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Quarks & Co
Sendung vom 28. Oktober 2008
Gibt es den optimalen Altersabstand bei Geschwistern?
Vor sechs Wochen kam Evas Tochter Valentina zur Welt. Die zweijährige Ella ist nun kein Einzelkind mehr, sondern Valentinas "große" Schwester. Als die Mutter mit Valentina schwanger war, stellte sie sich einige Fragen: Wie wird Ella auf ihre kleine Schwester reagieren und wie wird das mit einem zweiten Kind? Sie erinnerte sich, dass – als sie selbst zwei Jahre alt war – ihre Familie Ende der 1970er-Jahre an einer Studie teilgenommen hatte, bei der es genau um diese Fragen ging. Die Wissenschaftlerin Yvonne Schütze vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin beobachtete 16 Familien, die zu Studienbeginn ihr zweites Kind erwarteten. Über zwei Jahre hinweg dokumentierte sie mit zwei Mitarbeitern in regelmäßigen Abständen mit einer Videokamera, wie sich die Geschwisterbeziehung entwickelt und wie die Eltern mit der neuen Familiensituation umgehen. Über die Auswertung des Filmmaterials wollten die Wissenschaftler herausfinden, welche Rolle der Altersabstand auf das Verhältnis der Geschwister hat.
Als Eva zwei Jahre alt ist, wird ihre Schwester Laura geboren. Genau derselbe Altersabstand wie heute bei ihren eigenen Töchtern. Daher interessiert es Eva sehr, wie sie sich damals verhalten hat. Die alten Filmaufnahmen zeigen, dass Eva in den ersten Monaten immer um die Aufmerksamkeit der Mutter kämpfte. Sie interessierte sich kaum für ihre Schwester. Egal, ob die Mutter das Baby stillt, wickelt oder es auf dem Arm hat, Eva war dabei und machte lautstark auf sich aufmerksam. Ein immer wiederkehrendes Muster, auch bei anderen Kindern. Im Verlauf der Studie zeigt sich auch, dass die Kinder im ersten halben Jahr noch keine eigene Beziehung zueinander aufbauen. Yvonne Schütze beobachtet, dass sich die Szenerie ändert, wenn das zweite Kind anfängt zu krabbeln; etwa mit dem achten oder neunten Monat. Die Eifersucht der Älteren schlägt nun häufig in Aggression um – und manchmal nicht zu knapp. Das Konfliktpotenzial zwischen Geschwistern wächst in dieser Phase dermaßen an, dass auch die Vermittlungsversuche der Eltern oft erfolglos bleiben.
Eine neue Form der Geschwisterbeziehung entwickelt sich, wenn das zweite Kind etwa anderthalb Jahre alt ist. Auch in dieser Phase kommt es zu Konflikten zwischen den Kindern, aber die Jüngeren beginnen, sich zu wehren.
"Wir konnten beobachten, dass die Reaktion des älteren Kindes sehr vom Altersunterschied abhängt. Wenn das ältere Kind zwei bis drei Jahre älter war, fand häufig das sogenannte Entthronungstrauma statt", so Yvonne Schütze. Besonders deutlich wird das in den alten Filmaufnahmen von Eva und ihrer Familie: Eva steht anfangs oft traurig in der Ecke und guckt auf das Bett, in dem ihre kleine Schwester Laura liegt. Je älter Laura aber wird, umso eifersüchtiger reagiert Eva. Sie will sich nicht von ihrem Thron stoßen lassen. Im Alter zwischen zwei und drei Jahren sind die Kinder in der Identitätsfindungsphase und noch sehr fixiert auf die Eltern. Daher kommt es im Altersabstand von zwei, drei Jahren zu großen Konflikten. Die wenigsten Probleme beobachtete Yvonne Schütze, wenn das ältere Kind sehr viel jünger war und das Geschwisterchen noch nicht als Konkurrenz wahrgenommen hat. Aber auch die Kinder, die schon in den Kindergarten gingen und in die Pflege des Babys aktiv mit einbezogen werden konnten, reagierten sehr viel weniger eifersüchtig.
Die zweijährige Ella drückt ihre Eifersucht bislang noch nicht mit Worten aus. Aber ihre Mutter Eva stellt Veränderungen im Verhalten von Ella fest. Seit dem Tag der Geburt von Valentina, macht Ella wieder in die Hose. Auch beim Schlafengehen fordert sie mehr Aufmerksamkeit ein als vorher. Eva versucht, ihre ältere Tochter ganz langsam mit der neuen Situation vertraut zu machen und viel Zeit mit ihr zu verbringen.
Lena Rumler
Stand: 28.10.2008
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