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Unter Piraten

Die Entführung der "BBC Trinidad"

  • SendeterminDienstag, 20. Januar 2009, 21.00 - 21.45 Uhr.
  • WiederholungsterminSamstag, 24. Januar 2009, 10.20 - 11.05 Uhr (Wdh.).

Die Route war reine Routine. Die "BBC Trinidad" der Bremer Reederei Beluga kam von Mexiko und den USA aus und war unterwegs nach Maskat im Oman. Auf dem Schiff: 13 Mann Besatzung. Die Ladung: Rohrleitungen für die Ölförderindustrie, Telefonmasten aus Holz und einige Container. Der Weg führte durch den Golf von Aden in den Sueskanal. Das ist eine der Hauptschifffahrtsstraßen der Weltmeere: 16.000 Schiffe pro Jahr – und eine ganze Menge Piraten. Die Crew wusste das; aber sie würde es schon nicht treffen – dachte sie.

Am 21. August 2008 erreichte um 5.30 Uhr ein Funkspruch die Brücke der BBC Trinidad. Das Schiff "Iran Deyanat" war weiter vorn im Golf von Aden gekapert worden. Schiffsführung und Crew der BBC Trinidad waren jetzt in erhöhter Alarmbereitschaft. Der Ort des Zwischenfalls lag nämlich genau auf ihrer Route. Der slowenische Kapitän, Jan Konecny, überlegte, den Kurs zu ändern. Schließlich dachte er sich aber, dass die Piraten nun ja schon ein Opfer hätten und blieb auf der geplanten Strecke.

Ungleiche Wettfahrt

Pirateboot
Piratenboot im Golf von Aden. Von solchen Booten aus wurde die "BBC Trinidad" gekapert

Gegen 12.35 Uhr meldete am selben Tag die "Grand Sapphire", dass sie von verdächtigen Booten bedrängt wurde. Die Schiffswache der BBC Trinidad hielt Ausschau und entdeckte ein StichwortMutterschiff und zwei schmalere Schnellboote in gut elf Kilometer Entfernung. Um 12.40 Uhr schlug der Kapitän StichwortGeneral-Alarm: Er befürchtete eine Piratenattacke und leitete sofort ein Ausweichmanöver ein. Durch einen "Zickzackkurs" wollte er die Zeit etwas herauszögern, bis die sehr viel schnelleren Piratenboote sein Schiff erreichen konnten. Der Kapitän meldete den bevorstehenden Angriff an die patrouillierenden NATO-Schiffe, von denen das nächstgelegene knapp 39 Kilometer entfernt war.

Die Piraten kamen näher: Von der Brücke aus erkannte die Wache der BBC Trinidad neun Piraten in zwei Schnellbooten – schwer bewaffnet mit Kalaschnikow-Sturmgewehren und zwei Panzerabwehr-Granatwerfern. Hilfe von dem Schiff der NATO war nicht in Sicht. Die Piraten schossen in die Luft. Mit Haken enterten sie das Schiff. Bei der BBC Trinidad hatten sie leichtes Spiel, weil deren Bordkante besonders niedrig ist. In anderen Fällen setzen die Piraten sogar hydraulische Leitern ein und können so von ihren Schnellbooten aus auch große Höhen erklimmen.

In der Hand der Seeräuber

Piraten Zielen
Die Piraten im Golf von Aden greifen mit Kalaschnikow-Sturmgewehren und Panzerabwehr-Granatwerfern an

Die Crew leistete keine Gegenwehr. Sie musste sich auf der Schiffsbrücke sammeln. Die Piraten plünderten die Kabinen: Bargeld, Mobiltelefone, Schlüssel und Laptops. Die Kommunikationskanäle des Schiffes schalteten sie ab. Kapitän Jan Konecny wurde von den Piraten gezwungen, die somalische Küste anzusteuern. Im Norden, in der StichwortBucht von Eyl, ankerte die BBC Trinidad neben einer Reihe weiterer gekaperter Handelsschiffe, für die das Lösegeld noch ausstand. Die Besatzung wurde danach in zwei Kammern des Schiffes zusammengepfercht. Nicht ohne Hintergedanken wurde der Mannschaft gestattet, ihre Familien anzurufen. Auch sie sind ja potenzielle Lösegeldzahler. Die Piraten zwangen die Crew ebenfalls, Medienvertreter anzurufen. Das sollte den Druck auf den Schiffs-Eigner erhöhen. In der Reederei Beluga in Bremen hatte sich inzwischen ein Krisenstab gebildet. Ihm gehörten drei Experten der Reederei aus den Abteilungen Flottenmanagement, Personal und Sicherheit an. Hinzu kamen als Berater zwei Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes und ein Berater einer international tätigen britischen Sicherheitsfirma.

