Unter Verdacht: Macht Zucker süchtig?
Neue Studien zu Zucker und Sucht
- Dienstag, 05. Oktober 2010, 21.00 - 21.45 Uhr
- Samstag, 09. Oktober 2010, 12.05 - 12.50 Uhr (Wdh.)
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Rasselbande: Kinder drehen in Gruppen gerne auf, ob mit oder ohne Zucker
Ein Kindergeburtstag mit Kuchen und Gummibärchen kann niedliche Kleinkinder zu einer Horde von randalierenden Vandalen machen – viele Eltern beschreiben das Phänomen. Immer wieder gibt es Berichte darüber, dass Kinder aufgedreht und unruhig sind, wenn sie Süßes bekommen haben. Besonders hartnäckig kommen solche Klagen von Eltern, die Kinder mit dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom haben (ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Solche Kinder können sich nicht konzentrieren, sind unruhig, aggressiv, sozial auffällig und haben Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Lernschwierigkeiten.
Süßes macht lustig
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Manche nennen es "Nervennahrung": Zuckerzeug
Doch allen Eltern-Klagen zum Trotz konnte wissenschaftlich bisher nicht bewiesen werden, dass Zucker zu krankhaften Verhaltensauffälligkeiten führt. Auch zuckerfreie Diäten für ADHS-Kinder haben nachweislich keinen Erfolg. Dass gesunde Kinder besonders in einer Gruppe temperamentvoll sind und der Genuss von Süßigkeiten anregend wirkt, ist wiederum völlig normal. Tatsächlich wirken alle wohlschmeckenden Lebensmittel anregend auf Menschen – auch auf Erwachsene. Zudem erhöht der schnelle Zuckerschub nach Süßigkeiten zunächst die Wachheit des Gehirns, was sich mancher Schreibtischarbeiter zunutze macht, der Naschereien in der Schublade hat. Allerdings sind das kurzfristige und natürliche Phänomene, die schnell wieder abklingen.
Wenn Zucker zu Kopf steigt
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Mit einer Kernspin-Untersuchung lässt sich zeigen, wie aktiv bestimmte Gehirnbereiche beim Anblick von Süßigkeiten sind
Trotzdem könnte Zucker ein besonderer Stoff unter den Lebensmitteln sein, was die Wirkung auf den Organismus angeht. Falk Kiefer, Suchtmediziner am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, beschäftigt sich mit suchtartigem Essverhalten und Übergewicht. In einer Studie zeigte er übergewichtigen Probanden Bilder von verschiedenen Gerichten, darunter Süßigkeiten, Kuchen und Eis. Dabei lagen die Probanden in einem Kernspin-Gerät, das die Reaktionen ihres Gehirns aufzeichnete. Zucker macht einen Unterschied, fand Kiefer heraus: Übergewichtige reagieren auf Bilder von Süßigkeiten deutlich anders als auf Bilder von Gemüse, Salat oder Fleisch, vor allem im Vergleich mit den normalgewichtigen Teilnehmern. In einem bestimmten Bereich des Gehirns, dem sogenannten Belohnungssystem, zeigen die übergewichtigen Probanden beim Anblick der Süßigkeiten eine wesentlich stärkere Aktivierung.
Hochgefühl durch Essen
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Das Belohnungssystem
Zum Belohnungssystem gehören verschiedene Regionen im Gehirn. Dort wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, wenn Menschen Dinge sehen oder Handlungen ausführen, die sie mögen oder von denen sie sich Erfolg versprechen. Diese Dopamindusche kann durch völlig unterschiedliche Stoffe ausgelöst werden, aber auch durch Bilder von geliebten Dingen. und durch Erfolgserlebnisse, etwa beim Lernen. Dopamin dient im Gehirn als Signalstoff, der für Aufmerksamkeit sorgt, für eine positive Erwartung und ein gutes Gefühl. Typisch für Drogensüchtige ist, dass das Belohnungssystem auf den Anblick des Suchtstoffes mit einem Dopaminschwall reagiert – und bei Übergewichtigen reagiert das Belohnungssystem offensichtlich auf bevorzugte Speisen, weil sie auf Essen besonders viel Wert legen. Kein Zufall, sagt Falk Kiefer: "Zucker hat eine ganz besondere Bedeutung. Übergewichtige essen häufig viele zuckerhaltige Lebensmittel, sie sind geradezu fixiert darauf. Und Zucker wirkt besonders ausgeprägt auf das Belohnungssystem, also wirkt Schokolade oder Eis viel stärker als der Anblick eines Salates oder einer Gurke."
