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Sendung vom 19. Januar 2010
Zwölf bekannte seltene Krankheiten
Uralt aussehende "Greisenkinder" in Fernsehberichten über „Progerie“. Medienberichte über den Astrophysiker Stephen Hawking, der nur noch über einen Sprachcomputer mit den Menschen kommunizieren kann, weil er an der „Amyotrophen Lateralsklerose“ leidet: Fast jeder hat schon mal von einer seltenen Krankheit gehört oder gelesen. Erfahren Sie hier, was hinter den oft komplizierten Namen steckt.
Der Begriff Progerie bedeutet "vorzeitiges Altern".
Ursache für die Erkrankung ist eine Veränderung auf einem
Gen für ein bestimmtes Zelleiweiß. Dieses Eiweiß
stabilisiert die Wände des Zellkerns. Fehlt das Eiweiß,
sind die Wände des Zellkerns geschwächt und verformt.
Forscher vermuten, dass die Erbsubstanz vorzeitig abgebaut wird.
Die Betroffenen beginnen schon im Kindesalter zu vergreisen: Haut,
Knochen und Blutgefäße verändern sich wie bei alten
Menschen. Haarausfall, Knochenschwund, Herzinfarkt und Schlaganfall
können schon im Kindesalter die Folge sein. Meist werden die
Kinder nicht älter als 14 Jahre.
Ursächlich kann man Progerie nicht behandeln; die Therapie
kann nur Beschwerden lindern und Komplikationen vorbeugen. Durch
Krankengymnastik wird die Muskulatur gestärkt,
Badezusätze und Lotionen schützen die empfindliche Haut.
Zudem sollen Medikamente das Fortschreiten der Arterienverkalkung
und somit die Entstehung eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls
verhindern.
Die Progerie ist äußerst selten: Man schätzt, dass
nur einer unter 400.000 Einwohnern in Europa von der Krankheit
betroffen ist.
Bei der Glasknochenkrankheit (medizinisch: Osteogenesis
imperfecta) führen schon kleinste Belastungen zu schmerzhaften
Knochenbrüchen. Ursache ist eine Veränderung der
Erbinformation, die für die Bildung des sogenannten Kollagens
verantwortlich ist. Kollagen ist ein wesentlicher Bestandteil der
Knochensubstanz. Bei der Glasknochenkrankheit werden zu wenige oder
nur mangelhafte Kollagenfibrillen gebildet.
Heilen kann man die Glasknochenkrankheit nicht. Die Behandlung
zielt eher darauf, die Knochenbrüche zu verhindern und die
Schmerzen zu lindern. Kinder werden oft mit Medikamenten behandelt,
die den Knochenaufbau fördern. Zusätzlich müssen die
Betroffenen ihr ganzes Leben darauf achten, immer genügend
Vitamin D und Kalzium aufzunehmen, damit sich die Krankheit nicht
verschlimmert.
Man schätzt, dass etwa sechs bis sieben von 100.000 Menschen
an der Glasknochenkrankheit leiden. In Deutschland leben demnach
rein rechnerisch gut 5000 Menschen mit der
Glasknochenkrankheit.
Bei der Mukoviszidose ist die Sekretbildung gestört: Die
Körpersekrete enthalten zu wenig Wasser und sind dadurch zu
zähflüssig. Die Krankheit betrifft die
Schweißdrüsen, die Speicheldrüsen, die
Verdauungsdrüsen und die Schleimdrüsen. Besonders
problematisch ist das in der Lunge: Der dort produzierte Schleim
ist bei Menschen mit Mukoviszidose so zähflüssig, dass er
sich in den Atemwegen staut und nicht richtig abgehustet werden
kann. Häufige Lungenentzündungen sind die Folge. Auch die
Bauchspeicheldrüse und die Leber produzieren Sekrete, die zu
zähflüssig sind. Das führt häufig zu
Verdauungsproblemen wie chronischen Durchfällen und
Mangelernährung.
Die Erkrankung wird autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass
ein Kind auch dann erkranken kann, wenn die Eltern zwar gesund
sind, die veränderte Erbinformation aber tragen und
weitergeben. Heilbar ist Mukoviszidose nicht. Durch
Krankengymnastik, Inhalationstherapie und Medikamente, die die
fehlerhaften Verdauungsenzyme ersetzen, kann man den Betroffenen
zwar helfen. Dennoch schätzt man die Lebenserwartung für
Mukoviszidose-Patienten nur auf etwa 30 bis 40 Jahre.
In Deutschland sind etwa 8.000 Menschen von Mukoviszidose
betroffen.
