Die Hygiene-Hypothese
Warum unsere Abwehrkräfte immer öfter verrückt spielen
- Dienstag, 12. Mai 2009, 21.00 - 21.45 Uhr
- Samstag, 16. Mai 2009, 12.00 - 12.45 Uhr (Wdh.)
Die Hygiene-Hypothese
- Zum Videostream Im 19. Jahrhundert liefen die Abwässer auch in deutschen Städten noch offen über die Straßen
Noch bis ins späte 19. Jahrhundert hatten Krankheitserreger leichtes Spiel - auch in heute hoch industrialisierten Regionen wie Deutschland. Auf dem Land lebten viele Menschen mit ihren Tieren unter einem Dach und in deren Ausscheidungen wimmelte es von Erregern. Die sanitären Anlagen waren häufig Plumpsklos oder Nachttöpfe und in den Städten liefen die Abwässer nicht unterirdisch durch Kanäle, sondern offen auf den Straßen. Bakterien und Parasiten konnten sich ungestört vermehren – und unsere Vorfahren kamen ständig mit ihnen in Kontakt. Häufig infizierten sich die Menschen über verunreinigte Nahrung. Lebensmittelkontrollen, wie sie heute Standard sind, gab es nicht und einen Kühlschrank hatte noch kaum jemand zu Hause. Die Folge: Infektionskrankheiten wie Cholera, Diphterie und Tuberkulose waren ebenso alltäglich wie Parasitenbefall durch Läuse, Flöhe und Band-, Spul und Fadenwürmer.
Den Erregern sei Dank
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Der ewige Kampf: Die Zellen des Immunsystems vernichten angreifende Krankheitserreger
Die meisten der Bakterien und Parasiten waren zwar lästig und lösten auch immer wieder – teilweise schwerwiegende – Erkrankungen aus. Wer aber ein intaktes Immunsystem hatte, den brachten die ungebetenen Gäste gewöhnlich nicht um. Dennoch: Im Inneren unserer Vorfahren tobte ein ständiger Kampf: Lymphknoten, Milz, Thymus und Knochenmark – spezialisierte Organe unseres Immunsystems, die Abwehrzellen bilden und verbreiten – arbeiteten auf Hochtouren, um die Eindringlinge in Schach zu halten.
Die Auseinandersetzung zwischen Immunsystem und Krankheitserregern begleitet die Menschheit von Beginn an. Beide haben sich gemeinsam entwickelt und dabei immer voneinander gelernt. Wissenschaftler nennen das Koevolution. Dass unsere Abwehrmechanismen überhaupt so komplex und wirkungsvoll werden konnten, verdanken wir nicht zuletzt dem ständigen Kontakt mit unterschiedlichen Erregern.
Saubere westliche Welt
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Verglichen mit dem 19. Jahrhundert leben wir heute in einer klinisch reinen Welt
Mit den rasanten medizinischen und hygienischen Fortschritten der vergangenen hundert Jahre hat der Mensch dieses Wechselspiel massiv beeinflusst. Unsere Wohnungen sind so sauber, dass wir gefahrlos vom Boden essen könnten. Alles, was verderblich ist, lagern wir im Kühlschrank und für Nahrungsmittel gibt es strenge Hygiene-Vorschriften. Impfungen schützen uns vor etlichen Krankheiten und mit Arzneimitteln, die Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, lassen sich die meisten bakteriellen Infektionen bekämpfen. Die positive Folge: Für die meisten Menschen der westlichen Welt sind die in früheren Zeiten grassierenden Krankheiten kein Thema mehr. In jüngster Zeit vermehren sich allerdings die Hinweise, dass diese Entwicklung auch einige Nachteile für uns mit sich bringt.
Das arbeitslose Immunsystem
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Immer mehr Menschen reagieren mit heftigen allergischen Reaktionen auf harmlose Stoffe wie Blütenpollen oder Nahrungsmittel
Asthma, Heuschnupfen und Allergien gegen Nahrungsmittel kannten unsere Vorfahren nicht. Wissenschaftler vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden von Krankheitserregern und der massiven Zunahme von Allergien in industrialisierten Ländern in den vergangenen fünf Jahrzehnten. Immer mehr Untersuchungen stützen die sogenannte Hygiene-Hypothese als Erklärung für dieses Phänomen. Die vereinfachte Aussage der Hypothese: Weil so viele Krankheitserreger plötzlich wegfallen, ist unser Immunsystem arbeitslos, Gegner und „Trainingspartner“ fehlen. Ohne die gewohnten Angreifer suchen sich unsere Abwehrkräfte eine Beschäftigung und schlagen Alarm, wenn harmlose Pollen oder Nahrungsmittel sich ihnen nähern. Wissenschaftler warnen allerdings davor, daraus den Schluss zu ziehen, dass wir unsere Hygienestandards zurückschrauben sollten und Impfungen uns schaden würden. Und vor die Wahl gestellt, an Heuschnupfen oder Bandwürmern zu leiden, fällt die Entscheidung wohl auch nicht schwer. Das Ziel der Hygiene-Forschung ist vielmehr, das Wissen über diesen Zusammenhang dafür zu nutzen, neue Behandlungsstrategien gegen Allergien zu entwickeln.
Autor: Dirk Gilson
Stand: 12.05.2009
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