Polyester im Test

Kann eine Kunstfaser so gut sein wie Wolle?

  • Dienstag, 08. Juni 2010, 21.00 - 21.45 Uhr
  • Samstag, 12. Juni 2010, 12.00 - 12.45 Uhr (Wdh.)

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Kaum ein Bergsteiger geht heute mehr mit Baumwollwäsche am Leib auf Tour – spätestens bei der ersten Brotzeit klebt sie auf der Haut und kühlt die Nieren. Denn der Schweiß wird von der Baumwolle zwar gut aufgenommen, aber nicht nach außen transportiert. Im Bereich Sportbekleidung dominiert deshalb Kleidung aus synthetischen Fasern wie Polyester den Markt. Doch auch in der Alltagskleidung kann Polyester günstige Eigenschaften haben, die den „Mythos Naturfaser“ ins Wanken bringen. An den Hohenstein Instituten in der Nähe von Stuttgart wollten Wissenschaftler beweisen, dass Polyester einen genauso guten Tragekomfort haben kann wie edle Wolle. Sie entwickelten dafür eine eigene, neue Polyesterfaser. In einer Testreihe wird dieses künstliche Gewebe mit hochwertigen Wollanzügen verglichen.

Der Schweißtest

Wassertropfen wird von einer Polyester-Stoffprobe aufgesaugt

Der neue Polyester nimmt Feuchtigkeit sehr gut auf

Zunächst geht es um die Atmungsaktivität. Hierfür legen die Forscher beide Stoffproben nacheinander auf eine poröse Metallplatte und erwärmen diese auf 35 Grad Hauttemperatur. Die Stoffe werden nun zwei Stunden lang von unten mit Wasserdampf durchströmt. Die Wissenschaftler messen, wie leicht dieser Dampf durch den Stoff tritt. Das Ergebnis: Der Polyester aus dem Test kann den dampfförmigen Schweiß noch besser von der Haut weg transportieren als der Wollstoff: Er ist atmungsaktiver. Ein weiterer Test untersucht die Aufnahme von flüssigem Schweiß: Hierfür wird ein Wassertropfen auf die beiden Stoffproben gegeben. Eine Kamera analysiert, wie gut der Stoff den Wassertropfen aufnimmt, und es zeigt sich: Während Polyester den Tropfen sofort aufsaugt, bleibt er auf dem Wollstoff liegen – und das, obwohl gerade Wolle eigentlich Feuchtigkeit sehr gut aufnehmen kann. Die Wolle für Anzüge ist aber chemisch behandelt, damit sie nicht so schnell verschmutzt. Dadurch ist die Feuchtigkeitsaufnahme gehemmt. Die Wissenschaftler folgern aus den Tests: Auch flüssigen Schweiß saugt dieser Polyesterstoff besser auf als der Anzugstoff aus Wolle.

Der Wärmevergleich

Testpuppe „Charlie“ hat einen Herrenanzug aus Polyester an und macht Laufbewegungen

Testpuppe „Charlie“ testet den Polyesteranzug bei vier Kilometern pro Stunde

Um den Vergleich komplett zu machen, müssen Polyester und Wolle auch als fertig geschneiderte Anzüge miteinander verglichen werden. Denn auch Passformen haben Einfluss auf den Tragekomfort der Stoffe. Die Wissenschaftler machen das mit Hilfe der thermischen Gliederpuppe „Charlie“. „Charlie“ besitzt ein computergesteuertes Heizsystem, mit dem die Forscher die Wärmeproduktion eines Menschen simulieren können. Außerdem kann „Charlie“ Laufbewegungen nachstellen – bei vier Kilometer in der Stunde. Für den Test muss die Puppe in beiden Anzügen drei Stunden lang laufen. Das Ergebnis: Polyesteranzug und Wollanzug wärmen gleich stark.

Der Tragekomfort im subjektiven Test

Burkhardt Weiß in einem Herrenanzug aus Polyesteranzug auf einem Laufband

Quarks-Reporter Burkhardt Weiß testet den Polyesteranzug auf dem Laufband

Objektive Messdaten sind das eine – der subjektive Eindruck das andere. Für Quarks & Co hat der Moderator Burkhardt Weiß beide Anzüge angezogen und bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf dem Laufband getestet. Über ein Schaltpult verteilte er Schulnoten – er benotete sein Temperatur- und Feuchtigkeitsempfinden und den generellen Tragekomfort. Das Ergebnis: Bei steigender Laufgeschwindigkeit wurde es Burkhardt in den Anzügen stetig wärmer, er begann zu schwitzen – der Tragekomfort nahm kontinuierlich ab. Allerdings war das beim Polyesteranzug und beim Wollanzug ähnlich. Burkhardt spürte keinen Unterschied.

Das Geheimnis des Erfolges

detaillierte Aufnahme, die Polyester und Wolle mit gekräuselten Fasern zeigt

Die Polyesterfaser wurde gekräuselt wie eine Wollfaser

Das Ergebnis überrascht, weil Wolle in der Regel den Ruf eines höherwertigen Textils hat. Die Erklärung liegt in der Wandlungsfähigkeit von Polyester: In diesem Fall hatten die Forscher die Struktur der Polyesterfaser an die der Wollfaser angeglichen: Früher waren Polyesterfasern glatte Fasern. Durch diese Glätte waren die Stoffe sehr dicht, so dass wenig Wasserdampf, also dampfförmiger Schweiß, durch das Gewebe dringen konnte. Das führte zu starkem Schwitzen. Durch die Glätte der Fasern lagen die Stoffe außerdem sehr dicht auf der Haut, was ebenfalls zu einem unangenehmen Tragegefühl führte. Die Forscher haben nun jedoch die Polyesterfaser so sehr verändert, dass sie gekräuselt ist und der Wollfaser ähnelt. Durch diese Kräuselung ist der Stoff viel atmungsaktiver, und er liegt nicht mehr so dicht auf der Haut. Es kommt also nicht nur auf das Ausgangsmaterial an, sondern auch darauf, was für Fasern man daraus macht. Durch die Anpassungsfähigkeit lassen sich Kunstfasern auch in der Mode immer besser an die Anforderungen anpassen. Denn sie können mit ganz speziellen Eigenschaften für unterschiedlichste Einsätze hergestellt werden. Diese Wandlungsfähigkeit haben sie den Naturfasern voraus.

Autor: Carsten Binsack


Stand: 01.06.2010, 17:57 Uhr



Foto: Models

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