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Quarks & Co
Sendung vom 04. November 2008
Rückzug ins Selbst
Der Psychologe Leo Kanner beschrieb in den 1940er Jahren elf „seltsam zurückgezogene“ Kinder aus seiner Klinik in Baltimore in einer Fachzeitschrift. Zur selben Zeit lebte in Wien der Arzt Hans Asperger, der ebenfalls vier autistische Kinder beobachtete und beschrieb. Seine Patienten konnten im Gegensatz zu denen von Kanner sprechen und waren nicht geistig behindert. Heute gelten die Fallbeschreibungen von Kanner und Asperger als Grundsteine der Autismus-Forschung. Doch so genau die beiden Wissenschaftler ihre autistischen Patienten auch untersuchten, über die Ursache der Krankheit konnten sie nur Vermutungen anstellen. Kanner hielt anfangs sowohl Vererbung als auch Erziehung für mögliche Ursachen; Asperger glaubte, dass die Krankheit vom Vater auf den Sohn übertragen wird.
Ein anderer Forscher war dagegen fest davon überzeugt, dass die Mütter an der Krankheit schuld seien: Der Psychologe Bruno Bettelheim glaubte, dass Kinder sich in sich selbst zurückzögen, wenn sie sich nicht gewünscht und geliebt fühlen. Für Bettelheims Theorie, die er in den 1960er Jahren entwickelte, sprach anscheinend, dass die Eltern von Autisten oft Intellektuelle waren. Denen wurde unterstellt, dass sie weniger herzlich und warm mit ihren Kindern umgehen. Doch diese Hypothese berücksichtigte nicht, dass man damals noch wenig über die Krankheit wusste und dass deshalb hauptsächlich wohlhabende und gebildete Eltern ihre Kinder zu Spezialisten bringen konnten. Heute weiß man, dass Autismus nichts mit einer falschen Erziehung oder lieblosen Eltern zu tun hat.
In den 1970er Jahren, zehn Jahre nach Bettelheim kannte man die Ursachen des Autismus immer noch nicht: Ein seltsamer Hirnschaden nach der Geburt? Der Einfluss des Milieus? Die Wissenschaftler diskutierten viele Möglichkeiten. Erst Ende der 70er Jahre zeigten Studien, dass Geschwister von Autisten mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit auch autistisch sind als andere Kinder – ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Krankheit in der Familie weitervererbt wird. Und bei eineiigen Zwillingen, die identische Gene haben, gibt es fast nie nur einen Autisten. Damit war klar, dass das Erbgut die entscheidende Rolle bei der Krankheit spielt. Zahlreiche Untersuchungen der letzten zwanzig Jahre bestätigen das. Äußere Faktoren wie Immunerkrankungen oder Infektionen könnten einen gewissen Einfluss haben, doch zu 90 Prozent wird die Krankheit von den Genen bestimmt.
Aber von welchen Genen? Ein Faktor wird sofort klar, wenn man
sich das Geschlechterverhältnis beim Autismus ansieht: Bei den
schweren Fällen des
frühkindlichen Autismus kommen auf ein
Mädchen etwa vier Jungen. Bei den leichteren Fällen des
so genannten
Asperger-Syndroms ist das Verhältnis
einiger Studien zufolge sogar eins zu über zehn. Das
Geschlecht spielt also eine Rolle. Warum das so ist, könnte
mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron
zusammenhängen. Vielleicht, so die Theorie von englischen
Wissenschaftlern um Simon Baron-Cohen, führt eine
Überdosis Testosteron, die der Embryo im Mutterleib abbekommt,
zur autistischen Fehlentwicklung im Gehirn. Das würde
erklären, warum nicht nur Autisten, sondern auch nicht
autistische Männer – wenn auch weniger stark –
Probleme haben, Gefühle von anderen Menschen zu erkennen.
Verschiedene Tests scheinen dies zu bestätigen: Dabei sollten
Probanden zum Beispiel Gefühle nur an einem Foto der
Augenpartie erkennen. Autisten schneiden hier
erwartungsgemäß schlecht ab. Aber bei nicht autistischen
Probanden konnten sich Frauen im Durchschnitt besser vorstellen,
was der Mensch auf dem Foto fühlt, als Männer, denen das
gleiche Foto vorgelegt wurde.
Wenn man die Gene von Autisten genau betrachtet, zeigt sich, dass ihre Krankheit nicht mit einer einzelnen Veränderung des Erbguts zusammenhängt. Vielmehr haben Forscher auf verschiedenen Genen Abschnitte gefunden, die bei autistischen Menschen verändert sein können. Die autistische Störung beruht demnach vermutlich auf Veränderungen mehrerer Gene und wahrscheinlich auch auf den Wechselwirkungen zwischen den verdächtigen Genen. Damit ließe sich auch erklären, warum die Krankheit unterschiedlich schwer ausgeprägt sein kann und warum die Variationsbreite an Störungen bei Autisten so groß ist. Die genetischen Veränderungen könnten zu einer gestörten Gehirnentwicklung bei Autisten führen. Dass bei den meisten Autisten Auffälligkeiten im Gehirn vorliegen, haben Untersuchungen gezeigt. Was diese Gehirnveränderungen aber genau bedeuten, ist noch nicht klar.
Einige Veränderungen betreffen Hirnareale, in denen Wissenschaftler Spiegelneuronen vermuten. Spiegelneuronen sind Nervenzellen im Gehirn, die bei gesunden Menschen aktiv werden, wenn diese Handlungen beobachten. Bei autistischen Menschen sind die Spiegelneuronen viel weniger aktiv. Da Spiegelneuronen eine Rolle für das soziale Verständnis spielen könnten, könnten gestörte Spiegelsysteme ein Grund dafür sein, warum autistische Menschen sich nur so schlecht in andere einfühlen können. Andere Forscher sehen das Problem beim Autismus hauptsächlich in einer gestörten Kommunikation verschiedener Hirnregionen.
Alexandra Hostert
Stand: 04.11.2008
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