Die Phenylketonurie (PKU) ist eine angeborene
Stoffwechsel-Störung. Durch den Mangel eines bestimmten Enzyms
kann der Körper einen Eiweißbaustein nicht abbauen, die
Aminosäure Phenylalanin. Das Phenylalanin sammelt sich dadurch
im Körper an; das führt von Geburt an zu einer
Störung der Hirnentwicklung. Durch den Enzymdefekt kommt es
zudem zu einem Melaninmangel; Melanin ist ein Hautpigment. Die
Betroffenen haben deshalb eine auffällig helle
Hautfarbe.
Die PKU kann gut behandelt werden, indem man die Aufnahme von
Phenylalanin durch die Nahrung beschränkt. Da die
Aminosäure Bestandteil aller Nahrungseiweiße ist,
sollten eiweißhaltige Lebensmittel wie Fleisch, Fisch,
Milchprodukte und Eier gemieden werden. Um einem Mangel an anderen
Aminosäuren vorzubeugen, gibt es spezielle
Aminosäuremischungen, die kein Phenylalanin enthalten. In
Deutschland wird bei allen Neugeborenen routinemäßig
getestet, ob sie unter PKU leiden. Wenn die Krankheit
frühzeitig behandelt wird, entwickeln sich die betroffenen
Kinder ganz normal. Auch die Lebenserwartung ist
durchschnittlich.
Man schätzt, dass etwa vier von 100.000 Menschen an PKU
erkrankt sind. In Deutschland gibt es demnach rechnerisch gut 3.000
Betroffene.
Lupus erythematodes ist eine Autoimmunkrankheit. Dabei
attackiert der Körper irrtümlich die eigenen Zellkerne
mit Antikörpern. Warum das Immunsystem so
"überreagiert", ist noch nicht abschließend
geklärt. Da diese Autoimmunreaktion überall im
Körper stattfinden kann, kann fast jedes Organsystem betroffen
sein. Die häufigsten Symptome sind Ausschlag,
Gelenkentzündungen, Mattigkeit und Leistungsschwäche.
Aber auch Magen-Darm-Beschwerden, Herzbeutelentzündung,
Muskelentzündungen und Nierenprobleme können Folge eines
Lupus erythematodes sein.
Häufig wechseln sich nahezu symptomfreie Zeiten mit Phasen ab,
die für die Patienten akut lebensbedrohlich sein können.
Bei Lupus erythematodes werden sowohl cortisonhaltige
Präparate eingesetzt als auch Immunsuppressiva, die die
krankhafte Reaktion des Immunsystems unterdrücken sollen.
Ursächlich heilbar ist Lupus erythematodes nicht. Die
Lebenserwartung der Patienten ist eingeschränkt.
Man schätzt, dass in Deutschland etwa 50 von 100.000 Menschen
unter Lupus erythematodes leiden. Frauen sind etwa neunmal
häufiger betroffen als Männer.
Bei Patienten mit Akromegalie wachsen Hände,
Füße und Teile des Gesichts übermäßig.
Ursache der Krankheit ist eine Überproduktion des
Wachstumshormons Somatotropin. Meist ist hierfür ein Tumor in
der Hirnanhangdrüse verantwortlich. Dabei gibt es zwei
Ausprägungen: Erfolgt die Überproduktion während des
Körperwachstums (also bei Mädchen etwa bis zum 17., bei
Jungen bis zum 19. Lebensjahr), kommt es zum sogenannten
Riesenwuchs.
Nach der Pubertät wachsen Menschen nur noch an den
Körperendgliedern und an den vorspringenden Weichteilen; tritt
die Krankheit in diesem Alter auf, so hat sie keinen Einfluss auf
die Körperlänge; doch Hände und Füße,
Ohren, Nase, Kinn oder Unterkiefer vergrößern sich. In
der Folge entwickeln Betroffene häufig Gelenkerkrankungen.
Auch Zuckerkrankheit, Bluthochdruck und das sogenannte
Schlaf-Apnoe-Syndrom (nächtliche Atemaussetzer) sind
häufig. Die Lebenserwartung der Patienten ist aufgrund dieser
Folgeerkrankungen eingeschränkt. Zur Behandlung wird der Tumor
in der Hirnanhangsdrüse entfernt. Ist dies nicht möglich,
können auch Medikamente die Wirkung der
überschüssigen Wachstumshormone blockieren.
Man schätzt, dass in Deutschland etwa 5.000 Menschen mit
Akromegalie leben.
