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Quarks & Co
Sendung vom 02. Dezember 2008
Wenn das Vergessen kommt
Unsere Welt ist angefüllt mit Dingen, die wir uns merken müssen. Unser Gehirn wird tagtäglich mit Informationen überflutet. Da ist es sogar wichtig, dass wir ab und an vergessen. Bei der Krankheit Alzheimer wird das Vergessen jedoch übermächtig. Wenn wir den Autoschlüssel nicht an seinem gewohnten Platz wiederfinden, ist das noch kein Hinweis auf eine Alzheimer-Erkrankung. Kritisch wird es, wenn wir vergessen, dass wir überhaupt ein Auto besitzen, obwohl der Schlüssel an seinem gewohnten Platz liegt. Alzheimer bedeutet mehr, als Namen und Dinge zu vergessen. Mit dem Vergessen kommt bei den Betroffenen auch oft Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und Angst. Bislang gibt es keinen Wirkstoff, der den Verfall im Gehirn aufhält. Finden die Forscher keinen Durchbruch in Therapie und Medizin, wird sich die Zahl der Alzheimerkranken bis zum Jahr 2040 verdoppeln.
1906 wird die Krankheit von dem Arzt und Neuropathologen Alois
Alzheimer zum ersten Mal beschrieben. Hinter dem geistigen Verfall
seiner Patientin Auguste Deter vermutet er als einziger eine
biologische Ursache. Als sie mit 56 Jahren stirbt, obduziert
Alzheimer ihr Gehirn und findet die Bestätigung:
Eiweißablagerungen in der Hirnrinde und den Verlust von
Nervenzellen, die ihr Gehirn und ihren Geist geschädigt
hatten. 1906 wird sein Vortrag über seine Entdeckung noch
nicht ernst genommen: Es passt nicht in das damalige psychologische
Weltbild, das eher besagte, dass
Demenz ein Schwachsinn in Folge von
unzüchtigem Lebenswandel sei.
Trotz dieser Entdeckung vor über hundert Jahren liegen die genauen Ursachen noch immer im Dunkeln. Wissenschaftler forschen auf Hochtouren, um dem Rätsel der Krankheit Alzheimer auf die Spur zu kommen. Alzheimer, so die Vermutung der Fachleute, beginnt schon Jahre vor dem Ausbruch, ohne dass man es merkt. Eine genaue Diagnose, so frühzeitig wie möglich, ist deshalb Ziel ihrer Arbeit. Daneben werden neue Medikamente entwickelt. Bislang können die gängigen Präparate nur Symptome lindern und den Verlauf der Krankheit eine Zeit lang bremsen.
Weltweit schätzen Experten die Zahl der Demenzkranken auf 26 Millionen. In Deutschland leiden heute 1,1 Millionen an einer Form von Demenz. Wie viele dieser Patienten an Alzheimer leiden, kann man nur schätzen. Denn eine wirklich eindeutige Diagnose von Alzheimer ist oft erst durch Gehirnuntersuchungen nach dem Tod möglich. Die werden aber nur selten gemacht. Schätzungen zufolge haben über 70 Prozent der Demenzkranken Alzheimer. Damit ist sie die am weitesten verbreitete Demenz-Erkrankung. Und ihre Bedeutung wird weiter zunehmen, denn die Gesellschaft wird immer älter. Mit zunehmendem Alter steigt für jeden die Gefahr, an einer Demenz wie Alzheimer zu erkranken. 2050 könnten den Hochrechnungen zufolge 2,6 Millionen Menschen in Deutschland dement sein.
Fluch und Segen liegen nahe beieinander: Die Chance, alt zu werden beinhaltet das Unglück, eventuell an Demenz zu erkranken. Die überwiegende Zahl der Erkrankten sind bereits über 80 Jahre alt, wenn sie die Diagnose Alzheimer bekommen. Der Anteil der Demenzkranken an der Bevölkerung nimmt mit dem Alter zu: Im Alter von 70 bis 75 Jahren ist statistisch jeder Sechsunddreißigste an Demenz erkrankt, im Alter von 85 bis 90 bereits fast jeder Vierte, bei den Über-90-Jährigen ist jeder Dritte betroffen. Eine bestimmte Form von Alzheimer kann auch jüngere Menschen treffen: Sie ist genetisch bedingt. 20.000 solcher Fälle gibt es in Deutschland.
"Ich sehe seinem Entschwinden zu", so beschreibt Inge Jens, Frau des Philologen und Literaturhistorikers Walter Jens, die Alzheimer-Krankheit ihres Mannes 2008 in einem Interview. Im Jahr 1994 gibt Ronald Reagan, amerikanischer US-Präsident und Schauspieler, 83-jährig in einem persönlichen Brief an die US-Bevölkerung seine Krankheit bekannt mit den Worten, er beginne die Reise „zum Sonnenuntergang seines Lebens". Er lebte noch zehn Jahre mit der Krankheit. Prominente Alzheimerkranke und deren Angehörige gehen mittlerweile immer offener mit der Krankheit um. Es ist ein Signal, dem krankhaften Gedächtnisschwund nicht mehr länger als Tabu zu behandeln. Das war nicht immer so. Als Rita Hayworth, Schauspielerin und das Sexsymbol ihrer Zeit, im Alter immer verwirrter wurde, unterstellte die Presse, dass sie unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen stünde. Erst nach ihrem Tod veröffentlicht ihre Tochter die Diagnose: Alzheimer. Die englische Kinderbuchautorin Enid Blyton, die 1968 mit 71 Jahren an Alzheimer starb, bemühte sich, so lange wie möglich für die Öffentlichkeit das Bild einer geistig aktiven Frau aufrecht zu erhalten und ihre Krankheit zu verbergen.
Anke Rau
Stand: 25.11.2008
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