noch sprechen können. Ziel ist, durch Einsatz von Musik Areale auf der unzerstörten rechten Seite des Gehirns zu aktivieren, die als Ersatz für zerstörte Sprachareale auf der linken Hirnseite dienen können. Zurück zum Absatz
Autor:

Jakob Kneser


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