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Sendung vom 09. Dezember 2008
Der Streit ums Fett
Cholesterin ist kein „Feind“, der Körper braucht es für viele Funktionen: zum Beispiel in den Zellen, für das Blut, um Sexual- und Stresshormone zu bilden, um Vitamin D herzustellen, außerdem für das Immunsystem und das Gehirn. Cholesterin gehört zusammen mit anderen Stoffen zu den sogenannten Blutfetten – das sind Fette und fettähnliche Substanzen, die im Blut enthalten sind. Außer Cholesterin sind das zum Beispiel auch die sogenannten Triglyzeride. Alle diese Fettstoffe werden mit dem Blut zu Zellen und Organen transportiert.
Das Cholesterin, das der Körper braucht, stellt er überwiegend selbst her, nämlich etwa 90 Prozent seines Bedarfs. Hauptproduktionsort ist die Leber, aber auch Darmschleimhaut, Nebennieren und andere Organe können Cholesterin produzieren - und das Gehirn: Es erzeugt sein eigenes Cholesterin, weil Cholesterin aus der Nahrung, aus dem Darm oder der Leber nicht ins Gehirn gelangen kann. Lebensmittel, die Cholesterin enthalten, sind unter anderem Eier, Innereien und Butter, doch dieses Nahrungscholesterin wirkt sich im Körper kaum aus. Einen gewissen Einfluss haben aber gesättigte Fettsäuren, wie sie in Fleisch, Wurst, Käse anderen tierischen Produkten vorkommen. Sie können den Cholesterinspiegel steigen lassen.
Eigentlich ist es Unsinn, Cholesterin als
„böse“ zu bezeichnen, denn der Stoff selbst ist
für den Körper unentbehrlich. Andererseits gibt es zwei
verschiedene Erscheinungsformen. Cholesterin ist ein Fettstoff, der
sich im Blut nicht gut löst. Daher gibt es Transport-Vehikel
für das Cholesterin. Sie umhüllen die
Cholesterinmoleküle und verpacken sie so, dass sie im Blut
schwimmen. Die Leber entlässt Cholesterin immer zusammen mit
diesen Vehikeln ins Blut, und zwar in zwei verschiedenen
Ausführungen: als
HDL-Cholesterin oder LDL-Cholesterin Das HDL
transportiert Cholesterin durch das Blut wieder zurück in die
Leber, wo es abgebaut und ausgeschieden wird. Viel HDL im Blut
bedeutet, dass viel Cholesterin abgebaut wird. Das LDL bringt
Cholesterin in die Zellen: In den Zellwänden sitzen
Andockstellen, an die sich das LDL bindet, um seine Fettladung in
die Zelle zu bringen. Das ist seine natürliche Aufgabe, sonst
kann der Körper das lebensnotwendige Fett nicht verwerten.
Letztlich geht es beim Cholesterinspiegel im Blut darum, an welche
Transportvehikel das Fett gebunden ist. Kommt es als
LDL-Cholesterin ins Blut, kann es in die Zellen gelangen –
zum Beispiel auch dort, wo es eigentlich nicht in so großer
Menge hingehört, nämlich in die Wände von Arterien.
Deshalb nennt man dieses LDL auch das „böse“, und
das andere, die HDL-Form, das „gute“ Cholesterin.
Kaum zu glauben: Für den Körper ist die Zufuhr von Cholesterin, das in Eiern oder Butter steckt, praktisch nicht von Bedeutung. Das hat die neueste Forschung gezeigt. Ein gesunder Körper scheidet überschüssiges Cholesterin, das aus Lebensmitteln stammt, wieder aus. Und selbst wenn man alles Cholesterin aus der Nahrung weglässt, ist damit nur eine durchschnittliche Senkung von 10 – 15 Prozent am Gesamtcholesterinwert zu erreichen! Olivenöl und pflanzliche Fette statt vieler tierischer Fette können den Cholesterinwert zwar günstig beeinflussen. Aber auch hier werden nur Durchschnittszahlen von etwa 10 Prozent Senkung erreicht. Wer also einen entgleisten Wert von über 300 Gesamtcholesterin hat, erreicht alleine durch anderes Essen kaum etwas. Und bei manchen Patienten tut sich trotz Ernährungsumstellung und neuem Lebensstil überhaupt nichts. Denn sie haben eine genetische Veranlagung zu erhöhten Cholesterin-Werten, oder eine Fettstoffwechselstörung. Das betrifft erstaunlich viele Menschen, etwa 10 Millionen Deutsche, schätzen Experten. Und darunter sind nicht nur Übergewichtige. Auch Schlanke können erhöhte Cholesterinwerte haben und einen Herzinfarkt bekommen.
