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Sendung vom 30. September 2008
Vogel mit Taktgefühl
Die Internetplattform Youtube hat schon so einige berühmt gemacht. Auch den Kakadu Snowball aus der Nähe von Chicago in den USA. Seine Clips wurden weltweit mehrere Millionen Mal angeklickt. Dem Charme des Vogels kann sich kaum einer entziehen, denn der Kakadu hat ein besonderes Talent: Er kann tanzen. Das ist auf den ersten Blick vor allem lustig. Auf den zweiten Blick ist es jedoch eine kleine Sensation. Denn bisher ging man davon aus, dass nur der Mensch dazu in der Lage ist, sich im Takt zu Musik zu bewegen. Tanzen ist ein höchst komplexer Vorgang, der unzählige Fertigkeiten verlangt. Neben der Ausführung komplizierter Schrittfolgen geht es vor allem darum, die eigenen Bewegungen mit einem definierten Rhythmus zu synchronisieren. Schimpansen können zwar einigermaßen rhythmisch mit einem Stock auf einen Baumstumpf schlagen, sie sind aber nicht dazu in der Lage, die Schläge einem vorgegebenen Takt anzupassen.
Der Biologe Ani Patel vom Neuroscience Institute in San Diego erforscht das Rhythmusgefühl von Menschen. 2007 sieht er den Clip des tanzenden Kakadus und wird neugierig. Er macht Snowball in einem Tierheim in der Nähe von Chicago ausfindig. Für den Forscher soll der Kakadu sein Können unter verschärften Bedingungen unter Beweis stellen: Die Musik läuft mal schneller, mal langsamer. Patel filmt Snowball´s Darbietungen und wertet sie anschließend per Videoanalyse aus. Jede Bewegung wird mit dem Rhythmus der Musik verglichen und Snowball´s Taktgefühl statistisch erfasst. Die Ergebnisse veröffentlicht Patel im Juni 2008 auf einem Kongress in Montreal. Er ist sicher: Snowball tanzt im Takt. Was hat dieser Vogel, was ein Schimpanse nicht hat?
Patel stellt eine interessante Hypothese auf. Er geht davon aus, dass Papageien und Menschen ihr Rhythmusgefühl einer weiteren Gemeinsamkeit zu verdanken haben: Beide Spezies können sprechen lernen. Das funktioniert bei Papageien wie bei Babys: Zuerst hören sie zu und merken sich, wie ein Wort klingen soll. Der Klang wird als eine Art Vorlage im Gedächtnis gespeichert. Dann beginnen sie, nachzuplappern und vergleichen die eigenen Geräusche und Laute mit dieser Vorlage. Wenn das eigene Geplapper noch nicht mit dem Gelernten übereinstimmt, werden die Bewegungen des Sprechapparates so lange variiert, bis das gewünschte Wort aus dem Mund beziehungsweise Schnabel kommt. Das könnte der Schlüssel zum Rhythmusgefühl sein: Beim Sprechen lernen wird Gehörtes in eine bestimmte Bewegung umgesetzt – genauso wie beim Tanzen! Für diese Fähigkeit gibt es im Gehirn von Papageien und Menschen eine Art Schaltzentrale, die die einzelnen Schritte koordiniert. Sie besteht aus mehreren Neuronenkernen, den sogenannten Basalganglien.
Mit bildgebenden Verfahren konnten Forscher zeigen, dass beim
Menschen die
Basalganglien nicht nur beim Sprechen aktiv
sind, sondern auch dann, wenn der Rhythmus einer Musik wahrgenommen
wird. Ist die Fähigkeit, sich im Takt zu Musik zu bewegen,
also ein Nebenprodukt der Fähigkeit, sprechen zu lernen?
Vieles spricht dafür, dass der Rhythmus in der Musik
tatsächlich einen konkreten Nutzen für den Menschen hat.
Weltweit wird rhythmische Musik der unrhythmischen vorgezogen. Denn
erst der gleichmäßige Takt eines Liedes macht
möglich, dass Menschen gemeinsam Musik machen, hören und
erleben können. Geteilte, emotionale Erfahrungen stärken
den Zusammenhalt einer Gruppe. Und das kann überlebenswichtig
sein.
Amanda Mock
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