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Sendung vom 28. Juli 2009
Wie Schichtarbeiter besser schlafen
Der Trend zur Schichtarbeit ist ungebrochen. In jedem zehnten deutschen Betrieb wird inzwischen in Schicht gearbeitet. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes hat 2007 in Nordrhein-Westfalen ein Viertel der Arbeitnehmer ständig oder regelmäßig abends gearbeitet, also in der Zeit zwischen 18 Uhr und 23 Uhr. Fast 15 Prozent der NRW-Beschäftigten hatten im vergangenen Jahr auch Nachtschichten, davon 7,2 Prozent regelmäßig und zwei Prozent ständig. Die europaweite Tendenz zur Schichtarbeit ist seit Jahren steigend.
Roberto Bernardinello arbeitet seit 20 Jahren im Schichtbetrieb,
inzwischen bei den Wasserwerken Westfalen. Dort überwacht er
in der
Zentralen Leitstelle die Erzeugung von
Trinkwasser durch insgesamt acht Wasserwerke in der Region rund um
Dortmund. Eine große Verantwortung, vor allem nachts, wenn er
in der Zentralen Leitstelle allein ist. Wie die meisten
Schichtarbeiter hat Roberto Bernardinello mit Schlafproblemen zu
kämpfen. Aber auch Kopfschmerzen, Migräneanfälle und
starke Gereiztheit machen ihm zu schaffen. Chronobiologen, also
Mediziner, die sich mit der inneren Uhr des Menschen
beschäftigen, listen immer mehr gesundheitliche
Folgeschäden von Schichtarbeit auf: neben Schlafstörungen
auch Appetitlosigkeit, Magen-Darm-Beschwerden und
Kreislaufprobleme. Diskutiert wird sogar ein Zusammenhang von
Schichtarbeit und Krebs. Nachtschichten lösen die
stärksten Beschwerden aus. Der Körper kann sich nicht an
Nachtarbeit gewöhnen - auch wenn einige Schichtarbeiter das
manchmal subjektiv so empfinden.
Roberto Bernardinello sucht nach Möglichkeiten, die
belastenden Nachtschichten erträglicher zu machen. Nach langen
Gesprächen mit Arbeitgeber und Kollegen erreicht er, dass die
Wasserwerke Westfalen für ihre acht Mitarbeiter in der
Zentralen Leitstelle einen neuen Schichtplan einführen. Darin
wechselt die Abfolge der Früh-, Spät- und Nachtschichten
schneller. Doch das Schichtsystem ist kompliziert. Schnell wird
klar: Hier ist professionelle Hilfe nötig. Die findet Roberto
Bernardinello bei Dr. Ulrike Hellert. Die Arbeitspsychologin ist
Arbeitszeitberaterin beim
Zeitbüro NRW. Mit ihrer Hilfe entsteht
ein Schichtplan, der auf die speziellen Bedürfnisse des
Unternehmens zugeschnitten ist. Das Besondere daran: Mehr als zwei
Nachtschichten hintereinander gibt es nicht. Auch wenn es vielen
auf Anhieb nicht einleuchtet - ein schnell rotierendes
Schichtsystem mit nur wenigen Tagen in der gleichen Schicht ist
besser zu bewältigen als ein Schichtwechsel im Wochenrhythmus.
Arbeitswissenschaftler plädieren dafür, die Anzahl der
aufeinanderfolgenden Nachtschichten möglichst gering zu
halten. Konkret empfehlen sie, Arbeitnehmern nicht mehr als drei
Nachtschichten hintereinander zuzumuten. Nach einer
Nachtschichtphase sollten mindestens 24 Stunden Ruhepause erfolgen,
damit der Körper das Schlafdefizit ausgleichen kann.
Vorwärts rotierende Schichtpläne (Früh-, Spät-, Nachtschicht) führen nach arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen zu weniger Beschwerden als rückwärts rotierende Schichtpläne (Nacht-, Spät-, Frühschicht). Außerdem empfehlen Experten, starre Anfangszeiten zu vermeiden und Schichtarbeitern flexible Arbeitszeiten zu ermöglichen. Lange Anfahrtszeiten ließen sich zum Beispiel mit einer halbstündigen Ein- und Ausgleitphase besser berücksichtigen. Damit wird eine verpasste S-Bahn oder ein Stau auf der Autobahn nicht gleich zum Drama und damit zum Stressfaktor für den Schichtarbeiter. Flexible Schichtwechselsysteme erlauben es auch, den Übergang von der Nachtschicht auf die Frühschicht für alle Beteiligten schonender zu gestalten. Denn einige Empfehlungen schließen sich in einem Dreischichtsystem eigentlich aus. So sollte die Frühschicht grundsätzlich nicht zu früh beginnen, um Schlafdefizite zu vermeiden (besser um 7 Uhr als um 6 Uhr), die Nachtschicht aber möglichst früh enden, um den Tagschlaf zu verlängern (besser um 5 Uhr als um 6 Uhr).
Der modernisierte Schichtplan für die Mitarbeiter in der Zentralen Leitstelle der Wasserwerke Westfalen hat sich inzwischen seit einigen Jahren bewährt. Auch Roberto Bernardinello ist zufrieden. Seine gesundheitlichen Beschwerden haben sich verbessert. Ganz verschwinden werden seine Ein- und Durchschlafprobleme nie, da ist er sich sicher. Doch die Zeiten der jeweils zwölfstündigen Nachtschichtblöcke, eine Woche lang am Stück, sind vorbei. In Workshops des Zeitbüros NRW haben er und seine Kollegen gelernt, den wechselnden Tagesablauf ihrer inneren Uhr anzupassen. Einen Nachteil hat der neue Schichtplan jedoch schon. Roberto Bernardinello kann heute seine Freizeit schwerer planen als vorher. Regelmäßige Termine kann er wegen der schnell rotierenden Wechselschichten nicht mehr wahrnehmen. Trotzdem wünscht er sich die alten Arbeitszeiten nicht zurück.
Silke Uebelstädt
Stand: 31.03.2009
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