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Quarks & Co
Sendung vom 09. Dezember 2008
Ist aufgewärmter Spinat wirklich giftig?
In den 1960er-Jahren häuften sich in Deutschland mysteriöse Notfälle bei Babys. Die Symptome: bläuliche Verfärbung der Haut, rasender Puls, schnelle Atmung und Atemnot; manchmal auch Durchfall und Fieber. Das Blut der Kinder war schokoladenbraun. Sie drohten zu ersticken. Diagnose: Nitritvergiftung. Die Ärzte stellten fest: Alle Babys hatten etwa zwei Stunden zuvor Spinatbrei gegessen, wieder aufgewärmt vom Vortag. Die moderne Mutter fütterte mit Brei statt Muttermilch. Das war der neue Zeitgeist – damals.
Großmutter wusste noch: Wieder aufgewärmter Spinat ist giftig. Aber stimmt das überhaupt? Vergiften wir uns wirklich, wenn wir Spinat wieder aufwärmen? Quarks & Co macht den Test zusammen mit dem „G- und S-Labor“ in Rheda-Wiedenbrück, das auf Lebensmitteluntersuchungen spezialisiert ist. Die erste Untersuchung: Steckt bereits im frischen Spinat Nitrit, das bei Babys zu Vergiftungen führen kann? Das Ergebnis der Analyse: Es ist so wenig Nitrit im gekochten Spinat, dass es kaum nachweisbar ist; völlig unbedenklich. Doch die Lebensmittelchemiker suchen noch etwas anderes: Nitrat – das ist zwar nicht giftig, kann sich aber in das gefährliche Nitrit umwandeln. Und diese Messung ergibt: In jedem Kilogramm unseres Spinats sind 1,4 Gramm Nitrat enthalten. Diese Werte sind bei Spinat ganz natürlich und liegen auch deutlich unter den gesetzlichen Grenzwerten. Aber wenn sich sämtliches Nitrat zu Nitrit umwandelt, wird der Spinat giftig.
Ob diese
Umwandlung von Nitrat zu Nitrit beim Kochen
geschieht? Die Lebensmittelchemiker nehmen ein einfaches Rezept und
lassen den Spinat mit etwas Wasser knapp zehn Minuten im Topf
garen. Zwischendurch wird umgerührt. Der Spinat ist fertig,
wenn er zusammengefallen ist. Die chemische Analyse zeigt, dass
durch das Kochen kein Nitrit entstanden ist.
Die nächste Vermutung: Vielleicht beeinflussen die Lagerbedingungen die Nitrit-Werte? Wir lagern die Hälfte des gekochten Spinats für 24 Stunden bei Raumtemperatur und die andere Hälfte bei vier Grad Celsius im Kühlraum. Unser Hintergedanke: Kühlschränke sind in deutschen Haushalten erst seit den 1950er-Jahren weit verbreitet. Vorher war kühles Lagern also nicht immer möglich. Eventuell hat ja die Temperatur einen Einfluss auf die Nitrit-Entstehung.
24 Stunden später: Beide Spinatportionen werden wieder aufgewärmt. Wir machen also genau das, wovor Großmutter immer gewarnt hat. Und danach bestimmen wir den Nitritgehalt erneut: Sowohl im warm gelagerten als auch im kühl gelagerten Spinat erhalten wir ein ähnliches Ergebnis: Wir messen in beiden Fällen etwa 10 Milligramm Nitrit pro Kilogramm Spinat – das ist sehr wenig und sicherlich nicht giftig. Wir führen das Prozedere fort, wärmen den Spinat einen Tag später erneut auf und messen noch einmal. Und dann passiert es: Bei der Messung 48 Stunden nach dem ersten Kochen und zweimaligem Erwärmen steigt der Nitritgehalt des Spinats sprunghaft an – auf 0,4 Gramm pro Kilogramm. Ein Säugling könnte sich daran tatsächlich vergiften. Doch dieser Wert gilt nur für den warm gelagerten Spinat. Der kühl gelagerte Spinat bleibt selbst zwei Tage nach dem ersten Kochen genießbar – zumindest, was den Nitritgehalt angeht. Im kühl gelagerten Spinat bleibt der Nitritgehalt so niedrig wie am Tag zuvor. Diese Menge wäre wahrscheinlich auch für Säuglinge tolerierbar. Aber die sollten sowieso besser gestillt werden.
Axel Bach
Stand: 25.11.2008
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