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Sendung vom 06. Oktober 2009
Die letzten Lebensräume der Menschaffen verschwinden
Die Menschenaffen sind vom Aussterben bedroht. Ihre Zahl nimmt rapide ab, selbst in Schutzgebieten. Alle vier Menschenaffenarten sind davon betroffen. Das ist die düstere Erkenntnis der Weltnaturschutzunion (IUCN), die im Auftrag der Vereinten Nationen die Situation der Menschenaffen untersucht hat. Die Hauptfaktoren, die den Rückgang der Großen Menschenaffen verantworten, so heißt es in dem Bericht, seien der Verlust und die Zerstörung des Lebensraums sowie die Wilderei. Der Bau von Straßen in die Waldregionen sei besonders kritisch, weil dadurch die Wege für Holzfäller, Jäger, Minengesellschaften, Landwirtschaft und Industrie geschaffen würden – alles Faktoren, die die Großen Menschenaffen bedrohten. Der Bericht geht davon aus, dass die afrikanischen Großen Menschenaffen mehr als zwei Prozent und die Orang-Utans etwa fünf Prozent ungestörten Lebensraum jährlich verlieren werden. Rechnet man das hoch, so heißt das, dass spätestens in fünfzig Jahren der letzte Lebensraum für die afrikanischen Menschenaffen verschwunden ist. Bei den Orang-Utans würde es dazu bereits in zwanzig Jahren kommen.
Von den drei in Afrika lebenden Menschenaffen hatten die Schimpansen wahrscheinlich das größte Verbreitungsgebiet: die Feuchtsavannen und tropischen Regenwäldern vom Senegal bis Angola im Westen Afrikas nach Ruanda und Tansania im Osten. Heute existieren die größten Populationen in Gabun, Kamerun und der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo). Die IUCN schätzt die Zahl der Schimpansen mit allen Unterarten auf 100.000 bis 200.000. Tendenz fallend. Es ist wahrscheinlich, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Millionen Schimpansen Afrika bevölkerten. Die Schimpansen werden durch den Verlust an Lebensraum bedroht. Ursachen sind vor allem der kommerzielle Holzeinschlag, Waldrodung für Landwirtschaft und Minenarbeiten. All diese Faktoren haben zur Folge, dass Wilderer in den Wald eindringen und Schimpansen jagen. Häufig bleiben nur die Jungtiere zurück. Zu klein für den Koch-Topf werden sie dann als Haustier verkauft. Das Fleisch der ausgewachsenen Schimpansen wird als Delikatesse ("Buschfleisch") bis in die großen Städte verkauft. Wer glaubt, dies sei ein rein afrikanisches Problem, täuscht sich. Es sind internationale Firmen, die das Holz und die Rohstoffe aus dem Wald holen, um es auch nach Deutschland zu verkaufen. Mit Geldern der EU und der Weltbank wurden die Straßen gebaut, auf denen die Holzlaster die Baumstämme aus dem Wald zu den Häfen bringen.
Bonobos leben ausschließlich im Regenwald des Kongobeckens. Ihre Zahl wird auf 5.000 bis 50.000 geschätzt. Auch ihr Bestand ist gefährdet. Sie werden durch die gleichen Faktoren bedroht wie die Schimpansen. Zwar haben sie den Vorteil, dass ihr Lebensraum im Kongo recht unzugänglich ist. Trotzdem dringen die Holzfirmen und im Gefolge die Wilderer immer tiefer in den Wald ein. Die Region gilt als weitgehend unkontrollierbar, weswegen die Wilderer kein Risiko eingehen, jemals bestraft zu werden, wie es das Landesrecht vorsieht.
Gorillas leben in Waldgebieten nahe dem Äquator. Es gibt im Grunde zwei Hauptregionen: Im Westen ist der Westliche Flachlandgorilla und der Cross-River-Gorilla zu Hause. Von Letzterem existieren nur noch knapp 200 Tiere an der Grenze zwischen Kamerun und Nigeria. Die Westlichen Flachlandgorillas hingegen werden auf knapp 100.000 geschätzt. Über tausend Kilometer weiter östlich lebt der Östliche Flachlandgorilla. Laut IUCN-Report sind es 16.900 Tiere; in Ruanda kommen noch einmal 324 Berggorillas hinzu.