Die Arteriosklerose, salopp „Verkalkung“ genannt,
ist eine Krankheit der Blutgefäße. Dabei verändert
sich die Gefäßwand – warum, weiß man nicht
genau. Ein hoher LDL-Anteil scheint die Krankheit zu
begünstigen. Die Rede von der Verkalkung ist allerdings etwas
irreführend: Tatsächlich lagert sich Cholesterin
keineswegs an den Wänden ab wie Kalk, das in einem alten
Wasserrohr ausfällt. Das LDL tut nur, was es soll – es
bringt Cholesterin in die Wand des Blutgefäßes. Doch
wenn zu viel LDL im Blut ist, können sich unter dem Einfluss
anderer Faktoren innen in der Gefäßwand die
gefürchteten Ablagerungen bilden. Entzündungen, kleine
Verletzungen und Risse in der Wand, Immunreaktionen, vielleicht
auch freie
Radikale und
Oxidationsprozesse spielen eine Rolle.
Irgendwann ist eine so genannte Plaque entstanden, die Cholesterin
enthält. Dann wölbt sich die Wand von innen in die Ader
hinein und verengt sie. Wenn so eine Stelle aufreißt,
verstopft das Gefäß – und passiert das in den
Herzkranzgefäßen, ist der Herzinfarkt da. Raucher sind
für Arteriosklerose besonders anfällig: Und Rauchen ist
auch der wichtigste Risikofaktor für den Herzinfarkt –
vor Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Stress. Ein
erhöhter LDL-Wert sowie hohe Triglyzerid-Werte liegen zusammen
mit dem Rauchen weit vorne. Doch alleine der
Gesamtcholesteringehalt im Blut macht noch keinen Herzinfarkt und
lässt auch keine Aussage über das Herzinfarktrisiko
zu.
Ganz wichtig ist: Einen starren Grenzwert gibt es nicht. Es gibt auch keine Norm, die für alle gilt. Die Empfehlung von Experten lautet: Ab 200 Milligramm Gesamtcholesterin auf 100 Milliliter Blut sollte man mit dem Arzt sprechen. Doch der Gesamtwert ist nur ein Anhaltspunkt, betonen Fachleute wie Prof. Dr. Achim Weizel von der Lipid-Liga (DGFF) in München sowie Dr. Anja Vogt von der Charité Berlin. Wichtig ist der LDL-Spiegel. Der Gesamtcholesterinspiegel von 200 Milligramm ist dafür nur eine Art Indikator. Und ein höherer Gesamtwert muss nicht krankhaft sein - Menschen mit 250 Milligramm Gesamtcholesterin können, so Weizel, kerngesund sein, wenn sie viel HDL im Blut und sonst keine Risikofaktoren haben.
Es ist – leider - banal: Nichts ist besser für den
Cholesterinspiegel als eine gesunde Lebensweise mit genügend
Bewegung, ohne Rauchen und ohne Übergewicht. Moderate,
regelmäßige Bewegung ist sehr wichtig, dreimal 30
Minuten Ausdauersport in der Woche reichen. Die Bedeutung von
Cholesterin und Fett aus der Nahrung wird dagegen oft
überschätzt. Man sollte aber seine persönlichen
Risikofaktoren im Blick haben, und bei einem Gesamtwert über
200 mit dem Arzt sprechen. Nutzen kann man dazu den
Gesundheitscheck mit Blutbild, den die Krankenkasse ab dem 35.
Lebensjahr alle zwei Jahre bezahlt. Zum Blutbild gehört auch
die Bestimmung der
Triglyzeride – ebenfalls ein wichtiger
Risikofaktor beim Herzinfarkt. Ansonsten sind weder Panik noch
fett- und freudloses Essen angesagt. Verantwortungslosigkeit aber
auch nicht, so die Lipid-Liga in München: „Jeder sollte
seine Werte kennen“, lautet ihr Slogan.
Johanna Bayer
Stand: 25.11.2008
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