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Quarks & Co
Sendung vom 14. Oktober 2008
Warum uns Energiesparen so schwerfällt
Die Erkenntnis ist nicht neu. Wer einmal etwas mehr Geld in die Hand nimmt, um ein etwas teureres energiesparendes Gerät zu kaufen, stellt sich langfristig oft besser. Ein energiesparender Kühlschrank macht sich in der Regel nach drei Jahren bezahlt. Trotzdem ist der Absatz solcher Geräte derzeit noch geringer als erwartet. Die Bundesregierung denkt inzwischen sogar darüber nach, den Kauf von Kühlschränken der Kategorie A++ zu subventionieren. Das rationale Wissen, langfristig zu sparen ist für unser Hirn emotional nicht zu verarbeiten. Zu sehr schreckt offenbar der hohe Anschaffungspreis. Mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren, begreifen die Hirnforscher allmählich, was hinter unserer ökonomischen Unvernunft steckt.
Unser Handeln wird von drei völlig verschiedenen Zentren im Gehirn angetrieben. Den unbewussten Emotionen, den bewussten Emotionen und dem Verstand. Letzterer ist leider das schwächste Glied in der Kette, sagen Hirnforscher. Das rationale Erfassen eines Problems führt noch lange nicht zu einer Verhaltensänderung. Dafür bedarf es starker Gefühle und einer unmittelbar bevorstehenden Gefahr. Sich selbst zu ändern, weil es vernünftig ist, ist nach Ansicht der Forscher praktisch unmöglich. Denn unsere emotionalen Zentren in der Tiefe des Gehirns besitzen keine Zeitachse. Sie sind immer auf der Suche nach der schnellen Belohnung.
Quarks & Co wollte es wissen und hat ein Experiment gewagt. Drei intelligente junge Männer, die Physikstudenten Sebastian und Oliver, und der Medizintechniker Christian haben sich dafür zur Verfügung gestellt. Alle drei sagen, dass es ihnen leicht fällt, Entscheidungen zu treffen. Und dass sie sich dabei eher nach ihrem Verstand richten als nach dem Bauchgefühl.
Unser Experiment haben wir im Forschungszentrum „Life and
Brain“ an der Universität Bonn gemacht. Dort müssen
die drei Probanden über den Erhalt einer Geldsumme
entscheiden. Versuchsleiter Bernd Weber bietet ihnen jeweils zwei
unterschiedlich hohe Summen an: eine niedrige, die sie schnell
erhalten, und eine hohe, auf die sie länger warten
müssen. Während die Teilnehmer sich entscheiden, liegen
sie in einem
Kernspintomografen. Er macht Aufnahmen von
der Aktivität ihres Gehirns und kann zeigen, welche Regionen
bei der Entscheidung besonders aktiv sind.
Sind die Unterschiede zwischen den Geldbeträgen gering, entscheiden sich alle drei Versuchspersonen dafür, das Geld möglichst früh zu bekommen. Erst bei einem Unterschied von 50 Prozent scheint das Warten auf die höhere Summe lohnenswert. Interessant sind aber vor allem die Bilder aus dem Kernspintomografen, die Versuchsleiter Weber nach der Auswertung des Experimentes vorlegt. Bei der Entscheidung für das schnelle Geld war bei den Teilnehmern eine Region im Gehirn besonders aktiv, die auch als Belohnungszentrum bezeichnet wird. Das bedeutet, dass Sebastian, Oliver und Christian mit guten Gefühlen auf ihre Entscheidung für das schnelle Geld reagiert haben. Bei der Entscheidung, länger auf die höhere Summe zu warten, waren im Gehirn überwiegend die Zentren für Vernunft aktiv. Die „vernünftige“ Entscheidung führte also nicht zu einer subjektiv empfundenen Belohnung.
Die Studie bestätigt, dass kurzfristige Belohnungen wesentlich attraktiver für uns sind als langfristige. Deshalb verhalten wir uns oft unvernünftig. Deutlich wird das zum Beispiel bei der Anschaffung eines neuen Kühlschranks. Moderne Geräte mit der Kennzeichnung A++ verbrauchen deutlich weniger Strom als die üblicherweise angebotenen A-Geräte. Doch gleichzeitig ist der Kaufpreis der A++-Geräte etwas höher. Im Elektronikladen vor die Wahl gestellt welches Gerät gekauft wird, schlägt also wahrscheinlich die kurzfristige emotionale Belohnung durch den günstigeren Kaufpreis die langfristige nüchterne Belohung durch die geringeren Verbrauchskosten.
Die Kernspin-Untersuchung wird wissenschaftlich korrekt als Magnetresonanztomografie (MRT) bezeichnet. Die MRT ist ein modernes medizinisches Verfahren, mit dem Querschnittsbilder vom Inneren des Körpers hergestellt werden können. Dabei kommt der Patient in ein starkes, gleichmäßiges Magnetfeld – die berühmte Röhre, in die man geschoben wird. Das Verfahren basiert auf der Schwingung von Wasserstoffatomen im Körper. Es bildet die Weichteile ab, nicht aber Knochen wie etwa ein Röntgenbild. Kernspin-Untersuchungen kommen daher vor allem in der Hirnforschung zum Einsatz. Im Gegensatz zum Röntgen belasten sie den Patienten nicht mit Strahlung.
Um lokale Änderungen der Hirnaktivität bestimmen zu können, wird in der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) das so genannte BOLD-Verfahren (Blood Oxygen Level Dependency) eingesetzt, mit dem sich Änderungen der magnetischen Eigenschaften des Blutfarbstoffs Hämoglobin mit dessen Sauerstoffbeladung erfassen lassen.
Steigt die elektrochemische Aktivität der Gehirnzellen eines Hirnareals an, so steigt auch ihr Bedarf an Sauerstoff und Glukose, der durch einen komplizierten und im Einzelnen immer noch unverstandenen Regulationsmechanismus (Neurovaskuläre Kopplung) der Gehirngefäße ausgeglichen wird. Die Änderungen des Blutflusses, der vorhandenen Blutmenge sowie der Sauerstoffsättigung des Bluts haben Veränderungen des lokalen Magnetfelds zur Folge, die sich im BOLD-Signal widerspiegeln. So ist es mittels des BOLD-Signals und der funktionellen Magnetresonanztomografie möglich, nicht nur die mit Röntgen-Aufnahmen vergleichbare anatomische Bilder des Gehirns zu gewinnen, sondern auch lokale Änderungen der Gehirnaktivität zu bestimmen.
Lars Westermann
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