Start ins Leben
Wie Jungtiere heranwachsen
- Dienstag, 01. Februar 2011, 21.00 - 21.45 Uhr
- Samstag, 05. Februar 2011, 12.05 - 12.50 Uhr (Wdh.)
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Niedliche Fuchswelpen wecken Fürsorgeinstinkte – auch beim Menschen.
Die meisten Menschen finden Tierbabys süß – was zu einem guten Teil an deren Tapsigkeit und Hilflosigkeit liegt. Tatsächlich kommen alle höher entwickelten Tiere mit einem gewissen Defizit zur Welt und brauchen Schutz und Hilfe ihrer Eltern. Doch in der Natur gibt es drei ganz unterschiedliche Arten wie Tierkinder in der Familie aufwachsen: Sie sind entweder Nesthocker, Nestflüchter oder Tragling.
Getarnt und geborgen: die Nesthocker
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Spechte sind Nesthocker. Sie warten in der Baumhöhle auf Futter.
Viele Vogelarten, aber auch Hunde, Katzen, Bären und Füchse verbringen ihre erste Lebenszeit in einem Nest, einem Bau oder einer Höhle: gut versteckt vor Feinden. Und das ist auch nötig – die Jungtiere von Nesthockern kommen mit wenig entwickelten Sinnen zur Welt. Sie sind fast blind und taub, laufen oder fliegen können sie noch nicht. Viele werden nackt geboren, Federn oder Fell wachsen erst. Andere, wie Kätzchen und Welpen, haben schon Fell, können aber erst nach drei Wochen richtig sehen und laufen. Die Zitzen der Mutter finden Kätzchen und Hundewelpen mit dem Geruchssinn. Nesthocker warten auf die Eltern, die Futter heranbringen oder zum Säugen vorbeikommen. Erst nach einiger Entwicklungszeit können die Jungtiere das Nest verlassen, Bau oder Höhle bleibt manchmal noch eine Zeit lang Fluchtpunkt.
Gleich auf den Beinen: Nestflüchter
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Wildpferde und Graugänse – beide gehören zu den Nestflüchtern.
Je nach Lebensraum und Tierart kommen aber auch Jungtiere zur Welt, die bei der Geburt schon viel weiter entwickelt sind: Nestflüchter. Dazu zählen Vögel wie Hühner, Enten, Schwäne und Gänse sowie viele Herdentiere, die auf freiem Feld leben: Pferde, Kühe, Hirsche, Antilopen, Gazellen, Giraffen, Elefanten. Die Jungtiere können von Anfang an sehen, hören und laufen, nestflüchtende Vögel haben schon Federn und können von Anfang an Nahrung aufnehmen. Gänseküken verlassen kurz nach dem Schlüpfen das Nest, laufen den Eltern nach und halten sich eng an sie. Fohlen oder Kitze stehen schon eine halbe Stunde nach der Geburt auf, sobald die Mutter sie trockengeleckt hat. Das erste Saugen geschieht gleich im Stehen, und schon kurze Zeit später können sie mit der Herde laufen: Als Fluchttier gehört das zu ihrer wichtigsten Überlebensstrategie.
Im Arm der Mutter: Traglinge
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Saugen nach Bedarf – kleine Traglinge sind immer dicht an der Quelle.
Ein drittes Modell gibt es bei Primaten: den Tragling. Die Jungen klammern sich ans Fell der Mutter und verlieren, wenn sie sehr klein sind, praktisch nie den Körperkontakt. Die Mutter bewegt sich mit ihnen auf der Futtersuche fort. Wenn das Junge Hunger hat, klettert es nach vorne und saugt, wann immer es will, es schläft auch im Schutz der Mutter. Traglinge sind nie ohne Kontakt zu Artgenossen. Sie haben eine vergleichsweise lange Kindheit – schließlich gehören sie zu Tierarten mit sehr hoch entwickeltem Sozialverhalten. Und das will gelernt sein. Traglinge findet man bei allen Primaten, von der kleinsten Meerkatze bis zu Gorillas – und auch der Mensch ist ein Primat.
Uralte Gene
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Babys greifen fest zu, sobald etwas ihre Handfläche berührt. Der Greifreflex diente wohl dem Anklammern ans Körperfell.
Menschenbabys sind Traglinge - Biologen gehen davon aus, dass sich Babys früher in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit an Körperfell angeklammert haben und getragen wurden. Darauf weisen Reflexe hin, die Neugeborene haben: der Greif-Reflex oder der Hock-Reflex. Hebt man einen Säugling an den Armen hoch, hockt er sofort die Beine an – die richtige Körperhaltung für das Getragenwerden auf der Hüfte oder auf dem Rücken. Den Hock-Reflex zeigen auch Affenjungen. Wie diese sind Babys biologisch auf ständigen Körperkontakt und die Nähe der Artgenossen vorbereitet. Weil sie sich nicht mehr an Fell klammern können, wollen Babys auf den Arm: Der Wunsch nach Körperkontakt steckt in den uralten Genen, die Menschen mit Affen teilen.
Tragen ist noch weltweit verbreitet
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Rund 60 Prozent aller Babys werden weltweit von ihren Müttern getragen – in Indien, Afrika, Südamerika oder Japan.
Noch heute tragen weltweit viele Mütter Babys in Tüchern, in Tragesäcken oder mit Bändern auf dem Rücken oder an der Hüfte mit sich. Die Kinder sind bei der Arbeit und dem Tagesablauf einfach dabei. Sie können sich umsehen – oder den Kopf zur Seite drehen und schlafen. Typisch für das Tragen ist, dass das Baby viel Zeit in aufrechter Körperhaltung verbringt, viele Bewegungsreize erhält und nie allein ist. Dabei tragen nicht nur die Mütter die Babys, sondern sehr häufig auch ältere Geschwister, Großeltern oder andere Angehörige. In traditionellen, tragenden Gesellschaften verbringen die Kinder nur etwa die Hälfte des Tages bei der Mutter, und meistens ist die Mutter auch nicht alleine mit dem Kind, sondern in Gesellschaft.
Anders als der Ursprung: das moderne Modell
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Tragen kommt wieder: Moderne Eltern tragen gerade in Großstädten öfter ihre Babys
In Europa und vielen Industrienationen haben sich die Menschen vom Traglings-Modell entfernt: Babys werden in Wiegen, Betten und Kinderwagen abgelegt – als moderne „Lieglinge“. Bis zu 80 Prozent ihrer Wachzeit verbringen die Kinder im Liegen, haben Forscher herausgefunden. Moderne Babys sind dabei auch viel alleine: Bis zu 40 Prozent seiner Wachzeit verbringt ein modernes Baby, ohne dass ein Mensch in Reichweite ist. Viele Babys schlafen auch alleine, zumindest wünschen sich das die Eltern. Schlafprogramme sollen die Kinder früh auf das alleine Durchschlafen konditionieren. Doch Säuglinge haben kurze Schlafphasen, wachen oft auf und suchen dann wieder die Nähe der Erwachsenen. In Jäger- und Sammlergesellschaften oder traditionellen Völkern Afrikas schlafen Babys dagegen bis zum Kleinkindalter mit ihren Eltern, Großeltern oder Geschwistern in einem Bett. Das Tragen und viel Körpernähe scheinen dem kleinen Tragling noch immer am liebsten zu sein: Sogenannte Schreibabys sind bei diesen Völkern nahezu unbekannt.
Autorin: Johanna Bayer
Stand: 01.02.2011
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