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Quarks & Co
Sendung vom 09. Februar 2010
Der Fluch des Pharao
Es ist der Februar 1923, als Howard Carter im ägyptischen Tal der Könige bei Luxor ein scheinbar unberührtes Grab öffnen lässt. Heute weiß man: Carter war zuvor schon einige Male in dem Grab, hat es untersucht und später wieder verschlossen. Das Besondere an diesem Grab: Es ist abgesehen von Carters Untersuchungen tatsächlich weitgehend unberührt. Grabbeigaben und die Mumie eines Pharao sind noch vorhanden. Es ist das Grab des Kindkönigs Tutanchamun. Neben zahlreichen lokalen Größen und Journalisten ist auch Carters Finanzier Lord Carnarvon angereist. Vor laufenden Kameras und den Augen der Weltöffentlichkeit wird das Grab untersucht und geleert, inklusive der Mumie des 19 Jahre alten Königs.
Nur wenige Monate später beginnt eine Welle mysteriöser Todesfälle. Lord Carnarvon ist der erste Tote, er stirbt an einer Lungenentzündung. Ihm folgen in den nächsten Jahren weitere an der Grabung beteiligte Menschen. In den Zeitungen der 1920er-Jahre Jahre macht „der Fluch des Pharao“ von sich reden. Angeblich räche sich der Pharao für die Störung seiner ewigen Ruhe. Für viele Jahrzehnte scheint es keine rationale Erklärung für die Todesfälle zu geben.
1973 öffnen Wissenschaftler das Grab des polnischen Königs Casimir Jagiello und seiner Frau. 600 Jahre zuvor waren die beiden in der Wavelsburg in Krakau bestattet worden. Das Grabmal soll restauriert werden. Lange hat es gedauert, den Hausherren und Erzbischof von Krakau zu überzeugen, das Grab zu öffnen, denn Casimir hat den Status eines Heiligen. Der Bischof und spätere Papst Johannes Paul II stimmt aber schließlich zu.
In den Folgemonaten sterben 14 der 16 an der Öffnung beteiligten Forscher. Die rätselhaften Todesfälle erinnern an den Fluch des Pharao und jetzt ist vom Fluch Casimirs die Rede. Mediziner beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen. Im Lungengewebe der Toten finden sich schließlich Sporen von Aspergillus flavus, einem giftigen Schimmelpilz. Auch im Grab des Königspaares kann dieser Pilz nachgewiesen werden. Wahrscheinlich haben sich die Forscher dort mit einer großen Menge Sporen infiziert.
Diese Ergebnisse aus Krakau könnten auch die Todesfälle aus den 1920er-Jahren erklären. Im Grab des Pharao gab es viele Lebensmittel, die für einige Jahre Schimmelpilzen als Nahrung gedient haben könnten. Nachdem die Nahrungsmittel eingetrocknet waren, hätten die Pilze als Sporen überleben können. Von den Archäologen wurden sie dann vielleicht eingeatmet.
Moderne Forscher haben allerdings festgestellt, dass die Sterblichkeit in Carters Team damals nicht überdurchschnittlich war, denn die meisten der Toten waren gesundheitlich angeschlagen oder in relativ hohem Alter. Trotzdem bleibt die Häufung an Lungenerkrankungen unter den Toten aus dem Tal der Könige – vielleicht doch ein Hinweis auf eine mögliche Schimmelpilz-Vergiftung?
Moderne Archäologen wissen um die Gefahr, die von Schimmel und Schimmelsporen ausgeht. Inzwischen gibt es sogar eine Regelung der Berufsgenossenschaft, die den Forschern unter bestimmten Bedingungen vorschreibt, Handschuhe und Mundschutz zu tragen. In manchen Fällen ist sogar ein Schutzanzug nötig.
So wird beispielsweise in den 1980er-Jahren im rheinischen Bergheim die Kirche St. Remigius restauriert. Der Anlass: Die Firma Rhein-Braun soll aufgrund tektonischer Verschiebungen die Kirche sicherheitshalber auf eine federnde Betonplatte stellen. Dafür wird eine Art Keller unter der Kirche angelegt, in dem die Stahlfedern für das neue Fundament aufgestellt werden. Zuvor wird innerhalb des Gebäudes eine Grabung von den örtlichen Denkmalpflegern durchgeführt. Mehrere Grüfte kommen zum Vorschein mit Bestattungen, die bereits einige Hundert Jahre alt sind. Die Wände einer der Grüfte sind von Schimmel bedeckt, wie auch die Reste der Bestattungen. Der Grabungsleiter wagt mit Schutzvorrichtungen einen Blick in die Gruft und beschließt dann, den Schimmel zunächst professionell beseitigen zu lassen. Erst nachdem der Schimmel abgetötet ist und die Gruft durchgelüftet, wagen sich die Forscher hinein.
Auch bei der Grabung unter dem Kölner Dom werden immer wieder Bestattungen gefunden. Manchmal aber auch nur einzelne Knochen oder Textilreste. Das ist für die Ausgräber immer ein Anlass zu äußerster Vorsicht, denn solche Funde können gefährliche Sporen enthalten. Besonders in engen, schlecht durchlüfteten Räumen kann das zu gesundheitlichen Folgen führen. Gefährdet sind aber auch die Personen, die in den Magazinen die Funde reinigen und restaurieren oder nach langer Zeit das erste Mal wieder aus dem Schrank holen.
Lars Westermann
Stand: 02.02.2010