Blindenfußball und tastbare Wasserflöhe

Lernen für das Leben an der Carl-Strehl-Schule

  • Dienstag, 03. Mai 2011, 21.00 - 21.45 Uhr
  • Samstag, 07. Mai 2011, 12.05 - 12.50 Uhr (Wdh.)

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Der Trainer steht im Profil zum Spielfeld in der Sporthalle, im Hintergrund sind die Fußballspieler

Peter Gößmann trainiert die Mannschaft

Ali könnte in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft spielen. Er ist einer der besten Dribbler in Deutschland und ein sehr starker Torschütze. Dabei kann Ali weder den Ball, noch das Tor oder seine Mitspieler sehen. Ali spielt in der Blindenfußballmannschaft an der Carl-Strehl-Schule in Marburg. Fußball ist hier sehr beliebt. Viele Talente spielen in der ersten Mannschaft. Die Marburger sind auch schon Meister geworden – in der Blindenfußball-Bundesliga. In den letzten Jahren lief es für die Mannschaft nicht ganz so erfolgreich, aber der Trainer Peter Gößmann zeigt Zuversicht: "Wir sind fit und gut drauf. Dieses Jahr greifen wir wieder an." Die Mannschaft trainiert einmal in der Woche abends in der Turnhalle der Schule Freistöße, Dribbling und Pässe. Die Blindenfußball-Regeln sind einfach: Wer sich dem ballführenden Spieler nähert, ruft "Voy!", das ist Spanisch und heißt "Ich komme". Damit wird der Angriff angekündigt. Der angreifende Spieler orientiert sich dabei nach den Geräuschen des Balls. Wenn der Ball rollt, klingelt er durch kleine Schellen, die im Inneren des Fußballs stecken. Wer sich einem Mitspieler zum Abspielen anbieten will, ruft "Hier!" und der Abstand zum Tor wird in Metern von Sehenden hereingerufen.

Neben Fußball stehen auch noch Wildwasserkajak, Reiten und viele andere Freizeitaktivitäten auf dem Programm der Schule. Aber viel Zeit bleibt den Schülern neben dem Lernen dafür nicht. Die Carl-Strehl-Schule in Marburg ist die einzige im deutschsprachigen Raum, die Blinde bis zum Abitur ausbildet. Die Mitarbeiter müssen den gesamten Stoff des hessischen Gymnasiums für die nichtsehenden Schüler aufbereiten.



Ein Wasserfloh zum Anfassen

Dreidimensionale Abbildung eines Wasserflohs mit Organen und Fühlern im Querschnitt

Ein Wasserfloh für den Bio-Unterricht

Der Erdkunde-Lehrer Hannes Junker verwendet Weltkarten, tastbare Weltkarten mit Erhebungen und Gräben – so sind die Kontinente zu erfühlen. Und die Ländernamen sind in Punktschrift geschrieben. Blinde sind auf solche tastbaren Abbildungen angewiesen. Und wo sehende Schüler einfach in ihren Atlas schauen können oder im Internet eine Bildersuche starten, haben blinde Schüler vielleicht nur diesen einen Moment, um sich vorzustellen, wie die Kontinente geformt sind.

Auch der Biologie-Unterricht verläuft anders, als man das kennt: Um zum Beispiel den Aufbau einer Zelle, ihre Stoffwechselprozesse oder aber auch die Physiologie des weiblichen Wasserflohs zu begreifen, schnitzen die Mitarbeiter in der Werkstatt hölzerne Vorlagen, die dann in eine dünne, heiße PVC-Platte gepresst werden. Das PVC-Blatt wird kurz abgekühlt und fertig ist der tastbare Wasserfloh. An der Carl-Strehl-Schule arbeiten viele Mitarbeiter sehr eng zusammen. Die Ideen für neue Unterrichtsmaterialien und Techniken entstehen zwischen dem schuleigenen Medienzentrum und den Klassenzimmern.



Langstock und Brailleschrift

Blinder Schüler mit einem Langstock in Begleitung seiner Mobilitätstrainerin an der Kreuzung

Die Schüler lernen, die Ampelphase zu hören

Die Lehrer müssen das Unterrichtstempo auf die sehbehinderten und blinden Schüler abstimmen. Sehende Schüler lesen etwa 250 Wörter pro Minute. Blinde schaffen mit der Brailleschrift, der Punktschrift für Blinde, nur ungefähr 100 Wörter pro Minute, wenn sie erfahren sind. Um schneller lesen zu können, gibt es die Brailleschrift auch in einer Kurzform. Häufige Lautgruppen wie "st" oder "sch" haben eigene Braille-Zeichen und bei der sogenannten Kurzschrift wird der Text noch um etwa 30 bis 40 Prozent reduziert, dann sind etwa 130 oder 140 Wörter pro Minute machbar. Mit Lesegeräten, die geschriebene Sprache in Töne umwandeln, geht es noch deutlich schneller. Neben dem Lernen und dem Sport geht es an der Carl-Strehl-Schule vor allem darum, die Schüler fit für den Alltag zu machen. So lernen die Schüler auch, mit dem Langstock die Bordsteinkante bei Kreuzungen zu finden. Wie sie es dann auch noch schaffen, zu hören, ob die Ampel rot oder grün ist, das erfahren Sie im Film. Jetzt angucken.

Autorin: Katharina Adick


Stand: 03.05.2011


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Carl Strehl
Carl Strehl (27. Juli 1886 – 18. August 1971) war Mitbegründer der nach ihm benannten Schule. Er war selbst im Jahr 1907 bei einem Unfall in einer Chemiefabrik erblindet und nahm einige Jahre später das Studium der Philologie (Sprach- und Literaturwissenschaften) und Volkswirtschaft an der Universität Marburg auf. Ein Schwerpunkt seiner späteren Arbeit an der Schule der Blindenanstalt war die Verbesserung der Punktschriftmaschinen und die Fabrikation von Punktschriftwerken für die Bücherei in Marburg. Pädagogisch stand der Gedanke der Selbsthilfe immer im Mittelpunkt seiner Arbeit. 1940 wurde er zum Honorarprofessor für das Blindenwesen ernannt.

Nahaufnahme: Auge

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