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Quarks & Co
Sendung vom 18. November 2008
Das mulmige Gefühl
Menschen laufen, klettern, springen – aber dass wir uns eines Tages senkrecht in die Höhe bewegen würden, ohne auch nur einen Schritt zu tun, das konnte die Evolution nicht voraussehen. Aufzüge schleudern uns mit Geschwindigkeiten von 20 Stundenkilometern und mehr nach oben. Darauf ist der menschliche Körper nicht eingestellt. Einige Aufzugfahrer haben während der Beschleunigung deshalb ein mulmiges Gefühl. Vor allem in Aufzügen von Neubauten wird Menschen tatsächlich öfter schlecht. Aufzugtechniker berichten, dass die Bauherren zunächst gerne einen leistungsstarken Aufzug mit flottem Fahrstil anfordern – und dass sie ihn dann nach ersten Beschwerden der Fahrgäste auf eine sanftere Beschleunigung einstellen.
Kritisch ist die Phase, in der der Aufzug beschleunigt oder abbremst: Denn zusammen mit der Aufzugskabine wird natürlich auch der menschliche Körper beschleunigt oder abgebremst. Jeder Körper hat die Tendenz, einen einmal angenommenen Bewegungszustand beizubehalten – die sogenannte Trägheit der Masse. Um den Körper aus der Ruhe auf eine bestimmte Geschwindigkeit zu beschleunigen, muss Kraft auf ihn einwirken. Je stärker der Aufzug ihn nach oben beschleunigt, desto mehr hält der Körper dagegen. Die Kraft, die die Aufzugskabine auf ihn ausüben muss, um ihn in Bewegung zu bringen, zeigt sich dann, wenn man sich im Aufzug auf eine Waage stellt: Während der Beschleunigung nach oben zeigt die Waage einige Kilos zusätzlich an! Sobald die Beschleunigung beendet ist und der Aufzug mit einer konstanten Geschwindigkeit aufwärts fährt, erscheint auf der Waage wieder das Ursprungsgewicht. Wenn der Fahrstuhl dann bremst, passiert jedoch genau das Gegenteil: Man scheint plötzlich leichter zu werden! Der Effekt dieser Zauber-Diät verliert sich aber leider wieder, wenn der Aufzug stillsteht.
Die Gewichtsveränderung betrifft natürlich nicht nur den Körper als Ganzes, sondern auch die einzelnen Organe. So wird zum Beispiel auch der Magen während der Aufwärtsbeschleunigung plötzlich scheinbar schwerer, und bei der Abwärtsbeschleunigung wird er scheinbar leichter. Dadurch zieht er an seiner Aufhängung. Mit Röntgenaufnahmen wurde im Tierversuch bewiesen, dass die Organe bei hohen Aufwärtsbeschleunigungen tatsächlich mehrere Zentimeter nach unten wandern. Allerdings wurden diese Tests mit Beschleunigungen durchgeführt, wie sie ein Kampfflugzeug erreicht, aber niemals ein Aufzug. Der wohlbekannte Eindruck, dass der Magen beim Aufzugfahren einen Hüpfer macht, ist aber im Ansatz gar nicht so falsch – denn der Zug in den Eingeweiden könnte trotz seiner Geringfügigkeit durchaus zu dem mulmigen Gefühl beitragen.
Der menschliche Körper registriert die Beschleunigung im
Aufzug sehr genau: Dafür ist das
Gleichgewichtsorgan zuständig; es sitzt
tief in unserem Innenohr. Die vertikale Beschleunigung, wie sie im
Aufzug stattfindet, wird in einer Spezialabteilung des
Gleichgewichtsorgans gemessen, im sogenannten Sacculus. Dort gibt
es ein winziges Feld mit Sinneszellen, die an ihrer Spitze feine
Haare tragen. Diese Haare ragen in eine Gallert-Kuppel hinein, in
die kleine Kristalle eingelagert sind. Wenn der Aufzug nach oben
beschleunigt, ziehen die Kristalle die Gallertschicht ein kleines
bisschen nach unten. Dadurch verbiegen sich die Haare, die in die
Gallertschicht eingewachsen sind. Das registriert wiederum die
Sinneszelle und sendet ein Signal ans Gehirn. Auch auf diese Weise
nehmen wir wahr, dass der Aufzug anfährt.
Das Gleichgewichtsorgan ist aber nicht die einzige Orientierungsquelle des Gehirns. Auch die Augen geben ständig Rückmeldungen darüber, wie sich der Körper im Raum bewegt. Dazu kommen die Informationen der sogenannten Tiefensensibilität: In Muskeln, Sehnen und Gelenken sitzen Rezeptoren, die dem Gehirn ständig Muskelspannung und Gelenkstellung mitteilen. Normalerweise stimmen diese Informationen alle überein: Wenn jemand in die Luft springt, teilen die Gelenkrezeptoren dem Gehirn mit, dass die Körperhaltung sich gerade drastisch ändert. Gleichzeitig nimmt das Gleichgewichtsorgan eine Beschleunigung wahr und die Augen melden, dass sich die Perspektive verändert. Im Aufzug stimmen diese Informationen nicht mehr alle überein: Das Gleichgewichtsorgan meldet Beschleunigung und die Tiefenrezeptoren melden einen erhöhten Druck in den Kniegelenken. Aber die Augen melden: Hier bewegt sich gar nichts, der Körper steht still im Raum! Die Situation ist vergleichbar mit dem Lesenden im Auto, dem plötzlich übel wird. Allerdings ist die Beschleunigung im Aufzug meistens viel zu kurz und nicht stark genug, als dass diese widersprüchlichen Sinneseindrücke wirklich zu einer echten Übelkeit führen könnten. Denkbar ist aber, dass der Mechanismus zu dem Irritationsgefühl im Aufzug beiträgt.
Wobbeke Klare
Stand: 04.03.2008