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Sendung vom 24. November 2009
Kostbares Wasser
Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel. Weil die Experten seit Jahren warnen, dass es immer knapper wird, spare ich, wo es nur geht – der Umwelt zuliebe. Aber in letzter Zeit höre ich immer öfter, bei uns in Deutschland sei Wassersparen Unsinn. Im Internet lese ich, dass Sparmaßnahmen, z. B. seltener duschen, während des Zähneputzens den Hahn zudrehen oder die Spartaste an der Toilette benutzen, nicht nur ökologisch unnötig, sondern möglicherweise sogar schädlich und teuer sind. Der Grund: wenn die Abwasserkanäle nicht ausreichend durchgespült werden, müssen sie häufiger gereinigt oder sogar saniert werden. Habe ich jahrelang am falschen Ende gespart? Das will ich genauer wissen.
Meine Recherche führt mich in die Abwasserkanäle von Gelsenkirchen, zehn Meter unter der Erde. Knöcheltief stehe ich in Fäkalien. Und tatsächlich: die Rohre sind verstopft. Rolf Pospiech, Vorarbeiter des Kanalreinigungstrupps zeigt mir, dass Klopapier und ähnliches in der Kanalisation dem Wasser den Weg versperren. „Die Ablagerungen entstehen, wenn zu wenig Wasser in der Kanalisation ist,“ erklärt Pospiech. „Das wird jetzt ein wenig zerkleinert und läuft dann ganz normal wieder ab.“ Fast täglich müssen er und seine Mitarbeiter ausrücken, um die Rohre eigenhändig freizuschaufeln. Für die dünneren, unzugänglichen Rohre ist die so genannte Spülwagenmannschaft zuständig. Sie schickt eine fahrbare, ferngesteuerte Kamera durch die Rohre, um eventuelle Schäden aufzuzeichnen. Vor der Kamera fährt eine Reinigungsdüse, die das Rohr säubert. Am Monitor kann ich diesen Vorgang beobachten. Auch hier bekomme ich zu hören, dass die Rohre öfters verstopfen. Die Reinigungsfachmänner hätten nichts dagegen, wenn wir ruhig mal wieder ordentlich spülen würden.
Aber diejenigen, die unser sauberes Wasser zur Verfügung stellen, sehen das bestimmt ganz anders! Ich treffe mich mit Felix Wirtz, dem Pressesprecher von Gelsenwasser, dem Wasserversorgungsbetrieb der Region. Er lädt mich zu einer Bootsfahrt auf dem Halterner Stausee bei Recklinghausen ein, aus dem rund eine Million Menschen ihr Wasser beziehen. „Wir haben die natürliche Ressource ausreichend vorhanden,“ so Wirtz. Einen ökologischen Grund zum Wassersparen, sieht er nicht. Wir verbrauchen heute ohnehin schon sehr viel weniger Wasser als es in den 70er und 80er Jahren vorhergesagt wurde. Wegen dieser falschen Prognosen ist die Kanalisation überdimensioniert und daher rühren auch ihre Probleme. Im Landesamt für Umwelt, Natur und Verbraucherschutz werde ich schließlich auf einen ganz anderen Aspekt hingewiesen: Ich verbrauche nicht nur Wasser beim Kochen, Putzen, Spülen, sondern vor allem, wenn ich einkaufe. Denn bei der Herstellung der Produkte, die ich kaufe, wurde Wasser verbraucht. Dass das ein Problem sein könnte, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Dem will ich weiter nachgehen.
Meine Recherchen führen mich nach Holland. Professor Arjen
Hoekstra sammelt seit Jahren weltweit Zahlen und Fakten für
seine Online-Datenbank „
Virtual Waterfootprint“. Ein
Wasserfußabdruck? Er erklärt mir, dass mit dem
„Fußabdruck“ die gesamte Wassermenge gemeint ist,
die bei der Herstellung von Gütern verbraucht wird. Was wir im
Haushalt an Wasser verbrauchen macht in Deutschland nur gerade
einmal vier Prozent des Gesamtverbrauchs aus. Der gesamte Rest von
96 Prozent ist versteckt in Lebensmitteln und anderen Produkten.
Hoekstra nennt Beispiele: Allein für einen kleinen
Schokoriegel werden in Ghana 2.000 Liter Wasser verbraucht, und
hinter einem Kilo Rindfleisch aus Argentinien verbergen sich sogar
16.000 Liter. So verbraucht der durchschnittliche Deutsche
schließlich nicht etwa nur 130 Liter, sondern unglaubliche
4.000 Liter Wasser am Tag. Frisches Obst und Gemüse kommen
jetzt im Winter ausgerechnet aus dem extrem trockenen Süden
Spaniens. „Für die Menschen vor Ort ist das ein
großes Problem!“, sagt Hoekstra mit Nachdruck.
Das möchte ich vor Ort überprüfen und ich fliege nach Spanien. Mit dem Landwirtschaftsexperten Felipe Fuentelsaz vom WWF Spanien fahre ich ins Donana-Naturschutzgebiet, ein einzigartiger Rückzugsraum für bedrohte Tiere und Pflanzen. Wir müssen nicht lange suchen. Mittendrin, für jeden sichtbar stehen Gewächshäuser, die hier gar nicht erlaubt sind. Dem Obst- und Gemüseanbau wurden in den letzten Jahren bereits 2.000 Hektar Wald geopfert. Wegen der enormen Trockenheit komme es im Sommer zu einem regelrechten Krieg ums Wasser, erklärt Felipe Fuentelsaz. Leidtragender ist das Naturschutzgebiet. Mit unzähligen illegalen Wasserlöchern graben ihm die Bauern das Wasser ab. Der Grundwasserspiegel ist hier in den letzten 30 Jahren bereits um 50 Prozent gesunken. „Warum schreitet die Polizei nicht ein?“, will ich wissen. Da die Region von der Landwirtschaft lebe, winkt Felipe ab, würden die Belange der Natur eben hinten angestellt. Von einem Hügel aus können wir über die Landschaft blicken. Gewächshäuser, soweit das Auge reicht. Fuentelsaz ist überzeugt, dass sich das auf lange Sicht rächen wird: Andalusien droht zur Wüstenlandschaft zu werden. Zurück in Deutschland gehe ich nun mit anderen Augen einkaufen. Jetzt, wo ich darauf achte, fällt mir auf, dass unsere Supermärkte voller Lebensmittel sind, die aus Regionen mit Wassermangel stammen. Durch den globalen Handel landen sie bei uns. Sie kommen aus der wasserarmen Region in die wasserreiche Region – das ist wirklich paradox.
Stand: 24.11.2009