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Früh erkannt, Gefahr gebannt?

Warum die Krebsvorsorge auch schaden kann

  • SendeterminDienstag, 21. Oktober 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 25. Oktober 2008, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).
Aus dem Arm eines Mannes werden mit einer Kanüle einige
Milliliter Blut entnommen
Vorsorgeuntersuchungen können auch schaden

Das Ziel der Krebsvorsorge ist klar und einfach: Krebs soll möglichst früh erkannt werden. Und je früher er erkannt wird, heißt es, desto größer sind die Heilungschancen. Für die meisten Patienten ist es daher auch gar keine Frage, solche Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Dass sie auch schaden können, wissen die wenigsten. Und leider klären viele Ärzte über diese Tatsache zu wenig auf.

Zweifelhafte Vorsorge bei Prostatakrebs

Ist ein Mann über 45 Jahre alt, empfehlen fast alle Urologen den sogenannten StichwortPSA-Test zur Vorsorge von Prostatakrebs. PSA steht für Prostata-spezifisches Antigen. Das ist ein Eiweiß, das bei einer Krebserkrankung der Prostata unter Umständen verstärkt gebildet wird und im Blut zirkuliert. Durch einen Bluttest wird die genaue Konzentration des PSA gemessen. Der Test kostet rund 25 Euro, die der Patient selbst bezahlen muss. Aber der Test ist ungenau.

Bei 120 von 1.000 Männern um die 65 Jahre fällt der Wert verdächtig hoch aus. Eine Gewebeprobe ist die Folge, doch bei 80 dieser Männer stellt sich der erhöhte PSA-Wert als Fehlalarm heraus. Ohne den Test wären ihnen Sorgen und die schmerzhafte Entnahme verdächtigen Gewebes erspart geblieben. Bei rund 40 von 1000 Männern wird allerdings ein Tumor entdeckt. Damit hat der PSA-Test eigentlich sein Ziel erreicht.

Aber tatsächlich ist nur ein Teil der Tumore auch gefährlich. Laut einer Studie niederländischer Forscher an der Erasmus-Universität in Rotterdam hätte über die Hälfte der Tumore, die der Test bei Männern um die 65 findet, die Patienten nie belästigt. Und auch wenn der Tumor Beschwerden macht,die wenigsten sterben daran. Denn Prostatakrebs wächst oft sehr langsam. Fast jeder zweite 80-jährige Mann hat Prostatakrebs,die spätere Todesursache wird in der Regel aber eine ganz andere Krankheit sein.

Risiko Impotenz

Während einer Operation wird die Prostata entfernt
Prostata-Operationen haben oft unangenehmen Folgen

Wird die Prostata wegen eines Krebsverdachts operiert, so sind die Folgen oft drastisch: Rund jeder zweite Mann wird impotent. Für einen Mann, der dank Früherkennung länger lebt, ein akzeptabler Preis. Aber die übrigen Männer werden durch den PSA-Test unnötig geschädigt. In Studien rechnen US-Experten vor: Wenn bei 40 von 1.000 Männern um die 65 dank des PSA-Tests Krebs entdeckt wird, bedeutet das nur für drei dieser Männer einen echten Nutzen: Ihnen wird Leid erspart und ihr Leben verlängert sich. Fünf Männer sterben trotz Früherkennung am Krebs. Die restlichen 32 sterben an ganz anderen Krankheiten und hätten den Krebs meist nicht einmal gespürt.

Fehlerhafte Mammografie

Eine Frau prüft ihre Brust
Das individuelle Risiko für Brustkrebs wird meist überschätzt

17.500 Frauen sterben in Deutschland jährlich an Brustkrebs. Statistisch gesehen bedeutet das: Ein neugeborenes Mädchen bekommt mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent irgendwann im Laufe seines Lebens Brustkrebs. Doch tatsächlich beträgt das Risiko, zu einem bestimmten Zeitpunkt im späteren Leben zu erkranken, nur ein Bruchteil dieses lebenslangen Risikos. Von 1.000 Frauen im Alter von 60 erkranken nur etwa fünf innerhalb von zwei Jahren. Anders ausgedrückt: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,5 Prozent hat eine Frau in diesem Alter keinen diagnostizierbaren Brustkrebs. Das individuelle Risiko für Brustkrebs wird also meist überschätzt.

