Die Sinne der Blinden

Wie blinde Menschen die Welt wahrnehmen

  • Dienstag, 03. Mai 2011, 21.00 - 21.45 Uhr
  • Samstag, 07. Mai 2011, 12.05 - 12.50 Uhr (Wdh.)

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Brigitte Röder

Professorin Brigitte Röder untersucht am Institut für Neuropsychologie und biologische Psychologie in Hamburg die Sinne blinder Menschen

Wenn Brigitte Röder lernt, dann tut sie das vor allem mit den Augen. Sie muss eine Telefonnummer zuerst lesen, um sie sich merken zu können. Sie einfach nur gesagt zu bekommen, reicht ihr nicht. Die Neuropsychologin ist ein durch und durch visueller Mensch. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, keine Bilder im Kopf zu haben", sagt sie. Und genau deswegen interessiert sie sich so sehr für die Sinne von blinden Menschen.

Der Tastsinn der Blinden

Fingerkuppe mit Zirkelspitzen

Blinde Menschen können zwei eng beieinanderliegende Zirkelspitzen noch als getrennte Berührungspunkte wahrnehmen, die Sehende nur als einen Punkt wahrnehmen

Blinden Menschen wird oft nachgesagt, dass ihre Fingerkuppen besonders genau tasten können. Schließlich benutzen sie ihre Hände, um tastend die Welt um sich herum zu erkunden. Und auch zum Lesen der Blindenschrift ist ein guter Tastsinn erforderlich. Was wirklich am Tastsinn der Blinden dran ist, hat Brigitte Röder mit einem simplen Standardtest untersucht. Mit immer feineren Haaren berührt sie dabei die Fingerkuppe einer blinden Testperson, die immer angeben muss, ob sie die Berührung noch spürt. Nach der Auswertung ist klar: Blinde schneiden bei diesem Test nicht besser ab als Sehende. Aber mit diesem Ergebnis gibt sich die Hamburger Neuropsychologin nicht zufrieden. In einem weiteren Test prüft sie die sogenannte Tastschärfe. Sie ist ein Maß für die Genauigkeit und das Unterscheidungsvermögen des Tastsinns. Brigitte Röder überprüft die Tastschärfe, indem sie mit den Spitzen eines Zirkels die Fingerkuppe der blinden Testperson berührt. Der Abstand zwischen den Zirkelspitzen wird bei jedem Durchgang etwas enger eingestellt. Die blinden Versuchspersonen müssen angeben, ob sie zwei getrennte Berührungspunkte fühlen oder ob sie die beiden eng beieinanderliegenden Zirkelspitzen als einen Punkt wahrnehmen.

Tatsächlich sind die blinden Versuchspersonen bei diesem Test viel besser als Sehende. Sie können auch dann noch zwei getrennte Punkte wahrnehmen, wenn die Zirkelspitzen nur 1,5 Millimeter voneinander entfernt sind. Bei Sehenden liegt die Tastschärfe meist bei über zwei Millimetern. Bei älteren Menschen kann sie sogar bei vier Millimetern liegen. Der Tastsinn von blinden Menschen ist also viel genauer als der von Menschen mit intaktem Sehsinn.



Das Gehör der Blinden

Blinde Versuchsperson sitzt mit EEG-Elektroden am Kopf vor einer Reihe von Lautsprechern

Eine blinde Versuchsperson muss auf den Lautsprecher zeigen, aus dem gerade ein Ton erklungen ist

In einem weiteren Experiment untersucht Brigitte Röder das Gehör ihrer blinden Versuchspersonen. Dabei messen sogenannte EEG-Elektroden die Hirnströme der Versuchsperson, denn die Neuropsychologin will wissen, ob akustische Informationen im Gehirn von Blinden anders verarbeitet werden. Während des Experiments erklingen aus einer Reihe von Lautsprechern Töne. Die Aufgabe besteht darin, auf den Lautsprecher zu deuten, aus dem gerade ein Ton erklungen ist.

