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Warum sind Geschwister so verschieden?

Die Familie macht Kinder sogar unähnlicher

  • SendeterminDienstag, 28. Oktober 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 01. November 2008, 08.45 - 09.30 Uhr (Wdh.).
Trickfilmfamilie mit Kindern am Esstisch
Die Kinder einer Familie haben meist deutlich unterschiedliche Charakterzüge

Viele Eltern berichten, dass sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes überrascht sind, wie stark sich Temperament und Persönlichkeit der Geschwister vom ersten Tag an unterscheiden. Im Laufe der Kindheit scheinen sich die Unterschiede oft noch zu verstärken. Das eine Kind ist zum Beispiel ruhig, angepasst und introvertiert, dass andere wild, rebellisch und kontaktfreudig. Die Wissenschaft kann dieses subjektive Urteil bestätigen: Geschwister sind sich erstaunlich unähnlich, sowohl was Äußerlichkeiten als auch ihre Persönlichkeit angeht. Die Liste der untersuchten Eigenschaften ist lang: Schulerfolg, Intelligenz, Extravertiertheit, Depression und vieles mehr. Selbst beim Schulerfolg, wo die Unterschiede noch am geringsten sind, liegen Geschwister statistisch etwa halb so weit auseinander wie Fremde. Noch stärker unterscheiden sich Eigenschaften wie Gedächtnisleistung und die meisten Grundeigenschaften der Persönlichkeit – hier sind sich Geschwister fast so unähnlich wie zufällig ausgewählte Gleichaltrige.

Gene und Umwelt

Trickfilmkinder mit Prozentzahl "–10%"
Mittelkinder erhalten rund zehn Prozent weniger Betreuungszeit

Die Frage, in welchem Umfang das Erbgut die Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen bestimmt, wird schon seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Die meisten Wissenschaftler stimmen heute darin überein, dass sowohl die Gene als auch die Lebensumwelt den Menschen formt und dass die Rolle dieser beiden Einflüsse für jede Eigenschaft verschieden groß ist. Ein Beispiel ist der Erfolg in einem IQ-Test. Die Zahlen der Forscher legen nahe, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen zur Hälfte auf genetischen und zur anderen Hälfte auf Umwelteinflüssen beruhen. Die meisten Eigenschaften der Persönlichkeit, wie Extravertiertheit, Umgänglichkeit, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität scheinen geringere erbliche Anteile zu haben. Schon von den Genen her unterscheiden sich Geschwister erheblich. Kinder erhalten je die Hälfte ihres Erbgutes von Mutter und Vater – aber der weitergegebene Teil ist bei jedem Kind anders. Theoretisch können sich Geschwister deshalb in allen prägenden Erbanteilen unterscheiden. Im Mittel liegt die genetische Ähnlichkeit bestenfalls bei 50-50. Das erklärt schon einen Teil der Unterschiede zwischen Geschwistern. Dazu kommt noch der Einfluss der "ungeteilten" Umwelt; unterschiedliche Freunde, andere Lehrer und Freizeitaktivitäten prägen Geschwister auf unterschiedliche Weise.

Die Familie ist nicht für alle gleich

Trickfilmkind vor Tafel mit erklärenden Zeichnungen
Die älteren Kinder profitieren von ihrer Rolle als "Lehrer" und Erklärer

Lange gingen Psychologen davon aus, dass wenigstens die Familie für die Kinder eine "geteilte Umwelt" ist; dass also Geschwister durch die Familie in gleicher Weise geformt werden. Eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten widerlegt aber dieses Bild:

  • Wenn die Familie wächst, dann müssen die Eltern Zeit und Geld auf mehr Köpfe verteilen. Das führt vor allem zu einer Benachteiligung der Mittelkinder. Eine Studie aus den USA zeigt: Sie erhalten über die gesamte Kindheit gerechnet zehn Prozent weniger Betreuungszeit als die Erstgeborenen und die Nesthäkchen.
  • Unterschiede gibt es sogar in der Gesundheitsversorgung: Die Wahrscheinlichkeit, gegen Masern geimpft zu werden, sinkt bei jedem Kind um bis zu 20 Prozent – so eine britische Untersuchung.
  • Auch wenn Eltern es vermeiden wollen: Meistens entwickelt sich eines der Kinder zum Lieblingskind. Rund die Hälfte der Mütter gibt in Studien zu, ein Kind zu bevorzugen, meistens das jüngste. Die Kinder selber sind da sensibler: Bis zu zwei Drittel berichten von parteiischen Eltern.
  • Eine aktuelle norwegische Studie zeigt, dass nach dem Abschluss der Kindheit die Ältesten einen messbaren Intelligenz-Vorsprung vor ihren Geschwistern haben. Sie profitieren wahrscheinlich von ihrer Rolle als "Lehrer" und Erklärer.
  • Die Kreativität eines Kindes hängt vom Geschlecht der Geschwister ab. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass Jungen vor allem von einer großen Schwester profitieren. Wahrscheinlich wenden diese Jungen stärker auch weibliche Lösungsstrategien an. Schwestern hingegen lernen kaum von einem Bruder.

Jedes von mehreren Geschwistern erlebt also gewissermaßen eine andere Familie, weil es von den Eltern anders behandelt wird, oder sich zumindest anders behandelt fühlt. Dazu kommt, dass jedes Kind in einer Familie Geschwister hat und die Auseinandersetzung mit ihnen die Persönlichkeit auf einmalige Weise formt.

Geschwister grenzen sich ab

Neben den unterschiedlichen Erbanlagen und der unterschiedlichen Umwelt gibt es noch einen weiteren Grund dafür, dass Geschwister so unähnlich sind. Geschwisterforscher haben beobachtet, dass die Kinder in einer Familie bemüht sind, sich voneinander abzugrenzen. Die Wissenschaftler sprechen von De-Identifikation: Geschwister suchen sich unbewusst eine Nische, eine einmalige Rolle im Gefüge der Familie und versuchen so die maximale Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern zu erhalten. Darum gibt es neben dem stillen Musterschüler oft den wilden Rabauken in der Familie. Geschwister sind vielen verschiedenen Einflüssen ausgesetzt, die sie einander unähnlicher machen: ihren unterschiedlichen Genen, unterschiedlichen Erfahrungen außerhalb der Familie und eben auch unterschiedlichen Erfahrungen innerhalb der Familie. Ganz besonders deutlich wird die Rolle der Familie am Beispiel eineiiger Zwillinge: Sie sind sich in ihrer Persönlichkeit ähnlicher, wenn sie in verschiedenen Familien aufgewachsen sind und sich nicht voneinander abgrenzen mussten.

Autor:

Daniel Münter

Stand: 28.10.2008


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