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Rückzug ins Selbst

Theorien und Ursachen des Autismus

  • SendeterminDienstag, 04. November 2008, 21.00 - 21.45 Uhr .
  • WiederholungsterminSamstag, 08. November 2008, 10.35 - 11.20 Uhr (Wdh.).

Die Anfänge

Foto Asperger mit anderen Ärzten und Patienten in Klinik
In den 1940er Jahren war der Wiener Arzt Hans Asperger einer der ersten, der den Autismus erforschte

Der Psychologe Leo Kanner beschrieb in den 1940er Jahren elf „seltsam zurückgezogene“ Kinder aus seiner Klinik in Baltimore in einer Fachzeitschrift. Zur selben Zeit lebte in Wien der Arzt Hans Asperger, der ebenfalls vier autistische Kinder beobachtete und beschrieb. Seine Patienten konnten im Gegensatz zu denen von Kanner sprechen und waren nicht geistig behindert. Heute gelten die Fallbeschreibungen von Kanner und Asperger als Grundsteine der Autismus-Forschung. Doch so genau die beiden Wissenschaftler ihre autistischen Patienten auch untersuchten, über die Ursache der Krankheit konnten sie nur Vermutungen anstellen. Kanner hielt anfangs sowohl Vererbung als auch Erziehung für mögliche Ursachen; Asperger glaubte, dass die Krankheit vom Vater auf den Sohn übertragen wird.

Sind die Mütter schuld?

Ein anderer Forscher war dagegen fest davon überzeugt, dass die Mütter an der Krankheit schuld seien: Der Psychologe Bruno Bettelheim glaubte, dass Kinder sich in sich selbst zurückzögen, wenn sie sich nicht gewünscht und geliebt fühlen. Für Bettelheims Theorie, die er in den 1960er Jahren entwickelte, sprach anscheinend, dass die Eltern von Autisten oft Intellektuelle waren. Denen wurde unterstellt, dass sie weniger herzlich und warm mit ihren Kindern umgehen. Doch diese Hypothese berücksichtigte nicht, dass man damals noch wenig über die Krankheit wusste und dass deshalb hauptsächlich wohlhabende und gebildete Eltern ihre Kinder zu Spezialisten bringen konnten. Heute weiß man, dass Autismus nichts mit einer falschen Erziehung oder lieblosen Eltern zu tun hat.

Zwillinge zeigen den Weg

Foto: Bild mit Konferenzteilnehmern im Vordergrund, andere Bilder
seitlich angeschnitten
In den 1970er Jahren waren die Ursachen von Autismus noch unbekannt. Auf ihren Konferenzen konnten die Wissenschaftler nur Vermutungen anstellen

In den 1970er Jahren, zehn Jahre nach Bettelheim kannte man die Ursachen des Autismus immer noch nicht: Ein seltsamer Hirnschaden nach der Geburt? Der Einfluss des Milieus? Die Wissenschaftler diskutierten viele Möglichkeiten. Erst Ende der 70er Jahre zeigten Studien, dass Geschwister von Autisten mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit auch autistisch sind als andere Kinder – ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Krankheit in der Familie weitervererbt wird. Und bei eineiigen Zwillingen, die identische Gene haben, gibt es fast nie nur einen Autisten. Damit war klar, dass das Erbgut die entscheidende Rolle bei der Krankheit spielt. Zahlreiche Untersuchungen der letzten zwanzig Jahre bestätigen das. Äußere Faktoren wie Immunerkrankungen oder Infektionen könnten einen gewissen Einfluss haben, doch zu 90 Prozent wird die Krankheit von den Genen bestimmt.

Sind alle Männer Autisten?

Foto: Mikroskopbild der Kristallstruktur des Testosteron
Männer sind häufiger autistisch als Frauen. Hat das etwas mit diesem Stoff - dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron - zu tun?