Zähe Verhandlungen

Essensreste auf Teller
Es waren nur für zwei Wochen Vorräte an Bord. Irgendwann gab es für die Besatzung nur noch die Reste der Piraten zu essen

Nach zwei Tagen bangen Wartens rief am Abend des 23. August, ein gewisser Abdi in der Beluga-Zentrale an. Abdi erklärte, er sei ein somalischer Vermittler. Offenbar ist er der Bruder einer der Piraten. Abdi sagte, dass die Piraten für Crew und Schiff acht Millionen US-Dollar haben wollten. Ansonsten würde das Schiff gesprengt. Beim nächsten Telefongespräch bot die Reederei 800.000 US-Dollar. Abdi bezeichnete das Angebot als "unglaublich". Die Piraten ließen daraufhin das Schiff ablegen. Die Besatzung fürchtete, dass das Schiff tatsächlich gesprengt werden könnte.

Am folgenden Tag erhöhte die Reederei das Angebot auf 1,1 Millionen US-Dollar. Die Verhandlungen gerieten ins Stocken. Die Piraten drohten, die Crew zu quälen. Die Situation an Bord spitzte sich zu: Wasser und Nahrungsmittel wurden knapp. Es gab nur noch Reste zu essen. Um den Druck zu erhöhen, wurde der Mannschaft zeitweise komplett die Nahrung verwehrt.

Kapitän Konecny gab durch, dass Abdi über den Verhandlungsstand sehr verärgert sei und die Piraten unruhig würden. Eine Woche nach der Kaperung erwähnte Abdi unvermittelt, dass zwei Millionen US-Dollar "das Problem wohl lösen könnten". Die Verhandlungen gingen weiter.

Die Piraten kauten fast durchgängig grüne Blätter des Khat-Strauches, eine Droge, die aufputscht und aggressiv macht. Die Seeräuber wurden immer unberechenbarer. Am 1. September erklärte Abdi plötzlich und unerwartet, dass die Piraten mit dem angebotenen Lösegeld in Höhe von 1,1 Millionen US-Dollar einverstanden seien. Die Piraten bestanden auf einer Übergabe des Geldes auf See. Über Kenia wurde das Geld in zwei Koffern mit einem gecharterten Schlepper zur BBC Trinidad gebracht. Die Crew war wieder frei. Allerdings wurde dem Schiff ein Geleitschutz durch die NATO verweigert. In dem völlig abgelegenen Piratengebiet hatte die Besatzung nun große Angst, in die Hände einer anderen Piratengruppe zu fallen. Später schilderte Kapitän Jan Konecny die nun folgenden Tage und Stunden als die schlimmsten seines Lebens. In fast jedem Schiff sahen die Männer Piraten und hatten entsprechend große Angst. Am Nachmittag des 15. September lief das Schiff im Hafen von Maskat ein. Endlich waren sie in Sicherheit.

Stichwörter

1 Mutterschiff
Piraten operieren oft von kleineren hochseetüchtigen Schiffen aus, den sogenannten Mutterschiffen. Doch die sind in aller Regel zu langsam, um damit auf Jagd zu gehen. Aber sie sind die Basis, von der kleine Schnellboote eingesetzt werden, von denen aus die Piraten Handelsschiffe kapern können. Zurück zum Absatz
2 General-Alarm
Das "SSAS – Ship Security Alert System" ist ein Alarmsystem zur Gefahrenabwehr auf einem Schiff. Wenn es aktiviert wird, wird ein verdecktes Signal ausgesendet. Es geht bei einer der weltweit verteilten Einsatzzentralen ein (sogenannter "point of contact"). Dabei wird der genaue Standort des Schiffes übermittelt, im Fall des deutschen Schiffes BBC Trinidad auch nach Deutschland. Zurück zum Absatz
3 Bucht von Eyl
Die Bucht von Eyl liegt in der Region Nugaal. Sie ist Teil eines Gebietes, über das die Regierung Somalias keine Kontrolle hat: das faktisch autonome Puntland. Eyl gilt als Basis vieler Piratengruppen. Zurück zum Absatz
Autor:

Reinhart Brüning

Stand: 20.01.2009


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