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Quarks & Co
Sendung vom 14. September 2010
Öl ist ihr Leibgericht
Öl kennen die Organismen im Golf von Mexiko sehr gut. Sie kannten es auch schon, bevor es die Ölindustrie gab. Seit Millionen von Jahren tritt an zahlreichen Stellen im Meeresboden Öl aus. Kontinuierlich sprudelt es in kleinen Mengen aus dem Boden. Erst vor wenigen Jahren haben Bremer Meeresforscher die sogenannten Asphaltvulkane entdeckt. Was hier aus dem Meeresboden quillt, hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Belag unserer Straßen. Bakterien haben sich im Laufe der Zeit an diesen speziellen Lebensraum angepasst. Sie fressen das Öl, entgiften es und bilden so die Grundlage für eine ganz besondere Gemeinschaft: Muscheln, Krabben und anderes Getier siedeln sich nach einiger Zeit auf dem Asphalt an. Die Öl fressenden Bakterien verhindern, dass sich immer mehr Öl im Meer ansammelt. Ohne ihre Arbeit wäre der Meeresboden im Golf von Mexiko von einer gewaltigen Öl- und Asphaltschicht bedeckt. Doch kommen die Bakterien auch mit den gewaltigen Ölmengen klar, die beim Unfall der Deepwater Horizon ausgeflossen sind?
Im Bremer Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie untersucht die Arbeitsgruppe von Antje Boetius die Öl fressenden Bakterien. Im Kulturraum lagern zahlreiche Arten in einer öligen Nährlösung. Die Mikroorganismen leben von dem Stoff, der die meisten anderen Lebewesen vergiftet. Hunderte verschiedener Spezies haben sich auf ganz bestimmte Bestandteile des Öls spezialisiert. Einige mögen die hellen, schnellflüchtigen Komponenten, andere gedeihen nur im zähflüssigen Öl, wieder andere schaffen es sogar, Teerballen abzubauen. Sie brauchen dafür jedoch enorm lange, und sie verbrauchen bei ihrer Arbeit jede Menge Sauerstoff. Wenn Bakterien einen einzigen Tropfen Öl abbauen, verbrauchen sie dabei so viel Sauerstoff, wie in 80 Litern Wasser gelöst sind. Allein der Sauerstoff begrenzt also die Arbeit der Öl fressenden Bakterien. Um das gesamte Öl im Golf von Mexiko abzubauen bräuchten die Bakterien Jahrhunderte. "Sie können das schaffen", sagt Antje Boetius, "aber nicht auf den Zeitskalen, die wir Menschen uns wünschen."
Die Öl fressenden Bakterien sind ein Segen für das Ökosystem. Sie helfen dabei, die Ölpest zu bekämpfen. Doch wenn sie sich massenhaft vermehren, kann das auch zu Problemen führen, denn ihre Arbeit raubt den übrigen Organismen den Sauerstoff. Durch Überdüngung entstehen im Golf von Mexiko sowieso regelmäßig sogenannte Todeszonen. Das sind Bereiche, in denen es keinen Sauerstoff und folglich auch kein Leben mehr gibt. Fische und andere Organismen, die in diese Zonen hinein geraten, müssen qualvoll ersticken. Durch die Arbeit der Öl fressenden Bakterien könnten sich die Todeszonen deutlich vergrößern, so die Sorge der Wissenschaftler.
Trotzdem sind die Fähigkeiten der Bakterien so
vielversprechend, dass die Wissenschaftler mit ihnen
experimentieren. Unter dem Mikroskop beobachten die Forscher, dass
die Öl fressenden Bakterien nur die Grenzschicht zwischen
Öl und Wasser besiedeln. Und genau hier kommen chemische
Dispersionsmittel wie
Corexit ins Spiel. Sie lösen den
Ölteppich in viele kleine Tröpfchen auf und
vergrößern so die Angriffsfläche für die
Bakterien - so zumindest die Theorie. Doch es gibt ein Problem:
"Corexit besteht aus Kohlenwasserstoffen und ist selber
giftig", erklärt Boetius. Noch ist unklar, wie Bakterien
und andere Organismen mit der zusätzlichen Belastung klar
kommen.
Um den Ölteppich zu bekämpfen, hat BP rund sieben Millionen Liter Corexit versprüht - ein gigantisches chemisches Experiment. Noch nie zuvor wurde das Mittel in so großen Mengen eingesetzt - und noch nie zuvor gelangte es direkt in die Tiefsee.
Claudia Ruby
Stand: 07.09.2010
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