Aber von welchen Genen? Ein Faktor wird sofort klar, wenn man sich das Geschlechterverhältnis beim Autismus ansieht: Bei den schweren Fällen des Stichwortfrühkindlichen Autismus kommen auf ein Mädchen etwa vier Jungen. Bei den leichteren Fällen des so genannten StichwortAsperger-Syndroms ist das Verhältnis einiger Studien zufolge sogar eins zu über zehn. Das Geschlecht spielt also eine Rolle. Warum das so ist, könnte mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron zusammenhängen. Vielleicht, so die Theorie von englischen Wissenschaftlern um Simon Baron-Cohen, führt eine Überdosis Testosteron, die der Embryo im Mutterleib abbekommt, zur autistischen Fehlentwicklung im Gehirn. Das würde erklären, warum nicht nur Autisten, sondern auch nicht autistische Männer – wenn auch weniger stark – Probleme haben, Gefühle von anderen Menschen zu erkennen. Verschiedene Tests scheinen dies zu bestätigen: Dabei sollten Probanden zum Beispiel Gefühle nur an einem Foto der Augenpartie erkennen. Autisten schneiden hier erwartungsgemäß schlecht ab. Aber bei nicht autistischen Probanden konnten sich Frauen im Durchschnitt besser vorstellen, was der Mensch auf dem Foto fühlt, als Männer, denen das gleiche Foto vorgelegt wurde.

Ein genetisches Puzzle

Foto: Blut fließt aus Pipette in Reagenzglas
Im Blut von Autisten untersuchen Wissenschaftler die Erbanlagen. Ergebnis: Wahrscheinlich verursacht eine Kombination aus verschiedenen genetischen Besonderheiten die Krankheit

Wenn man die Gene von Autisten genau betrachtet, zeigt sich, dass ihre Krankheit nicht mit einer einzelnen Veränderung des Erbguts zusammenhängt. Vielmehr haben Forscher auf verschiedenen Genen Abschnitte gefunden, die bei autistischen Menschen verändert sein können. Die autistische Störung beruht demnach vermutlich auf Veränderungen mehrerer Gene und wahrscheinlich auch auf den Wechselwirkungen zwischen den verdächtigen Genen. Damit ließe sich auch erklären, warum die Krankheit unterschiedlich schwer ausgeprägt sein kann und warum die Variationsbreite an Störungen bei Autisten so groß ist. Die genetischen Veränderungen könnten zu einer gestörten Gehirnentwicklung bei Autisten führen. Dass bei den meisten Autisten Auffälligkeiten im Gehirn vorliegen, haben Untersuchungen gezeigt. Was diese Gehirnveränderungen aber genau bedeuten, ist noch nicht klar.

Blick ins Gehirn

Einige Veränderungen betreffen Hirnareale, in denen Wissenschaftler Spiegelneuronen vermuten. Spiegelneuronen sind Nervenzellen im Gehirn, die bei gesunden Menschen aktiv werden, wenn diese Handlungen beobachten. Bei autistischen Menschen sind die Spiegelneuronen viel weniger aktiv. Da Spiegelneuronen eine Rolle für das soziale Verständnis spielen könnten, könnten gestörte Spiegelsysteme ein Grund dafür sein, warum autistische Menschen sich nur so schlecht in andere einfühlen können. Andere Forscher sehen das Problem beim Autismus hauptsächlich in einer gestörten Kommunikation verschiedener Hirnregionen.

Stichwörter

1 Frühkindlicher Autismus
Der frühkindliche Autismus nach Leo Kanner auch Kanner-Syndrom genannt- tritt schon vor dem dritten Lebensjahr auf. Die Kinder lernen erst spät oder oft gar nicht sprechen. Sie nehmen ihre Umwelt kaum wahr. Auch ständige Wiederholungen der gleichen Verhaltensweisen und Bewegungen sind typisch. Der frühkindliche Autismus geht oft mit einer geistigen Behinderung einher. Zurück zum Absatz
2 Asperger-Syndrom
Kinder mit Asperger-Syndrom (benannt nach Hans Asperger) entwickeln sich zunächst unauffällig. Sie sind normal bis überdurchschnittlich intelligent, auch ihre Sprachentwicklung ist nicht verzögert. Asperger-Autisten haben aber große Probleme im sozialen Umgang und suchen kaum Kontakt zu anderen Menschen. Sie widmen sich oft ausgeprägten Spezialinteressen. Zurück zum Absatz
Autor:

Alexandra Hostert

Stand: 04.11.2008


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