Beim Down-Syndrom sind die Erbgutanlagen in den Zellen
fehlerhaft verteilt: Das Chromosom 21 ist dreimal statt zweimal in
den Zellen vorhanden, weshalb die Erkrankung medizinisch auch
Trisomie 21 heißt. Die Betroffenen haben eine unterschiedlich
stark ausgeprägte geistige Behinderung und kleine
Körperanomalien: ein rundes Gesicht mit kleiner Nase und eine
Hautfalte ("Epikanthus"), die Teile der Lidspalte in der
Nähe der Nase überdeckt. Zudem kommt es zu einem Mangel
an Muskelkraft, schlaffen Gelenken und Organfehlbildungen –
insbesondere des Herzens und des Magen-Darm-Traktes. Ebenso kommen
Kleinwuchs, Hormonstörungen und Autoimmunkrankheiten
vor.
Frühe soziale und schulische Förderung können
bewirken, dass Menschen mit Down-Syndrom als Erwachsene ein
weitgehend selbstbestimmtes Leben führen. Die
durchschnittliche Lebenserwartung für Patienten mit
Down-Syndrom liegt bei über 50 Jahren.
In Deutschland leben zwischen 30.000 und 50.000 Menschen mit
Down-Syndrom. Die Diagnose kann bereits vor der Geburt durch eine
Fruchtwasseruntersuchung gestellt werden. Im Falle einer Trisomie
21 entscheiden sich viele Schwangere für eine Abtreibung.
Dadurch hat in vielen Ländern der Anteil der
Down-Syndrom-Kinder unter den Lebendgeburten drastisch
abgenommen.
Ursache der angeborenen Schmerzunempfindlichkeit ist eine
Veränderung des Erbguts, die entweder dazu führt, dass
keine Schmerzrezeptoren gebildet werden oder dass die
Schmerzweiterleitung in den Nerven gestört ist.
Schmerz ist ein wichtiges Warnsymptom. Können Schmerzen
aufgrund einer Erkrankung nicht mehr richtig wahrgenommen werden,
hat das schlimme Folgen: Die Betroffenen verletzen sich
versehentlilch; gerade Kinder kennen beim Toben und Spielen keine
Grenzen: Knochenbrüche und nicht selten Verstümmelungen
sind die Folge. Ebenso gefährlich sind natürlich von
außen nicht erkennbare Verletzungen oder Erkrankungen. Bei
einer Blinddarmentzündung etwa gibt es keine Warnsignale, oft
kommt jede Hilfe zu spät.
Behandelbar ist die angeborene Schmerzunempfindlichkeit nicht. Zum
Glück ist sie aber auch sehr selten. Gerade einmal 20
Fälle in Europa wurden bisher beschrieben.
Die Hämophilie A ist eine erbliche Krankheit, bei der die
Blutgerinnung gestört ist. Sie wird durch Veränderungen
im Gen des Gerinnungsfaktors VIII verursacht. Wenn der
Gerinnungsfaktor völlig fehlt, verläuft die Krankheit
unbehandelt sehr schwer, oftmals sogar tödlich. Fehlen die
Gerinnungsfaktoren nur teilweise, ist die Krankheit weniger
ausgeprägt.
Die Gene für diese Gerinnungsfaktoren liegen auf dem
weiblichen Geschlechtschromosom (X-Chromosom). Frauen haben das
X-Chromosom in zweifacher Ausführung; Männer dagegen
haben nur ein X-Chromosom. Sie erben es von ihrer Mutter. Hat eine
Frau ein X-Chromosom mit einem gestörten Gen für die
Gerinnungsfaktoren, so erkrankt sie nicht, weil das zweite,
„gesunde“ X-Chromosom den Defekt ausgleicht. Vererbt
sie das „kranke“ X-Chromosom jedoch an ihren Sohn, so
bricht die Krankheit bei ihm aus, da er nur dieses eine X-Chromosom
hat. Die Hämophilie führt vor allem zu Blutungen in
Gelenken und Muskeln. Nach einer Verletzung können Wunden
überall am und im Körper übermäßig
bluten. Die Behandlung besteht in allererster Linie aus dem Ersatz
der fehlenden Gerinnungsfaktoren.
Von der Hämophilie A sind etwa 6 von 100.000 Menschen
betroffen.
Hermaphroditen sind Zwitter. Beim „echten
Zwittertum“ haben die Betroffenen sowohl Hodengewebe als auch
Eierstöcke. Im Gegensatz dazu haben
„Pseudohermaphroditen“ entweder nur Hoden oder nur
Eierstöcke. Bei ihnen entwickeln sich aber durch verschiedene
Hormonstörungen jeweils entgegengesetzte sekundäre
Geschlechtsmerkmale, etwa Bartwuchs bei Frauen oder Brüste bei
Männern.
