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Quarks & Co
Sendung vom 08. Dezember 2009
CO2 freie (Groß)-Städte?
Windenergieparks, Solar- und Biogas-Kraftwerke einrichten, Fern- und Nahwärmenetze ausbauen, Wärmedämmung in Gebäuden fördern, Energie einsparen – für keine dieser Maßnahmen braucht man Beschlüsse von internationalen Klimakonferenzen. Und so haben auch die Kommunen in Deutschland beim Thema Klimaschutz vieles selbst in der Hand. Beispiele gibt es genug: Immer mehr Kommunen stellen ehrgeizige Klimaschutz-Pläne auf und arbeiten daran, ihre CO2-Emissionen deutlich zu senken. Dabei treibt sie oft auch simpler Wirtschafts-Egoismus an: Der "Klima-Umbau" rechnet sich meist schnell und fördert Handwerker und Unternehmen in der Region.
Quarks & Co hat die bayrische Gemeinde Wildpoldsried besucht, die schon länger erfolgreich auf erneuerbare Energien setzt. Und: München! Dessen Stadtrat hat 2009 ehrgeizige Klimaziele beschlossen und will zeigen, dass entschiedener Klimaschutz auch in der Großstadt funktioniert.
Angefangen hat in der oberallgäuer Gemeinde Wildpoldsried alles mit einem ersten Windrad. Inzwischen sind es fünf, und zusammen mit fünf dazugekommenen Biogaskraftwerken, 100 großen Photovoltaik-Dächern und drei Wasserkraftwerken produziert die Gemeinde inzwischen rund dreimal soviel Strom aus erneuerbaren Energieträgern, wie sie selbst verbraucht. Anfänglich gab es im Dorf auch Widerstände gegen die großen Windräder. Inzwischen sind aber 160 Wildpoldsrieder als Mitbetreiber der Windkraftwerke eingestiegen und verdienen damit Geld. Dabei profitiert die ganze Gemeinde, die "wegen der Gewerbesteuerzahlungen der Betreiber sicher nicht bös ist", wie Bürgermeister Anton Zengerle verschmitzt zugibt. Die Gemeinde selbst unterhält zudem eine große Holzpellet-Heizung, die Dutzende öffentlicher Gebäude und privater Wohnungen mit Nahwärme versorgt. Ziel bis 2020 ist, rechnerisch auch den gesamten Wärmebedarf des Ortes aus regenerativen Quellen zu decken.
Inzwischen organisiert die Gemeinde auch Einkaufsgemeinschaften von Photovoltaik-Anlagen, kollektive Austauschaktionen von überalterten Heizungspumpen, unterstützt Wärmebildaufnahmen von Wohnhäusern für Dämm-Maßnahmen und vermittelt Energiespar-Beratungen. Wo es geht, werden dabei Handwerker aus der Gemeinde beschäftigt, und das Geld, das durch den Umbau erwirtschaftet, oder zum Beispiel dank geringerer Heizkosten gespart werden kann, "bleibt eine Runde länger im Ort und das nennt man regionale Wertschöpfung", so Bürgermeister Anton Zengerle. Die Gemeinde Wildpoldsried ist schuldenfrei, wurde mehrfach mit Klima- und Umweltpreisen ausgezeichnet und dabei auch attraktiv für Umwelt-Unternehmen, die sich nun im Ort angesiedelt haben. Bis heute haben die Wildpoldsrieder ihre CO2-Emissionen schon um 65 Prozent reduziert.
Weit komplexer ist es, in Großstädten den Energieumbau zu organisieren. Münchens Stadtrat hat sich dennoch ehrgeizige Ziele gesetzt: Die Stadtwerke München sollen in eigenen Kraftwerken bis 2015 soviel Strom aus erneuerbaren Energieträgern produzieren, dass der Strombedarf aller privaten Haushalte, bis 2025 sogar der von ganz München gedeckt werden könnte. Die Stadtwerke werden dazu nicht nur in der Region Wasserkraft- und Geothermie-Kraftwerke bauen, sondern sich auch an Off-Shore-Windparks in der Nordsee und Solarkraftwerken zum Beispiel in Südspanien beteiligen. Außerdem soll München seine CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent reduzieren und baut dazu unter anderem sein klimafreundliches Fernwärmenetz aus.
Doch vor allem gilt es, die Münchner Bürger und Unternehmen für den "Klima-Umbau" zu gewinnen und zu beteiligen. Dazu hat sich "das Münchner Bündnis für Klimaschutz" gegründet, ein Zusammenschluss von Stadtverwaltung, Stadtwerken, Wohnungsbaugesellschaften, Medien, der Industrie- und Handelskammer, Unternehmen, Institutionen und Vereinen. Gemeinsam haben sie den "Münchner Qualitätsstandard" vereinbart: Bei Bau- und Sanierungsmaßnahmen sollen die gesetzlichen Energie-Sparnormen möglichst unterschritten werden, dafür kann es sogar von der Stadt Extra-Zuschüsse geben. Im "Bauzentrum München", einem städtischen Energiespar-Beratungszentrum, können sich Münchner kostenlos von Fachleuten über Heiztechnik, Wärmedämmung und Solaranlagen informieren lassen. Münchner Haushalte mit geringem Einkommen können sogar kostenlos den Besuch eines Energieberaters in Anspruch nehmen. Der überreicht dabei nicht nur ein Gratis-Energiesparpaket mit Energiesparlampen, Stromspar-Steckerleiste und Beratungsfibel, sondern tauscht bei Bedarf sogar kostenfrei alte stromfressende Haushaltsgeräte gegen neue!
Zum Energiesparen soll auch das Münchner "Klimasparbuch" motivieren: Es enthält eine Menge Gutscheine, mit denen Konsumenten Rabatte beim Einkauf klimafreundlicher Produkte bekommen können. Die Stadt München setzt auch auf das Elektroauto und prüft Konzepte für klimafreundliche Ladestationen. Oberbürgermeister Christian Ude ist sicher, dass der hohe Münchner Lebensstandard nicht unter der städtischen Klimaoffensive leiden wird: "Ökologische Vorbildlichkeit ist ein ganz wichtiger Standortfaktor der Zukunft, Umweltkompetenz festigt auch die ökonomischen Vorteile Münchens." Schützenhilfe bekommt Christian Ude nun auch von der Firma Siemens. Siemens hat eine umfangreiche wissenschaftliche Studie veröffentlicht, die untersuchen sollte, wie München bis zum Jahr 2050 sogar CO2 frei wirtschaften kann. Das Fazit auch dort: Rechnen würde sich das allemal.
Mike Schaefer
Stand: 08.12.2009
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