Zuckersucht bei Ratten
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Rattenfutter ohne Zucker löste Entzugserscheinungen aus
Doch damit nicht genug – neuere Studien zeigen, dass Zucker unter bestimmten Umständen tatsächlich das Gehirn verändern und zu suchtartigem Verhalten führen könnte. Die Hinweise stammen aus Tierversuchen: An der Universität Princeton fütterten die Suchtforscher Bart Hoebel und Nicole Avena Ratten mit einer süßen Zuckerlösung, und zwar in langen Abständen. Zwölf Stunden gab es nichts zu fressen, danach wurde die Zuckerlösung angeboten. Das machte die Tiere gierig, sie tranken große Mengen und steigerten die Dosis immer mehr. Nach vier Wochen bekamen die Ratten wieder normales Futter – ohne Zucker. Jetzt beobachteten die Forscher Entzugserscheinungen, die man sonst nur von Drogensüchtigen kennt: Zittern, Angst, Unruhe, Verhaltensstörungen, Antriebslosigkeit. Auch in ihren Gehirnen waren suchttypische Veränderungen nachzuweisen: Die Bereiche, in denen körpereigene Beruhigungs- und Glücksstoffe (Endorphine und Opiate) ausgeschüttet werden, waren verändert, ähnlich wie bei der Sucht nach harten Drogen. In diesem sogenannten Stress-System und im Vorderhirn veränderten die hohen Zuckermengen den Gehirnstoffwechsel. Für die Zucker-Sucht sprechen also die Reaktionen zweier Bereiche: die des Stress-Systems, in dem die körpereigenen Beruhigungsstoffe, Endorphine und Opiate, ausgeschüttet werden. Und die des Belohnungssystems, in dem der Botenstoff Dopamin die wichtigste Rolle spielt. Dort ist das charakteristische Zeichen für Sucht eine ständige Überproduktion von Dopamin.
Tierstudien zur Sucht gelten auch für Menschen
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Die Ratte drückt auf einen Hebel, um an Alkohol zu kommen – sie ist süchtig
Rainer Spanagel, Leiter der Abteilung Psychopharmakologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, beurteilt die Versuche aus Princeton als ebenso seriös wie bedeutsam. Spanagel hat selbst internationalen Ruf als Drogenforscher und arbeitet ebenfalls mit Ratten. Er gewöhnt die Tiere an Alkohol oder harte Drogen wie Heroin oder Kokain, um ihr Verhalten zu beobachten und herauszufinden, wie die Drogen das Gehirn verändern. "Im Suchtbereich sind Tierversuche sehr gut auf den Menschen übertragbar", sagt der Spezialist für harte Stoffe, "deshalb glauben wir, dass diese Befunde aus Amerika in Bezug auf eine Zuckersucht auch für den Menschen gelten können." Nicht jeder ist betroffen, viele Menschen mögen Süßes gar nicht so gern oder essen kaum Zucker. Zucker löst also nicht automatisch eine Sucht aus – aber notorische Naschkatzen, vor allem Übergewichtige und Ess-Gestörte könnten bei hohen Zuckermengen durchaus gefährdet sein.
Vorsicht vor großen Mengen
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Naschkatzen sollten sich etwas zurückhalten
Spanagels Kollege Falk Kiefer ist für einen bewussten Umgang mit Zucker, genau aus diesem Grund: "Zucker birgt durch seine besondere Wirkung auf das Belohnungssystem die Gefahr, dass man immer mehr einnehmen will und sich dadurch schadet." Ein Zuckerverbot wäre aus seiner Sicht übertrieben – normales, gelegentliches Naschen ist völlig unbedenklich. Auch Bart Hoebel von der Universität Princeton ist sicher, dass sogar häufiges Essen von Zucker in kleinen Portionen keine Sucht auslöst. Die Gefahr liegt in hohen Mengen, gerade bei Menschen mit ohnehin schon gestörtem Essverhalten. Hoebel, der neben seinen eigenen Studien in Princeton auch die Forschungsarbeiten vergangener Jahre zusammengetragen und bewertet hat, bringt es auf den Punkt: "Ich würde durchaus vor hohen Zuckermengen warnen. Meiner Meinung nach gilt das vor allem für Getränke, also Limos oder andere süße Säfte. Die sollte man am liebsten ganz weglassen, damit nimmt man Zuckermengen auf, die die Tagesbilanz ganz schnell sprengen – ein unkalkulierbarer Konsum.“ Tatsächlich empfehlen amerikanische Herzspezialisten seit 2009, täglich nicht mehr als 30 – 45 Gramm Zucker aufzunehmen. Und diese Menge ist schon mit nur einer Dose Cola erreicht: Die enthält rund 35 Gramm Zucker.
Autorin: Johanna Bayer
Stand: 28.09.2010
Stichwörter
- 1 Kernspin-Gerät
- Die Kernspin-Untersuchung oder Kernspintomographie, auch als Magnetresonanztomographie (MRT) bekannt, ist ein Verfahren, um Querschnittsbilder vom Inneren des Körpers herzustellen. Dabei kommt der Patient in ein starkes, gleichmäßiges Magnetfeld – die berühmte Röhre, in die man geschoben wird. Das Verfahren basiert auf der Schwingung von Wasserstoffatomen im Körper. Es bildet die Weichteile ab, nicht aber Knochen wie etwa ein Röntgenbild, Kernspin-Untersuchungen kommen daher in der Hirnforschung regelmäßig zum Einsatz. Im Gegensatz zum Röntgen belasten sie den Patienten nicht mit Strahlung. Auf einer Gehirn-Aufnahme aus dem Kernspintomographen erkennt man, wie stark Gehirnbereiche durchblutet sind. Das zeigt, ob sie gerade besonders aktiv sind.
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