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Quarks & Co
Sendung vom 28. Oktober 2008
Wenn Geschwister nur noch streiten
Psychologen sehen den Geschwisterstreit als etwas durchaus Positives. Er trainiert fürs Leben und fördert die soziale Kompetenz der Geschwister und ihre Fähigkeit, Konflikte zu lösen. Doch wenn die Geschwister ständig aufeinanderprallen, sich schlagen oder in Extremfällen sogar den Tod wünschen, dann sollten die Eltern professionelle Hilfe holen.
Bei der Geschwisterrivalität geht es um die Gunst der Eltern. Damit verbundene Gefühle sind Neid, Eifersucht, Schmerz, Wut aber auch Missgunst bis hin zu Hassgefühlen. Über die Ursachen der Geschwisterrivalität wird viel diskutiert und spekuliert. Tatsache ist, dass ein älteres, erstgeborenes Kind lernen muss, mit dem jüngeren, nachgeborenen zu teilen. Dabei ist es für den Älteren oft schwierig zu akzeptieren, dass er nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Eltern steht. Außerdem haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Geschwister intensiv miteinander rivalisieren, wenn der Altersabstand zwischen zwei und drei Jahren liegt und sie das gleiche Geschlecht haben. Deutlich weniger rivalisieren Geschwister in einer anderen Konstellation: Wird zuerst ein Sohn geboren und mindestens 3,5 Jahre später eine Tochter, ist die Geschwisterbeziehung deutlich weniger von Rivalität gekennzeichnet. Doch: Wie heftig die Rivalität zwischen den Geschwistern wird, hängt vor allem vom Verhalten der Eltern ab. Wenn die Eltern die Eigenschaften und Fähigkeiten ihrer Kinder in Kontrast setzen und bewerten (beispielsweise "Der Große ist unsportlich." oder "Der Kleine hat zwei linke Hände."), wird die Rivalität zwischen den Geschwistern verstärkt. Das Gleiche gilt, wenn die Eltern – oft unbewusst – die Kinder ungerecht behandeln oder ständig ein Kind bevorzugen. Damit schaffen die Eltern eine Atmosphäre, in der Rivalität und damit verbundene Gefühle von Neid und Eifersucht an der Tagesordnung sind.
Die Eltern können schon vor der Geburt des Geschwisterchens ihr Kind auf das "freudige Ereignis" vorbereiten. So können sie dem Kind beispielsweise die Vorteile des Lebens mit einem Bruder oder einer Schwester verdeutlichen und darauf achten, dass es nicht zu kurz kommt. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die ablehnende Haltung des Älteren in Grenzen hält. Gerade in den ersten Monaten kümmert sich die Mutter intensiv um das Neugeborene. Deshalb ist es wichtig, dass der Vater gerade auch in dieser Zeit dem älteren Kind mehr Aufmerksamkeit schenkt.
Doch wenn die Geschwister nur noch streiten und das Familienleben vom Streit der Geschwister dominiert wird, dann sollten Eltern nicht zögern und sich professionelle Hilfe holen; beispielsweise in einer Tagesklinik einer Jugend- und Kinderpsychiatrie. Aber auch therapeutische Praxen oder Erziehungsberatungsstellen bieten Hilfe an. Ziel der Therapeuten ist es, die rivalisierenden Geschwister wieder schrittweise zusammenzuführen. Die Therapeuten versuchen dabei beispielsweise durch Spiele herauszufinden, welche Situationen den Streit bei den Geschwistern auslösen. In fast allen Fällen finden die Therapeuten heraus, dass das Verhalten der Eltern die Rivalität verstärkt. Deshalb ist es wichtig, dass die ganze Familie mitmacht. In Beratungsgesprächen erklären die Therapeuten den Eltern, warum sie die Rivalität zwischen ihren Kindern durch falsches Verhalten sogar noch angestachelt haben und geben ihnen Tipps, wie sie die ungünstigen Verhaltensmuster durchbrechen können. So sollten die Eltern gerade bei kleinen Streitereien zwischen den Geschwistern nicht sofort eingreifen, sondern den Kindern die Möglichkeit geben, selbst eine Lösung für den Streit zu finden. Eskaliert der Streit jedoch, sollten die Eltern zwischen den Kindern vermitteln und eine Lösung finden. Auf keinen Fall sollten sie den Streit unter den Teppich kehren. Wichtig ist es auch, dass die Eltern nicht für ein Kind Partei ergreifen – zum Beispiel weil sie vermuten, dass der Größere wieder den Kleineren geärgert hat. Außerdem sollten die Eltern betonen, dass jedes Kind seine Stärken hat und diese sich gut ergänzen können. Eltern fördern ungewollt die Konkurrenz, wenn sie dem Kind ständig sagen: "Du kannst das sowieso nicht, lass das lieber deinen Bruder machen."
Natascha Williams
Stand: 28.10.2008