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Sendung vom 20. Januar 2009
Unter Piraten
Die Route war reine Routine. Die "BBC Trinidad" der Bremer Reederei Beluga kam von Mexiko und den USA aus und war unterwegs nach Maskat im Oman. Auf dem Schiff: 13 Mann Besatzung. Die Ladung: Rohrleitungen für die Ölförderindustrie, Telefonmasten aus Holz und einige Container. Der Weg führte durch den Golf von Aden in den Sueskanal. Das ist eine der Hauptschifffahrtsstraßen der Weltmeere: 16.000 Schiffe pro Jahr – und eine ganze Menge Piraten. Die Crew wusste das; aber sie würde es schon nicht treffen – dachte sie.
Am 21. August 2008 erreichte um 5.30 Uhr ein Funkspruch die Brücke der BBC Trinidad. Das Schiff "Iran Deyanat" war weiter vorn im Golf von Aden gekapert worden. Schiffsführung und Crew der BBC Trinidad waren jetzt in erhöhter Alarmbereitschaft. Der Ort des Zwischenfalls lag nämlich genau auf ihrer Route. Der slowenische Kapitän, Jan Konecny, überlegte, den Kurs zu ändern. Schließlich dachte er sich aber, dass die Piraten nun ja schon ein Opfer hätten und blieb auf der geplanten Strecke.
Gegen 12.35 Uhr meldete am selben Tag die "Grand
Sapphire", dass sie von verdächtigen Booten bedrängt
wurde. Die Schiffswache der BBC Trinidad hielt Ausschau und
entdeckte ein
Mutterschiff und zwei schmalere Schnellboote
in gut elf Kilometer Entfernung. Um 12.40 Uhr schlug der
Kapitän
General-Alarm: Er befürchtete eine
Piratenattacke und leitete sofort ein Ausweichmanöver ein.
Durch einen "Zickzackkurs" wollte er die Zeit etwas
herauszögern, bis die sehr viel schnelleren Piratenboote sein
Schiff erreichen konnten. Der Kapitän meldete den
bevorstehenden Angriff an die patrouillierenden NATO-Schiffe, von
denen das nächstgelegene knapp 39 Kilometer entfernt war.
Die Piraten kamen näher: Von der Brücke aus erkannte die Wache der BBC Trinidad neun Piraten in zwei Schnellbooten – schwer bewaffnet mit Kalaschnikow-Sturmgewehren und zwei Panzerabwehr-Granatwerfern. Hilfe von dem Schiff der NATO war nicht in Sicht. Die Piraten schossen in die Luft. Mit Haken enterten sie das Schiff. Bei der BBC Trinidad hatten sie leichtes Spiel, weil deren Bordkante besonders niedrig ist. In anderen Fällen setzen die Piraten sogar hydraulische Leitern ein und können so von ihren Schnellbooten aus auch große Höhen erklimmen.
Die Crew leistete keine Gegenwehr. Sie musste sich auf der
Schiffsbrücke sammeln. Die Piraten plünderten die
Kabinen: Bargeld, Mobiltelefone, Schlüssel und Laptops. Die
Kommunikationskanäle des Schiffes schalteten sie ab.
Kapitän Jan Konecny wurde von den Piraten gezwungen, die
somalische Küste anzusteuern. Im Norden, in der
Bucht von Eyl, ankerte die BBC Trinidad neben
einer Reihe weiterer gekaperter Handelsschiffe, für die das
Lösegeld noch ausstand. Die Besatzung wurde danach in zwei
Kammern des Schiffes zusammengepfercht. Nicht ohne Hintergedanken
wurde der Mannschaft gestattet, ihre Familien anzurufen. Auch sie
sind ja potenzielle Lösegeldzahler. Die Piraten zwangen die
Crew ebenfalls, Medienvertreter anzurufen. Das sollte den Druck auf
den Schiffs-Eigner erhöhen. In der Reederei Beluga in Bremen
hatte sich inzwischen ein Krisenstab gebildet. Ihm gehörten
drei Experten der Reederei aus den Abteilungen Flottenmanagement,
Personal und Sicherheit an. Hinzu kamen als Berater zwei
Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes und ein Berater einer
international tätigen britischen Sicherheitsfirma.
Nach zwei Tagen bangen Wartens rief am Abend des 23. August, ein gewisser Abdi in der Beluga-Zentrale an. Abdi erklärte, er sei ein somalischer Vermittler. Offenbar ist er der Bruder einer der Piraten. Abdi sagte, dass die Piraten für Crew und Schiff acht Millionen US-Dollar haben wollten. Ansonsten würde das Schiff gesprengt. Beim nächsten Telefongespräch bot die Reederei 800.000 US-Dollar. Abdi bezeichnete das Angebot als "unglaublich". Die Piraten ließen daraufhin das Schiff ablegen. Die Besatzung fürchtete, dass das Schiff tatsächlich gesprengt werden könnte.
Am folgenden Tag erhöhte die Reederei das Angebot auf 1,1 Millionen US-Dollar. Die Verhandlungen gerieten ins Stocken. Die Piraten drohten, die Crew zu quälen. Die Situation an Bord spitzte sich zu: Wasser und Nahrungsmittel wurden knapp. Es gab nur noch Reste zu essen. Um den Druck zu erhöhen, wurde der Mannschaft zeitweise komplett die Nahrung verwehrt.
Kapitän Konecny gab durch, dass Abdi über den Verhandlungsstand sehr verärgert sei und die Piraten unruhig würden. Eine Woche nach der Kaperung erwähnte Abdi unvermittelt, dass zwei Millionen US-Dollar "das Problem wohl lösen könnten". Die Verhandlungen gingen weiter.
Die Piraten kauten fast durchgängig grüne Blätter des Khat-Strauches, eine Droge, die aufputscht und aggressiv macht. Die Seeräuber wurden immer unberechenbarer. Am 1. September erklärte Abdi plötzlich und unerwartet, dass die Piraten mit dem angebotenen Lösegeld in Höhe von 1,1 Millionen US-Dollar einverstanden seien. Die Piraten bestanden auf einer Übergabe des Geldes auf See. Über Kenia wurde das Geld in zwei Koffern mit einem gecharterten Schlepper zur BBC Trinidad gebracht. Die Crew war wieder frei. Allerdings wurde dem Schiff ein Geleitschutz durch die NATO verweigert. In dem völlig abgelegenen Piratengebiet hatte die Besatzung nun große Angst, in die Hände einer anderen Piratengruppe zu fallen. Später schilderte Kapitän Jan Konecny die nun folgenden Tage und Stunden als die schlimmsten seines Lebens. In fast jedem Schiff sahen die Männer Piraten und hatten entsprechend große Angst. Am Nachmittag des 15. September lief das Schiff im Hafen von Maskat ein. Endlich waren sie in Sicherheit.
Reinhart Brüning
Stand: 20.01.2009
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