19 Jahre im Koma - der Fall Terry Wallis
Spektakuläre Selbstheilung des Gehirns
- Dienstag, 07. Oktober 2008, 21.00 - 21.45 Uhr
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Terry Wallis vor seinem Unfall
Die erstaunliche Fallgeschichte beginnt 1984 in Arkansas, tief im ländlichen Süden der USA. Terry Wallis ist 19 Jahre alt, ein junger Automechaniker, der vor kurzem Vater einer Tochter geworden ist. Mit zwei Freunden ist Terry auf einer Spritztour in seinem Transporter unterwegs. Auf einer Brücke kommt der Wagen von der Straße ab und stürzt in ein Flussbett. Einer der Freunde ist sofort tot, der andere überlebt unverletzt. Terry ist bewusstlos, er kommt ins Krankenhaus. Der Aufprall war so heftig, dass die Verbindung zwischen den beiden Hälften seines Kleinhirns gerissen ist. Wochenlang liegt der junge Mann im tiefen Koma. Schließlich verändert sich sein Zustand: Der Patient scheint manchmal fast aufzuwachen, seine Gehirnwellen folgen einem Schlaf-wach-Rhythmus, er zeigt manchmal Reaktionen auf die Umwelt, schmatzt, grunzt. Doch noch immer ist er fast völlig gelähmt. Die Ärzte diagnostizieren ein Wachkoma – und wissen nicht, ob er je wieder voll zu Bewusstsein kommen wird.
Rückkehr aus dem Schattenreich
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19 Jahre lang kam kaum eine Reaktion
Jahrelang liegt Terry Wallis so im Krankenhaus, sein Zustand bessert sich nicht. Doch seine Familie gibt ihn nicht auf: So oft es geht, holt sie Terry an den Wochenende nach Hause. Manchmal scheint er zu reagieren, wenn er angesprochen wird. Einen sichtbaren Fortschritt gibt es fast zwanzig Jahre lang nicht - bis zu einem Morgen im Juni 2003. Terrys Mutter besucht ihn wie fast jeden Tag im Pflegeheim. Die Pflegerin spricht Terry an, wie sie es immer tut, und fragt, wer ihn da wohl besuchen komme. Und diesmal antwortet Terry: „Mama“. Pflegerin und Mutter sind fassungslos: Er ist ansprechbar, er versteht, was man ihm sagt, er kann antworten und den Kopf bewegen.
Minimaler Bewusstseinszustand
- Zum Glossar Mehr zum Koma mit Resten von Bewusstsein, dem "Minimally Conscious State"
Sein Bewusstsein ist schlagartig zurückgekehrt. Rückblickend werden die Ärzte sagen, dass er die ganze Zeit über in einem minimalen Bewusstseinszustand war, nicht im Wachkoma.
Für immer in den 80er Jahren
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Drei Tage nachdem er aufgewacht ist, kann Terry Wallis wieder ganze Sätze sprechen
Jetzt wollen die Ärzte genau wissen, wie es um Terrys Gehirn steht. In den Sprachtests können sie keine Anzeichen von Beeinträchtigung finden: Terry benennt Gegenstände korrekt und befolgt Anweisungen richtig. Doch sein Gedächtnis ist schwer in Mitleidenschaft gezogen: Er kann keine neuen Informationen speichern, seine Erinnerung ist auf dem Stand von 1984 stehen geblieben. Wenn man ihn nach seinem Alter fragt, sagt er „19“ – wie zur Zeit seines Unfalls und glaubt, Ronald Reagan sei noch Präsident. Der Neurowissenschaftler Nicholas Schiff von der New Yorker Cornell Universität untersucht Terry mit neuen Methoden der Hirnforschung. Mit einer Weiterentwicklung der Kernspin-Tomografie, dem Diffusion Tensor Imaging (DTI) können Nervenfaser-Verbindungen in Terrys Kopf sichtbar gemacht werden. Nach 18 Monaten wiederholt der Forscher die Untersuchung.