Beim Orten von Tönen sind Blinde tatsächlich viel besser als Sehende. Besonders Töne, die sehr weit seitlich liegen, können sie deutlich genauer zuordnen als die meisten Menschen mit intaktem Sehsinn. Lediglich Dirigenten schneiden in diesem Test genauso gut ab wie blinde Menschen. Aber sie trainieren ihr Gehör auch täglich bei den Orchesterproben und müssen dann genau wissen, von welchem Instrument der falsche Ton kam. Woran es liegt, dass blinde Menschen Töne so gut lokalisieren können, zeigt die Auswertung der Hirnströme: Offenbar werden die Laute im Gehirn von Blinden viel präziser verarbeitet. Es entstehen so regelrechte akustische Karten, die viel genauer sind als die akustischen Karten im Gehirn von Sehenden.



Die Raumwahrnehmung der Blinden

Blinde Versuchsperson sitzt am Tisch und hat beide Hände auf jeweils einen Schalter gelegt

In diesem Experiment soll geklärt werden, wie die blinde Versuchsperson den Raum um sich herum wahrnimmt

Mit Hilfe ihres Gehörs und ihres Tastsinns können Blinde viele Alltagssituationen gut bewältigen, bei denen andere Menschen auf ihre Augen angewiesen sind. Eine Sache bereitet den meisten allerdings erhebliche Schwierigkeiten: "Blinde Menschen haben oft Probleme damit, sich im Raum zu orientieren", so Brigitte Röder. Ohne den Sehsinn ist es extrem schwierig, eine Vorstellung von einem Raum zu entwickeln. Sehende Menschen berechnen ihre eigene Position im Raum immer wieder neu und nutzen dazu die Informationen, die ihnen ihre Augen liefern. Wenn Blinde einen Gegenstand im Raum einordnen müssen, nutzen sie dazu die Lage ihres Körpers. Ist der Gegenstand beispielsweise rechts oder links von ihnen, oben oder unten? Dass diese Methode der Raumwahrnehmung bei bestimmten Aufgaben sogar ein Vorteil sein kann, haben Mitarbeiter von Brigitte Röder in einem Experiment gezeigt: Die Versuchsperson saß dabei vor einem Tisch mit zwei Lautsprecherboxen und hatte die Hände jeweils auf eine Taste gelegt. Aus den Lautsprecherboxen konnten nun zwei verschiedene Töne erklingen. Je nachdem, welcher Ton erklang, musste die Testperson nun entweder mit der rechten oder mit der linken Hand auf die Taste drücken.

Für Sehende ist es dabei oft verwirrend, wenn der Ton für den Tastendruck mit der rechten Hand aus dem linken Lautsprecher kommt oder umgekehrt, der für die linke Hand aus dem rechten Lautsprecher. Blinde lassen sich davon aber nicht beirren und machen hier wenig Fehler.

Erschwert wird das Experiment, wenn sie die Hände überkreuz legen müssen, aber weiterhin die Töne entweder der rechten oder der linken Hand zugeordnet sind. Versuchspersonen mit intaktem Sehsinn stehen dann vor dem Problem, dass sie ihre rechte Hand links sehen und ihre linke Hand rechts. Für Blinde spielt das keine Rolle. Ihnen fehlt diese Sehinformation und deswegen ist für sie rechts immer da, wo ihre rechte Hand ist und links immer da, wo ihre linke Hand ist. Für die Blinden ist das bei diesem Experiment ein Vorteil: Sie machen weniger Fehler als Sehende.



Was Sehende von Blinden lernen können

Brigitte Röder und eine Mitarbeiterin vor einem Monitor mit Hirnstromkurven

Die Studien mit blinden Versuchspersonen haben Brigitte Röder gezeigt, wie anpassungsfähig das menschliche Gehirn ist

Die Experimente von Brigitte Röder helfen zu verstehen, wie blinde Menschen mit ihren verfügbaren Sinnen die Welt wahrnehmen. Sie haben nicht etwa bessere Ohren oder feinfühligere Finger, sondern in ihrem Gehirn mehr Raum für die Auswertung von Informationen aus den anderen Sinnessystemen. Und deswegen tragen die Studien mit blinden Versuchspersonen auch zum Verständnis des menschlichen Gehirns bei: Sie zeigen, wie flexibel und lernfähig es ist.

Autorin: Kristin Raabe


Stand: 03.05.2011



Nahaufnahme: Auge

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Die Welt der Blinden

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