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Sendung vom 18. August 2009
Schwierige Diagnose "Zappelphilipp"
Sicher ist: Kein Arzt kann eine Aufmerksamkeitsstörung in ein paar Minuten feststellen. Wer die Diagnose nach allen Regeln der Kunst stellt, braucht dafür Stunden; meistens sind sogar zwei Sitzungen erforderlich. Eine sorgfältige Diagnose ist sehr wichtig, weil sich hinter den Symptomen Unaufmerksamkeit und Zappeligkeit viele Ursachen verbergen können. Wie der Arzt dabei vorgehen sollte, ist klar geregelt: Fachleute haben auf der Basis wissenschaftlicher Studien Handlungsempfehlungen verfasst. Vor allem muss der Arzt eines tun: fragen und zuhören. Er muss sich ein umfassendes Bild von der Lebenswelt des Kindes machen: Freundschaften, Schule, Erziehungsstil der Eltern, Beruf der Eltern, Krankheiten des Kindes, Krankheiten in seiner Familie und vieles mehr.
Der Arzt geht mit den Eltern einen Katalog von Verhaltensweisen
durch. Das sind zum Beispiel Beschreibungen wie diese:
"scheint oft nicht zuzuhören, wenn direkt
angesprochen", "beachtet oft Einzelheiten nicht genau
oder macht oft Flüchtigkeitsfehler", "ist oft
vergesslich bei Alltagstätigkeiten", "redet oft
übermäßig viel". Erfüllt das Kind eine
bestimmte Anzahl dieser Kriterien, kann der Arzt die sogenannte
"Aufmerksamkeitsdefizit-/
Hyperaktivitätsstörung" (ADHS) diagnostizieren. Aber
ehe es soweit ist, sollte der Arzt auch Erzieher oder Lehrer
befragen – denn er darf die Diagnose nur dann stellen, wenn
die Verhaltensauffälligkeiten in verschiedenen Situationen
auftreten, also zum Beispiel sowohl in der Schule als auch zu
Hause. Ein Kind, das in der Schule niemals stillsitzen kann, aber
zu Hause gut klarkommt, hat möglicherweise gar keine
hyperkinetische Störung. Die Symptome
müssen lange andauern und schon vor dem sechsten Lebensjahr
aufgetreten sein. Ältere Kinder und Jugendliche können
auch ein Selbstbeurteilungs-Bogen ausfüllen; allerdings gilt
der Bericht der Erzieher als ausschlaggebend.
Zur Diagnose gehört auch eine gründliche körperliche Untersuchung, um auszuschließen, dass neurologische Erkrankungen oder andere körperliche Ursachen hinter den Symptomen stecken: Hörprobleme zum Beispiel oder eine Schilddrüsenerkrankung. Deshalb sollte der Arzt bei jüngeren Kindern Hör- und Sehtests sowie andere Entwicklungstests durchführen. Schulkinder sollten einen Intelligenztest machen – denn auch schulische Unter- oder Überforderung kann zu Zappeligkeit führen. Es gibt auch Tests, mit denen speziell die Aufmerksamkeit des Kindes geprüft wird: Dabei müssen die Kinder eine Aufgabe bearbeiten, für die sie maximale Konzentration brauchen. Das Ergebnis kann aber niemals ein Beweis für eine Aufmerksamkeitsstörung sein, sondern höchstens ein Hinweis. Auch Kinder ohne hyperaktive Störung können schlechte Testergebnisse liefern, und andersherum schließt ein gutes Ergebnis eine ADHS-Diagnose nicht aus. Tatsächlich gibt es keinen Test, mit dem sich ADHS-Kinder von anderen Kindern zuverlässig unterscheiden lassen.
Ein Problem sind die unscharfen Formulierungen der
Verhaltensbeschreibungen – bei fast jedem Punkt findet sich
das Wort "oft": "Scheint oft nicht zuzuhören,
wenn direkt angesprochen" oder "beachtet oft Einzelheiten
nicht genau". Aber was bedeutet "oft"? In den
Diagnose-Richtlinien heißt es, diese Verhaltensweisen
müssten in einem "nicht dem Entwicklungsstand
entsprechenden Ausmaß" auftreten. Ob Eltern immer genau
wissen, ab wann ein Verhalten dem Entwicklungsstand entspricht oder
nicht? Hier muss der Arzt sehr genau nachfragen. Außerdem
können Unaufmerksamkeit und Zappeligkeit viele verschiedene
psychische Ursachen haben: Konflikte in der Familie etwa, eine
Scheidung oder ein Trauerfall. Es kann auch eine Depression oder
eine Angststörung dahinter stecken. Diagnostiziert der Arzt
dann fälschlicherweise ADHS, verpasst er die Chance, das
zugrundeliegende Problem zu behandeln. Bei bis zu 80 Prozent der
Kinder, die die Diagnose ADHS erhalten, finden sich zusätzlich
andere psychische Störungen. Um diese genau abzugrenzen,
braucht der Arzt psychiatrisches Fachwissen. Kritiker
bemängeln, dass Kinderärzte dazu nicht die entsprechende
Ausbildung haben. Laut
Leitlinien sollte der Kinderarzt eng mit
Kinderpsychiatern zusammenarbeiten; allerdings sind in vielen
Regionen Deutschlands die Wartezeiten auf einen Termin beim
Kinderpsychiater so lang, dass die wenigsten Kinder
tatsächlich zu einem Kinderpsychiater geschickt werden. In
einer Studie mit Kassenpatienten in Nordbaden stellte sich heraus,
dass nur 13 Prozent aller ADHS-Patienten regelmäßig von
einem Neurologen oder Psychiater betreut wurden. Kinderärzte
können jedoch mit Hilfe genormter Fragebögen bereits eine
grobe Einschätzung treffen, ob eine andere psychiatrische
Störung wahrscheinlich ist.
Jeder Arzt darf Aufmerksamkeitsstörungen diagnostizieren und die entsprechenden Medikamente verordnen. Wie oft es zu Fehldiagnosen kommt, wurde bisher in keiner Studie überprüft. Meistens ist der Kinderarzt die erste Anlaufstelle. Ein Problem ist der Zeitaufwand, den eine fachgerechte Diagnose bereitet: Die Kinderärzte bekommen für jeden Patienten eine Quartalspauschale – egal, ob sie einen Schnupfen oder eine ADHS diagnostizieren. Das motiviert natürlich nicht gerade für eine stundenlange Untersuchung. Kinderärzte, Kinderpsychiater und die Kassenärztliche Bundesvereinigung wollen sich im Frühjahr 2008 jedoch auf eine gemeinsame Strategie einigen, um die Versorgung von ADHS-Patienten zukünftig besser zu organisieren. Ärzte haben dann die Möglichkeit, sich mit Psychotherapeuten und anderen Spezialisten zu einem "ADHS-Team" zusammenzuschließen, das sie einerseits zur Beachtung bestimmter Standards verpflichtet, ihnen aber andererseits auch eine zusätzliche Bezahlung bietet.
Wobbeke Klare
Stand: 12.02.2008
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