Wie die anderen afrikanischen Menschenaffen sind auch Gorillas vom Menschen durch Holzrodung und Wilderei bedroht. Hinzu kommt, dass die Östlichen Flachlandgorillas im Bürgerkriegsgebiet leben. Teile der bewaffneten Freischärler, Milizen, Paramilitärs und offiziellen Truppen leben in den Wäldern und jagen dort auch Gorillas. Angetrieben und finanziert werden die Kriegsparteien durch die Gier nach Rohstoffen. So wird im Osten der DR Kongo eines der Erze (Coltan) gewonnen, die für die Herstellung von Halbleitern in Handys und andere Hightech-Produkten notwendig ist. Die Minenarbeiten zerstören zusätzlich den Lebensraum der Gorillas. Doch auch die Westlichen Flachlandgorillas sind gefährdet. Ihr Lebensraum wird durch das Erschließen von Ölfeldern zunehmend zerstört.
Orang-Utans leben bevorzugt in den Sumpf- und Mangrovenwäldern Borneos und Sumatras. Wegen ihrer nomadischen Lebensweise benötigen sie besonders viel intakten Regenwald. Gewaltige Waldbrände auf Borneo Ende der 1990er-Jahre verschärften die Situation für die Orang-Utans, die auch vorher schon durch Holzeinschlag, Rodung, Bergbau und Wilderei in ihrem Bestand gefährdet waren. Die Brände wurden gelegt, um Waldgebiete urbar zu machen – vor allem für profitable Palmölplantagen. Denn Palmöl ist weltweit begehrt als billiger Grundstoff für Nahrungsmittel, Kosmetika, Waschmittel und als Biokraftstoff. Es ging also nicht um Landgewinn für die lokale Bevölkerung, sondern um internationale Geschäfte. Hinzu kommt ein reger internationaler Handel mit lebenden Orang-Utans, die als Haustiere gehalten werden.
Die Situation unserer nächsten Verwandten ist katastrophal.
Es ist mehr als wahrscheinlich, dass freilebende Menschenaffen in
wenigen Jahren nur noch in speziellen Schutzzonen überleben
können. Aber jeder von uns kann aktiv helfen, den Prozess der
Ausrottung zumindest zu bremsen oder ihn gar stoppen! Im Alltag
reicht es aus, wenn Sie keine Tropenhölzer kaufen. Es gibt
genügend europäische Hölzer, deren Herkunft leichter
kontrollierbar ist. Eine andere Hilfe ist, dass Sie beim Kauf von
Holz darauf achten, dass die Hölzer
FSC-zertifiziert sind. Zwar gibt es eine
Reihe weiterer Zertifikate, aber die werden in der Regel nicht
unabhängig kontrolliert. Dann sollten Sie unnötige
Anschaffungen der Unterhaltungs-, Kommunikations- oder Computerwelt
vermeiden. Alle zwei Jahre ein neues Handy bedeutet auch, dass mehr
Erze aus dem Lebensraum der Menschenaffen gefördert werden
müssen. Thema Biosprit: Ein gutes Beispiel dafür, dass
eine vordergründig gute Idee jede Menge Schaden anrichten
kann. Finger weg vom Biosprit, wenn Sie sich nicht sicher sind,
dass die Herkunft unbedenklich ist.
Wenn Sie aktiv werden möchten, können Sie auch eine der vielen Organisationen unterstützen, die sich um den Schutz der Menschenaffen bemühen. Allerdings ist es naiv zu glauben, dass man mit dreißig Euro den Regenwald retten (lassen) kann. Und: Schauen Sie genau nach, was mit ihrem Geld gemacht wird und ob Erfolge nachgewiesen werden. Dann helfen Sie einer Organisation, sinnvolle Arbeit zu leisten – nicht mehr aber auch nicht weniger.
Hilmar Liebsch
Stand: 06.10.2009
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