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Sendung vom 01. Dezember 2009
Klimaschutz bei Tisch
Was hat unser Essen mit dem Klimawandel zu tun? Um diese Frage zu klären, treffe ich mich mit Jesko Hirschfeld vom Berliner Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung. Er hat dazu eine umfangreiche Studie verfasst und kommt zu einem für mich überraschenden Ergebnis. „Man kann sagen, die deutsche Landwirtschaft trägt stärker zum Klimawandel bei als das bisher in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden ist“, fasst Hirschfeld zusammen. „Fast so viel wie der gesamte deutsche Autoverkehr.“ Das möchte ich nun an einem konkreten Beispiel sehen. Ich habe ein Foto mitgebracht, das mein typisches Mittagessen zeigt: Steak, Pommes und Salat. Jesko Hirschfeld will mir für dieses Essen eine Klimabilanz erstellen.
Wir beginnen auf dem Salatfeld. Das sieht doch ganz unschuldig
aus, denke ich. „Wodurch verursachen diese Salatköpfe
denn CO2-Emissionen“, möchte ich von
Hirschfeld wissen. Er zählt auf: zunächst durch die
Bodenbearbeitung, die mit Traktoren stattfindet, durch die
Düngung, bei der Treibhausgase entstehen, und dann auch durch
die Produktion und Ausbringung der Pflanzenschutzmittel. Hinzu
kommen der Transport bis zum Kunden und die Kühlung auf dem
Weg dorthin. Und was kommt am Ende dabei heraus? „Das
hängt davon ab, wo der Salat angebaut wurde. Im Freiland geht
man von Emissionen von ca. 140 Gramm
CO2-Äquivalenten pro
Kilogramm Salat aus. Das ist nicht viel“, erklärt
Hirschfeld. „Aber wenn der Salat im Winter gekauft wird, dann
stammt er meist aus beheizten Treibhäusern und damit werden
die Emissionen bis zu 30 Mal höher.“ Das gilt leider
auch für den Salat auf meinem Mittagsteller. Die 50 Gramm
schlagen daher mit 223 Gramm CO2-Äquivalenten zu
Buche.
Jetzt sind die Pommes Frites dran. Hirschfeld zeigt mir ein Feld von Biokartoffeln. Sie werden weder gedüngt noch gespritzt, was sich in der Klimabilanz positiv niederschlägt: 140 Gramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm Kartoffeln aus dem Ökoanbau, bei konventionellem Anbau sind es dagegen 200 Gramm. Allerdings habe ich ja nicht Kartoffeln, sondern Pommes auf meinem fotografierten Teller. „Durch den aufwändigen Verarbeitungsprozess haben die eine sehr schlechte Klimabilanz“, erklärt Hirschfeld. „Sie werden geschält unter heißem Dampf, geschnitten, blanchiert, getrocknet, frittiert, tiefgekühlt, transportiert, wieder frittiert.“ Für die Klimabilanz bedeutet das über 5.700 Gramm CO2-Äquivalente pro Kilo! Meine 100 Gramm auf dem Teller haben also 573 Gramm CO2-Äquivalente frei gesetzt.
Im Rindermastbetrieb klärt mich Jesko Hirschfeld schließlich noch über das Steak auf. „Die insgesamt knapp 13 Millionen Rinder in Deutschland stoßen etwa 50 Millionen Tonnen an Treibhausgasen aus“, berichtet er. „Das ist etwa ein Drittel der Emissionen, die in Deutschland aus dem Straßenverkehr kommen.“ Für mein 200 Gramm schweres Steak muss ich 1.670 Gramm CO2-Äquivalente rechnen. Rinder tragen deshalb so stark zum Klimawandel bei, weil sie bei ihrer Verdauung Methan ausstoßen, ein noch wirksameres Treibhausgas als Kohlendioxid. Fleisch ist ein Klimakiller, denn zum Treibhausgasaustoß der Tiere kommen die Klimaeeffekte durch den Anbau der verwendeten Futtermittel. Insgesamt habe ich mit meinem Mittagessen also 2.476 Gramm CO2-Äquivalente freigesetzt, so viel, wie ein sparsamer Mittelklassewagen auf einer Strecke von 21 Kilometer! Um die Bilanz zu verbessern rät Hirschfeld zu folgenden Tipps, die für jeden eigentlich leicht umzusetzen sind: Treibhaussalat durch Freilandsalat aus der Saison ersetzen, zum Beispiel Feldsalat im Winter, statt Pommes Frites lieber Pellkartoffeln oder Salzkartoffeln wählen und ein kleineres Steak essen. Doch letzteres würde mir weder schmecken, noch mich satt machen. Aber dann überrascht Hirschfeld mich mit einem anderen Vorschlag: Ab und zu einen kompletten vegetarischen Tag einlegen. Das nehme ich mir vor.
Für mich als leidenschaftlichem Fleischesser ist es gar nicht so einfach, einen ganzen Tag darauf zu verzichten. Ich fahre nach Gent, Belgiens drittgrößter Stadt, denn heute essen auch viele Genter nur vegetarische Gerichte. Überall in der Stadt hängen Werbeplakate für den fleischlosen Donnerstag, den „Veggie-Dag“. Vizebürgermeister Tom Balthazar hat diese Kampagne mit Unterstützung der Vegetarierorganisation EVA eingeführt. Der Klimaschutz spielte dabei eine große Rolle. „Wenn alle Bürger von Gent am Veggie-Dag teilnehmen würden, könnten sie die CO2-Emissionen von 18.000 Autos einsparen“, erklärt Tom Balthazar. Soweit ist es zwar noch nicht, aber die Kampagne soll jedem einen Anreiz bieten, auch mal einen Tag auf Fleisch zu verzichten. Städtische Kantinen, Schulküchen und auch die Uni-Mensen kochen donnerstags nur vegetarisch. Viele Restaurants setzen besondere fleischlose Gerichte auf ihrer Speisekarte. Und die Kampagne hat Erfolg: inzwischen essen die Genter doppelt so viele vegetarische Gerichte als noch vor Einführung des Veggie-Dags. Meinen fleischlosen Tag in Gent beende ich mit einem köstlichen Drei-Gänge-Menu in einem Gourmet-Restaurant. Der Veggie-Dag ist eine tolle Idee – hoffentlich gibt es das in anderen Städten bald auch.
Stand: 24.11.2009
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