Web-Tipp: Mammographie-Screening

Viele Frauen lassen regelmäßig eine Mammografie machen, weil sie sicher sein wollen, dass alles in Ordnung ist. Doch die Mammografie ist nicht fehlerfrei. Statistiken aus dem holländischen Brustkrebs-Früherkennungsprogramm zeigen: Ein Drittel der Tumore wird beim Röntgen übersehen, obwohl gerade in Holland die Mammografie seit Jahren strengen Qualitätskontrollen unterliegt. Außerdem werden viele Frauen durch eine Mammografie mit einem Fehlalarm konfrontiert. Bei 1.000 Frauen, die zehn Jahre lang zur Mammografie gehen, sind das fünf Untersuchungen pro Frau. Im Laufe der Zeit wird es bei rund 200 von ihnen einen Krebsverdacht geben. Das bedeutet zunächst einen Schock für die Betroffene. Und es müssen daraufhin weitere Untersuchungen folgen. Bei rund 40 bis 50 Frauen erhärtet sich dann der Verdacht, so dass die Ärzte eine Gewebeprobe veranlassen. An den verdächtigen Stellen wird dabei aus der Brust eine Gewebeprobe entnommen. In vielen Fällen haben sich die Patientinnen umsonst Sorgen gemacht, denn schließlich lautet der Befund nur bei rund der Hälfte der Frauen tatsächlich Krebs. In nur etwa 20 von 200 Verdachtsfällen also bewahrheitet sich die nach dem Röntgen aufgeworfene Krebsvermutung.

Ernüchternde Bilanz der Vorsorge

Auf einer Brust wird der zu operierende Bereich eingezeichnet
Die Brustkrebsfrüherkennung rettet nur wenige Leben

Die Früherkennung ist keine Garantie für Heilung. Wenn 1.000 Frauen zur Mammografie gehen und Krebs dadurch früh entdeckt wird, werden trotzdem sechs bis sieben der Frauen im Laufe von zehn Jahren daran sterben. Gehen alle diese Frauen dagegen nicht zur Mammografie, sterben acht - wie mittlerweile mehrere Studien belegt haben. Also haben nur ein bis zwei von 1.000 Frauen einen echten Nutzen von der Vorsorgeuntersuchung. Zur Erinnerung: 200 Frauen werden in dieser Zeit mit der zumeist falschen Diagnose „Krebsverdacht“ konfrontiert. Sie erleiden einen Schaden durch unnötige Gewebeentnahmen oder zumindest durch psychische Belastungen.

Dass die Brustkrebsvorsorge so wenig bewirkt, liegt auch in der Biologie des Krebses begründet. Denn ein Teil der Tumore ist äußerst aggressiv. Selbst wenn sie in einem scheinbar frühen Stadium entdeckt werden, haben sie schon Metastasen gebildet. Die Früherkennung bewirkt dann nur eines: Die betroffenen Frauen wissen länger um ihren Krebs. Ihr Leben verlängert sich dagegen um keinen Tag.

Wann Vorsorge sinnvoll ist

Auch bei allen anderen Vorsorgeuntersuchungen besteht die Gefahr, dass ein falscher Krebsverdacht entsteht oder dass ein Krebs nicht erkannt wird. Außerdem haben die einzelnen Methoden unter Umständen Nebenwirkungen. Dem gegenüber steht die entscheidende Frage: Kann man mit der Untersuchung Leben retten oder verlängern? Leider fällt ausgerechnet diese Antwort aus wissenschaftlicher Sicht in keinem Fall eindeutig aus, denn es fehlen aussagekräftige Studien. Dennoch halten kritische Experten sowie die Stiftung Warentest folgende Früherkennungsmethoden für geeignet, weil der Nutzen den Schaden zumindest leicht überwiegt:

  • Darmkrebs-Vorsorge durch Darmspiegelung

  • Darmkrebs-Vorsorge durch Tests auf Blut im Stuhl

  • Hautkrebs-Vorsorge durch Ganzkörperuntersuchung beim Hautarzt

  • Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge durch Test auf Papilloma-Viren

  • Brustkrebs-Vorsorge durch Mammografie (wird trotz oben genannter Kritik von vielen Ärzten empfohlen)


Bei allen anderen Methoden wie dem PSA-Test, dem Ultraschall zum Beispiel der Bauchspeicheldrüse oder dem Röntgen der Lunge ist der Schaden größer als der Nutzen.

Stichwörter

1 PSA-Test
Der PSA-Test besteht aus einer Blutuntersuchung, die das „Prostataspezifische Antigen“ (PSA) nachweist – ein Körpereiweiß, das ausschließlich die Vorsteherdrüse bildet. Liegt ein Tumor vor, produziert die Prostata besonders viel von diesem Stoff. Allerdings kann der PSA-Wert auch aus anderen Gründen erhöht sein. Eine häufige Fehlerquelle zum Beispiel ist ein harter Fahrradsattel. Drückt er bei der Fahrt zum Arzt gegen die Vorsteherdrüse, steigt der PSA-Wert ebenfalls an. Zurück zum Absatz
Autor:

Thomas Liesen

Stand: 21.10.2008


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