Selbstheilung des Gehirns?
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Haben neue Nervenfaser-Verbindungen dazu geführt, dass Terry das Bewusstsein wieder erlangt hat? Ganz genau werden es die Wissenschaftler nie erfahren
Was die Wissenschaftler dabei entdecken, ist sensationell: In Terrys Hirn haben sich zwischen der ersten und der zweiten Untersuchung neue Nervenverbindungen entwickelt. Die Forscher glauben, dass sich möglicherweise Hirnareale wieder vernetzt haben, die intakt geblieben waren: Durch die neuen Nervenfasern konnten sie erst wieder miteinander kommunizieren. Möglich ist also, dass sich Terrys Gehirn selbst geheilt hat und dass sein Bewusstsein und seine Sprache wieder kamen, als die abgerissenen Verbindungen wieder hergestellt waren. Bisher kannte man so etwas nur aus Tierversuchen. Doch es ist die einzige Hypothese, die erklären kann, dass Terry Wallis nach 19 Jahren schlagartig wieder zu Bewusstsein kam. Ob es tatsächlich so war, wird allerdings Spekulation bleiben, denn Aufnahmen von Terrys Gehirn aus der Zeit vor seinem Unfall und den langen Jahren im Koma gibt es nicht – erst mit den modernen Verfahren war es möglich, das Hirn so genau zu durchleuchten. Was vor 2003 passiert ist, wird man nie erfahren. Trotzdem schreibt der Fall Wissenschaftsgeschichte, denn er bildet die große Ausnahme unter vielen Patienten, die aufgegeben wurden. Die Geschichte von Terry Wallis zeigt: Auch nach 20 Jahren kann unter ganz bestimmten Voraussetzungen im Gehirn noch ein Wunder passieren.
Autor: Jakob Kneser
Stand: 28.08.2007
Stichwörter
- 1 Wachkoma
- Das Wachkoma ist eine Form des Komas, in dem der Patient gewisse Reflexe und unwillkürliche Bewegungen zeigt, aber nicht bei Bewusstsein ist. Mehr unter dem Stichwort im Glossar, s. rechte Menüleiste.
- 1 Kernspin
- Die Kernspin-Untersuchung oder Magnetresonanztomografie (MRT) ist ein modernes medizinisches Verfahren, mit dem Bilder vom Inneren des Körpers hergestellt werden können. Dabei kommt der Patient in ein starkes, gleichmäßiges Magnetfeld – die berühmte Röhre, in die man geschoben wird. Das Verfahren basiert auf der Rotation (engl. spin) von Wasserstoffatomen im Körper. MRT bildet die Weichteile ab, nicht aber Knochen wie etwa ein Röntgenbild. Kernspin-Untersuchungen kommen daher vor allem in der Hirnforschung zum Einsatz. Im Gegensatz zum Röntgen belasten sie den Patienten nicht mit Strahlung. Eine Weiterentwicklung ist die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT). Sie bildet keine Hirnstrukturen, sondern Stoffwechselvorgäne im Gehirn ab: So kann man erkennen, welche Areale des Gehirns aktiv sind, wenn der Proband oder Patient an etwas Bestimmtes denkt. Eine andere Weiterentwicklung ist das sogenannte Diffusion Tensor Imaging (DTI), mit dem Terry Wallis untersucht wurde. Damit ist es möglich, die Ausbreitungseigenschaften von Wassermolekülen im Hirngewebe zu messen und so den Verlauf von Nervenfasern zu verfolgen. Innerhalb einer Nervenfaser bewegen sich die Wassermoleküle nämlich in einer bestimmten Richtung, während sie sich im umliegenden Hirngewebe nach allen Seiten frei ausbreiten können. Dieser Unterschied schlägt sich in unterschiedlichen magnetischen Signalen nieder, die die Moleküle aussenden.
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