Wenn Armut blind macht

Beim Risiko zu erblinden gibt es auf der Welt ein extremes Ungleichgewicht

  • Dienstag, 03. Mai 2011, 21.00 - 21.45 Uhr
  • Samstag, 07. Mai 2011, 12.05 - 12.50 Uhr (Wdh.)

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Links im Bild ist eine deutsche Familie, rechts eine Familie aus einem Entwicklungsland

Wie groß das persönliche Risiko ist, blind zu werden, hängt vor allem davon ab, in welchem Teil der Welt man geboren wird

Knapp 40 Millionen Blinde gibt es weltweit. Alle fünf Sekunden erblindet ein Mensch auf der Erde. Wie groß das eigene Risiko ist, zu erblinden, hängt vor allem davon ab, wo auf der Welt man geboren wird. Ein Vergleich zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Deutschland macht es deutlich:

Etwa zehn von 10.000 Kindern werden im Kongo blind geboren oder erblinden in den ersten Lebensjahren. Das Problem: Schon im Bauch der Mutter mangelt es an Vitamin A: Es ist für die Entwicklung der Augen wichtig. Der Vitamin-Mangel lässt die Hornhaut erweichen und trüb werden. Ein Problem, das leicht zu beheben wäre: Ein Euro kostet es, ein Kind in den ersten Lebensjahren mit Vitamin-A-Kapseln zu versorgen. Doch im Kongo fehlt das Geld.

In Deutschland ist Vitaminmangel kein Thema. Von Beginn an werden Babys und Kleinkinder medizinisch rundum versorgt und auch eine vitaminreiche Ernährung ist gesichert. So werden nur zwei von 10.000 Kindern in Deutschland blind geboren oder erblinden bis zum Jugendalter. Meist sind es Gendefekte, die noch nicht medizinisch behandelt werden können.



Grauer Star – häufigste Ursache für Kinderblindheit in Entwicklungsländern

Großaufnahme des Gesichts eines jungen  Mädchens, das gerade eine neue Augenlinse bekommen hat

Der Graue Star ist eine der häufigsten Ursachen für Kinderblindheit in Entwicklungsländern

In Entwicklungsländern ist nicht nur der Vitaminmangel ein Problem: Schon in jungen Jahren leiden viele am Grauen Star. Die Krankheit führt dazu, dass die Augenlinse eintrübt. Wer darunter leidet, sieht seine Umwelt wie durch Milchglas. Häufig lösen UV-Strahlung und Infektionen den Grauen Star aus. Im Kongo ist er eine der Hauptursachen für Kinderblindheit. Ohne medizinische Versorgung führt der Graue Star fast immer zur Erblindung. Das Problem: In Afrika kommen auf einen Augenarzt etwa eine Million Einwohner – in Deutschland sind es 13000. In den wenigen Krankenhäusern, in denen der Graue Star in Entwicklungsländern behandelt wird, operieren die Ärzte häufig im Akkord. Trotzdem können sie nur einem kleinen Teil der Betroffenen helfen.

Dabei ist der Eingriff Routine. Die Ärzte tauschen die trübe Linse gegen eine künstliche aus. Wer Glück hat und operiert wird, kann schon einen Tag später wieder sehen. 125 Euro kostet es, den Grauen Star bei Kindern zu behandeln. Für Jugendliche und Erwachsene sogar nur 30 Euro. Für die meisten Menschen in Entwicklungsländern ist das ein Vermögen, sie sind auf Spenden angewiesen. In Industrienationen erreicht die medizinische Grundversorgung jeden. Am Grauen Star erblindet hier kaum jemand. Bis ins mittlere Alter verlieren Menschen in Deutschland nur selten das Augenlicht. Bei den unter 60-Jährigen ist nur etwa einer von 1000 erblindet. Grund kann entweder ein fortgeschrittener Grüner Star sein: ein erhöhter Augeninnendruck, der den Sehnerv schädigt; in Deutschland ist das die zweit-häufigste Ursache für eine Erblindung. Oder eine durch Diabetes hervorgerufene Schädigung der Netzhaut (Diabetische Retinopathie).



Blindheit gilt als Fluch und Strafe Gottes

Kleiner Junge führt eine blinde Frau an einem Stock durch einen Waldweg

In Entwicklungsländern werden Blinde häufig ausgegrenzt

In Entwicklungsländern sind es neben diesen Ursachen vor allem Infektionskrankheiten, die Menschen mittleren Alters das Augenlicht rauben. 1,3 Millionen Menschen in Entwicklungsländern sind derzeit am Trachom erblindet. Das ist eine bakterielle Infektion, die beispielsweise durch verunreinigtes Wasser und Fliegen übertragen wird. In Industrienationen kommt die Krankheit praktisch nicht vor; genauso wie die so genannte Flussblindheit. Auslöser ist ein Parasit, dessen Larven durch die Kriebelmücke übertragen werden. Im Körper der Betroffenen entwickeln sich die Larven zu Würmern, die sich im Augenbereich ansammeln und den Sehnerv zerstören können.

Flussblindheit ist heilbar. Doch die medizinische Hilfe erreicht auch hier nur einen geringen Teil der Betroffenen. Wer keine Hilfe bekommt, muss nicht nur mit seiner Blindheit leben. In Entwicklungsländern werden Blinde häufig ausgegrenzt. Blind sein gilt als Fluch und Strafe Gottes. Die Folge: Im Kongo erreichen die wenigsten Blinden die durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 50 Jahren.



Die meisten Blinden in Deutschland sind über 80 Jahre alt

Weltkarte, auf der die Länder mit dem größten Risiko zu erblinden, rot eingefärbt sind

Schätzungen zufolge ist das Risiko zu erblinden in einem Entwicklungsland zehnmal größer als in einer Industrienation

In Deutschland hat vor allem die ständig steigende Lebenserwartung Einfluss auf die Erblindungsraten. Die Hälfte aller Blinden in Deutschland ist 80 Jahre oder älter. Jeder Fünfzigste über 80 Jahren ist blind. Häufigste Ursache ist die so genannte altersabhängige Makuladegeneration. Die Makula, auch gelber Fleck genannt, ist der Punkt des schärfsten Sehens auf der Netzhaut. Genau in diesem Bereich lagern sich Stoffwechselreste ab oder zerstören Blutungen die Sehzellen. Bislang kann die moderne Medizin zwar das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen, heilbar ist sie aber nicht. Insgesamt sind die Ursachen für Erblindung in Industrienationen ausschließlich Krankheiten, gegen die die Medizin bis heute machtlos ist.

Das führt dazu, dass Deutschland eine der niedrigsten Blindenraten weltweit hat: Etwa jeder 500ste Einwohner ist blind, 164.000 Menschen. Im Kongo ist mindestens jeder 100ste Einwohner blind. Experten vermuten, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Schätzungen zufolge ist das Risiko zu erblinden in einem Entwicklungsland zehnmal größer als in einer Industrienation. Tatsächlich leben 90 Prozent aller Blinden in Entwicklungsländern.



Autor: Dirk Gilson


Stand: 03.05.2011



Nahaufnahme: Auge

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