Bei echten Hermaphroditen kann das Äußere je nach Anteil
des weiblichen und männlichen Gewebes von normal männlich
bis normal weiblich reichen – mit allen erdenklichen
Mischformen. Obwohl Zwitter einen Eisprung haben bzw. Spermien
bilden können, sind sie häufig unfruchtbar.
Ursache für die Erkrankung sind unterschiedlichste
Chromosomenstörungen. Eine ursächliche Behandlung ist
nicht möglich. Wird die Anomalie schon bei der Geburt
entdeckt, wird meist kurz nach der Geburt auf Basis des Aussehens
der äußeren Geschlechtsorgane ein Geschlecht zugeordnet.
Das hormonproduzierende Gewebe in den Keimdrüsen, das dieser
Zuordnung widerspricht, wird dann komplett entfernt. Um eine
eindeutige Geschlechtsentwicklung zu fördern, werden
zusätzlich Geschlechtshormone gegeben. Diesen Eingriff
empfinden viele Betroffenen später jedoch als
Körperverletzung, da sie die Zuordnung nicht selbst
beeinflussen können.
Der echte Hermaphroditismus ist extrem selten. Es wurden bisher
etwa 500 Fälle in Europa beschrieben.
Ursache der Muskeldystrophie Typ Duchenne ist ein Mangel an
Dystrophin, einem Eiweiß in der Herz- und Skelettmuskulatur.
Hierdurch wird zunehmend Muskelgewebe abgebaut. Der Muskelschwund
führt meist innerhalb der ersten fünf Lebensjahre zu
Gangunsicherheiten und dem sogenannten
„Gowers-Zeichen“: Die Kinder "klettern" mit
ihren Armen sozusagen an sich selbst hoch, wenn sie vom
Fußboden aufstehen wollen. Im Alter von etwa zehn bis
zwölf Jahren sind die meisten Betroffenen bereits auf einen
Rollstuhl angewiesen. Aufgrund von Atembeschwerden und
Herzmuskelschwäche versterben die Betroffenen meist im
frühen Erwachsenenalter.
Die Gene für das Dystrophin liegen auf dem weiblichen
Geschlechts-Chromosom (X-Chromosom). Frauen haben das X-Chromosom
in zweifacher Ausführung; Männer dagegen haben nur ein
X-Chromosom. Sie erben es von ihrer Mutter. Hat eine Frau ein
X-Chromosom mit einem gestörten Gen, so erkrankt sie nicht,
weil das zweite, „gesunde“ X-Chromosom den Defekt
ausgleicht. Vererbt sie das „kranke“ X-Chromosom jedoch
an ihren Sohn, so bricht die Krankheit bei ihm aus, da er nur
dieses eine X-Chromosom hat. Frauen erkranken nur, wenn beide
X-Chromosomen fehlerhaft sind, was extrem selten ist.
Dementsprechend sind fast ausschließlich Jungen von
Muskeldystrophie Typ Duchenne betroffen.
Die Ursache der Muskeldystrophie lässt sich nicht behandeln.
Cortisonhaltige Medikamente zögern den Verlauf etwas
hinaus.
In Deutschland sind rein rechnerisch etwa 4.000 Patienten
betroffen.
Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine Nervenerkrankung,
bei der zunehmend Nervenzellen zugrunde gehen, die für die
Steuerung der Muskeln verantwortlich sind. Besonders bekannt wurde
die Krankheit durch zwei Betroffene: den englischen Astrophysiker
Stephen Hawking und den deutschen Künstler Jörg
Immendorff.
Die genaue Ursache der ALS ist noch nicht abschließend
geklärt. Diskutiert werden Mutationen in den Rezeptoren
für bestimmte Botenstoffe (sogenannte Neurotransmitter) und
Autoimmunreaktionen.
Die ALS beginnt häufig zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr mit
einer Schwäche der Arme oder Beine. Die Erkrankung schreitet
meist schnell und vor allem unaufhaltsam fort. In der Regel
führt sie innerhalb von drei bis fünf Jahren zum Tod
durch Atemschwäche. Es gibt aber auch Fälle, in denen die
Krankheit zwar früh auftritt, aber sehr langsam verläuft,
wie etwa bei Stephen Hawking.
ALS ist unheilbar. Medikamente wie Riluzol, das zur Therapie bei
ALS eingesetzt wird, können die Überlebenszeit jedoch
verlängern.
In Deutschland leben etwa 4000 bis 6000 Betroffene.
Katrin Krieft
Stand: 12.01.2010
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