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Quarks & Co
Sendung vom 29. September 2009
Spurensuche im Genom
Am 26. Juni 2000 verkündete Bill Clinton die
Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes. "Unser Wissen
wird die Medizin revolutionieren", so der ehemalige
US-Präsident. Doch die Euphorie wurde enttäuscht. Die
Entschlüsselung des Erbgutes war nur ein erster Schritt, denn
der Buchstabencode der
DNS verrät längst nicht alle
Geheimnisse der Vererbung. Die Lebensumstände unserer
Vorfahren scheinen einen viel größeren Einfluss auf
Kinder und Enkel zu haben, als die Forscher lange dachten. An der
Universitätsklinik Amsterdam ist Tessa Roseboom dabei, eine
bislang unbekannte Verbindung zwischen den Generationen zu
entschlüsseln. Sie studiert Unterlagen aus dem Winter 1944/45.
Damals herrschte Krieg, und in den Niederlanden wurde gehungert.
Unter der deutschen Besatzung brach die Nahrungsmittelversorgung
komplett zusammen. Essbares gab es nur gegen Lebensmittelkarten.
Die Tagesration lag zeitweise bei unter 400 Kalorien – viel
zu wenig. Fast 20.000 Menschen überlebten den letzten
Kriegswinter nicht. Frauen, die während dieser Zeit schwanger
waren, brachten untergewichtige Kinder zur Welt. Das kennt man auch
aus anderen Krisengebieten. Das Überraschende jedoch: Die
Folgen sind bis heute zu spüren. In den Niederlanden wurde
alles genau dokumentiert: Geburten und Sterbefälle, das
Gewicht der Neugeborenen und spätere Krankheiten. Das
ermöglicht es den Forschern heute, die Geschehnisse
zurückzuverfolgen.
Nach über 50 Jahren ist es den Forschern gelungen, diejenigen Personen ausfindig zu machen, die im Hungerwinter geboren wurden. Rund 900 Menschen beteiligten sich an der Studie. Als die Untersuchung begann, waren sie alle um die 50 Jahre alt. "Sie litten doppelt so oft an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie ihre Altersgenossen", erzählt Tessa Roseboom. "Sie hatten häufiger Brustkrebs und Übergewicht." Das erstaunlichste Ergebnis jedoch: Die Frauen, die damals mit geringem Geburtsgewicht zur Welt kamen, brachten später selbst kleinere Kinder zur Welt, obwohl es natürlich längst wieder genug zu essen gab. Und auch diese Kinder, also die Enkel der Kriegsgeneration, litten noch unter einem höheren Krankheitsrisiko! Wie kann das sein? Wie ist die Information über die Lebensbedingungen der Großeltern zu den Enkeln gelangt?
Seit Darwin vor 150 Jahren die Evolutionstheorie
veröffentlich hat, steht fest: erworbene Eigenschaften lassen
sich nicht vererben. Die Lebensweise der Großeltern hat
keinen direkten Einfluss auf die Gene der Nachkommen. Muss diese
Überzeugung korrigiert werden? Ausführlich
beschäftigen sich die Forscher der Uniklinik Amsterdam mit der
Enkelgeneration. Sie erheben den genauen Gesundheitszustand und
untersuchen Blutproben der Betroffenen. Das Erbgut wird
sequenziert. Endgültige Ergebnisse gibt es noch nicht. Fest
steht jedoch, dass die Hungersnot keine Auswirkungen auf den
Buchstabencode der DNS hatte. "Die Hungersnot hat vermutlich
bei einigen Genen den Schalter umgelegt", sagt Tessa Roseboom.
Extreme Ereignisse können Gene an- oder ausschalten. Ein
wichtiger Regulationsmechanismus: Die Gene selbst sind nur der Text
im Buch des Lebens. Entscheidend ist, was damit gemacht wird.
Kleine Schalter – sogenannte Methylgruppen – heften
sich an die DNS und schalten so einzelne Gene an oder aus.
Epigenetik heißt der neue
Forschungszweig, der sich mit der Regulation unseres Erbgutes
beschäftigt. Darwin konnte von all dem nichts wissen. Zu
seiner Zeit war selbst die DNS noch unbekannt. Umso erstaunlicher,
dass er wichtige Mechanismen der Vererbung sehr zutreffend
beschrieben hat. Erst jetzt entdecken die Wissenschaftler das neue
Feld der Epigenetik. Noch steht die Forschung ganz am Anfang, doch
sie hat enorme Konsequenzen: Denn ob wir schlemmen oder hungern,
rauchen oder trinken – all das hat nicht nur Folgen für
unsere eigene Gesundheit. Es beeinflusst auch die Gene unserer
Kinder und Enkel.
Am Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie will Florian Holsboer herausfinden, ob auch Stress und Traumata unsere Gene verändern können. Und weil man bestimmte Versuche mit Menschen nicht machen kann, arbeiten die Forscher hier mit Mäusen: Mehrere Stunden am Tag werden Mäusebabys von ihrer Mutter getrennt. Für die Kleinen bedeutet das Lebensgefahr, denn sie werden noch gesäugt. Wirkt sich der Stress, den sie in den ersten Lebenswochen erleiden, bis ins Erwachsenenalter aus? Ein Verhaltenstest soll diese Frage klären.
Im Erwachsenenalter werden die Mäuse in eine Art Labyrinth gesetzt. Es gibt geschlossene dunkle Gänge und offene helle. Die entscheidende Frage: Wagt sich die Maus in die offenen und hellen Gänge? Das Ergebnis ist eindeutig: Mäuse, die ohne schlechte Erfahrungen aufgewachsen sind, balancieren mutig im Hellen umher. Ihre traumatisierten Artgenossen dagegen bevorzugen die Sicherheit im dunklen Gang. Stress in früher Jugend führt also zu einem ängstlichen Verhalten im späteren Mäuseleben. Im nächsten Schritt durchforsten die Wissenschaftler das Erbmaterial der Mäuse. Tatsächlich hat der Stress Spuren im Genom hinterlassen: Einige Gene wurden aktiviert, andere abgeschaltet. Traumata verändern also den genetischen Schaltplan. Die Verhältnisse beim Menschen sind komplexer. Doch Professor Holsboer ist überzeugt, dass sich die Prinzipien aus dem Mäuseversuch auch auf den Menschen übertragen lassen. "Die Epigenetik ist lange unterschätzt worden", sagt er. "Heute aber wissen wir, dass die 20.000 Gene, die wir auf unserer Erbsubstanz tragen, nur eine sehr grobe Grundinformation liefern. Die Epigenetik orchestriert die Informationen, die auf unseren Genen sind. Und sie ist die Relais-Station gegenüber äußeren Umwelteinflüssen." Extreme Ereignisse wie Hunger, Stress oder Terror können also den epigenetischen Schaltplan verändern. Professor Holsboer hat auch das Genom von Personen untersucht, die nach dem Attentat auf das World Trade Center in New York unter posttraumatischen Belastungsstörungen litten. Und tatsächlich hat er auch bei ihnen Veränderung im Schaltplan der Gene gefunden. Im nächsten Schritt wollen die Forscher herausfinden, ob solche Veränderungen an die Nachkommen weitergeben werden. Im Mittelpunkt der Forschung werden dann zunächst wieder die Mäuse stehen.
Claudia Ruby
Stand: 29.09.2009
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