Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 18. November 2008
Von der Beletage zum Penthouse
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wachsen die Großstädte. Die Einwohnerzahlen und der Bedarf nach Wohnraum steigen stetig. Wer es sich leisten kann, wohnt unten in der Beletage – dem schönen Stockwerk. Dienstleute und Bürger mit geringem Einkommen wohnen in den darüber liegenden Etagen. Sie müssen Treppen steigen, denn anfangs gibt es keine sicheren Aufzüge für Personen. Der vertikale Transport von Gegenständen ist zwar so alt wie die Menschheit, und schon seit Jahrhunderten werden raffinierte Arten des Hebens angewendet. Doch es gibt ein gewaltiges Problem: Der Seilriss und damit verbunden der mögliche Absturz.
Der Mechanikermeister Elisha Graves Otis will die Angst vor dem Absturz beenden und die Aufzüge auch für Personen sicher machen: 1852 wird er von seinem Arbeitgeber in Yonkers, New York, beauftragt, einen Lastenaufzug zu bauen. Otis entwickelt eine Konstruktion mit Sicherheitsfangvorrichtung. Sie soll automatisch verhindern, dass der Aufzug beim Seilriss abstürzt: Sein Lift besteht aus einer einfachen Plattform, über der eine Wagenfeder montiert ist. An beiden Enden der Wagenfeder befestigt Otis jeweils einen nach außen gerichteten Bolzen. Dann installiert er gezahnte Führungsschienen zu beiden Seiten des Aufzugschachtes. Das Hubseil befestigt er mittig an der Wagenfeder. Durch das Gewicht des Aufzugs wird die Wagenfeder gekrümmt, so dass die Bolzen die gezahnten Führungsschienen nicht berühren. Wenn das Seil reißt, entspannt sich die Feder, die Bolzen schnellen nach außen und greifen blitzartig in die Zähne an den Führungsschienen. Im Jahr 1854 kommt es zur ersten öffentlichen Demonstration dieses „Sicherheitsaufzugs“. Während der „Exhibition of the Industry of all Nations“ im New Yorker Kristallpalast betritt Otis seine Aufzugsplattform und lässt sich in die Höhe ziehen. Das Seil wird durchtrennt. Doch statt in die Tiefe zu stürzen, bleibt die Plattform nach wenigen Zentimetern in den Führungsschienen stecken. „All safe gentlemen, all safe“, soll Otis der verwunderten Menge zugerufen haben. Die Urszene der Fahrstuhlgeschichte.
Durch die automatische Fangsicherung können jetzt endlich
auch Personen in die Höhe fahren. In einem Geschäftshaus
am Broadway in New York wird 1857 der erste reine Personenaufzug in
Betrieb genommen. Doch Fahrstühle dieser Art müssen noch
umständlich über eine Reihe von Antriebswellen und
-riemen mit Dampf angetrieben werden. Es dauert zehn Jahre, bis
eine neue und bessere Antriebskraft präsentiert wird: Auf der
Weltausstellung in Paris führt Leon Edoux 1867 die ersten
beiden
hydraulischen Fahrstühle vor. Sie
verbreiten sich zunehmend in Europa und den USA und beginnen, das
Stadtbild zu verändern: Besonders in den USA wachsen die
Gebäude in die Höhe. Bei den ersten mehrstöckigen
Versicherungs- und Zeitungsgebäuden spricht man hier von
„Elevator-Buildings“. Die Hydraulik-Fahrstühle
geben den Menschen nun zusätzliche Sicherheit. Es ist ein
beruhigendes Gefühl, dass die Kabine nicht frei im Schacht
hängt und dass man beim Fahren eine Säule unter den
Füßen hat. Doch die Gebäude können nur etwa 20
Etagen hoch gebaut werden. Danach stößt die hydraulische
Aufzugstechnik an Grenzen: Denn im Boden muss unter dem
Gebäude ein Loch gebohrt werden – so tief, wie das Haus
hoch ist. Dort wird die Hydrauliksäule versenkt. Die gesamte
Aufzugsanlage braucht also viel Platz, ist teuer und unrentabel.
Und dabei sind die Fahrstühle noch nicht mal besonders
schnell.
Der Durchbruch auf dem Weg nach oben bahnt sich an, als Werner von Siemens einen Aufzug mit elektrischem Antrieb konstruiert. In Mannheim hebt er damit während der Pfalzgau-Ausstellung 1880 erstmals Menschen auf eine Aussichtsplattform. Die Erfindung ist preiswert in Bau und Betrieb und braucht nicht so viel Platz wie die hydraulischen Modelle. Doch auch die Fahrt mit elektrischen Aufzügen ist anfangs noch langsam. Es fehlt die Kombination mit einer leistungsfähigen Kraftübertragung. Die kommt aus dem Bergbau: Etwa zur selben Zeit, 1877, lässt der Bergbauingenieur Carl Friedrich Koepe in einer Bochumer Zeche über einem Schacht eine sogenannte Treibscheibe installieren. Statt wie bislang eine Kabeltrommel zu nutzen, an der das Seil aufgewickelt wird, legt Koepe es lose über eine Scheibe: Die Tragseile, die an beiden Enden einen Förderkorb oder ein Gegengewicht tragen, werden durch die Reibung gehalten und bewegt. Nun können -auch im Aufzugbau- beliebig lange Tragseile verwendet werden und es lassen sich große Höhenunterschiede gut überwinden.
Mit Treibscheibe, elektrischem Antrieb und Fangvorrichtung geht es jetzt für die Menschen und ihre Wolkenkratzer steil nach oben. Die Reichen und Mächtigen leben und arbeiten nun nicht mehr in der unteren Gebäude-Etage – sie zieht es nach oben. Jetzt entstehen das oben liegende Penthouse und die Chefetage – mühelos und exklusiv erreichbar. Durch die Aufzüge hat sich die vertikale Ordnung der Gebäude umgedreht. Die soziale Struktur des Hauses wird neu definiert. Wolkenkratzer werden zu Symbolen für Macht und Ansehen und prägen das Stadtbild – ohne leistungsfähige Aufzüge wären sie aber nichts als Visionen geblieben.
Carsten Binsack
Stand: 26.02.2008
Seite teilen