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Sendung vom 21. Juni 2011
Burnout – ein modernes Massenphänomen?
Geprägt hat den Begriff vor über drei Jahrzehnten der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger in New York. Er engagierte sich neben seinem Beruf ehrenamtlich für Prostituierte und Drogenabhängige in Harlem. Kräftezehrende 18-Stundentage waren die Regel. Nach Phasen der Überlastung beobachtete er bei sich und Kollegen körperliche und geistige Erschöpfung, begleitet von Reizbarkeit und zynischem Verhalten. Die Symptome nannte er 1974 in einem Aufsatz für eine wissenschaftliche Zeitschrift „Burnout“. Freudenberger bezog sich dabei zunächst auf helfende Berufe wie Ärzte, Krankenschwestern, Erzieher oder Lehrer. In den nächsten Jahrzehnten wurde das Phänomen aber auch für viele andere Berufsgruppen beschrieben und hielt sogar Einzug ins Privatleben. Trotzdem ist mit dem Begriff „Burnout“ kollektive Erschöpfung nicht zum ersten Mal in der Geschichte aufgetreten.
Ende des 19. Jahrhunderts gerieten schon einmal ähnliche Symptome in den Fokus der Medizin. Die sich rasant verändernden Arbeits- und Lebensbedingungen der Industrialisierung trieben die Menschen in Scharen zum Nervendoktor. Übermäßige Reizbarkeit, die Unfähigkeit sich zu entspannen, anhaltende Kraftlosigkeit, Schwindelgefühle, Appetitlosigkeit, Kopfschmerz, Freudlosigkeit und Schlafstörungen fasste der New Yorker Nervenarzt George Miller Beard 1869 unter dem Begriff „Neurasthenie“ zusammen. Kurz darauf schwappte das nervöse Leiden auch nach Deutschland. „Haste oft und raste nie, dann haste' die Neurasthenie“ war ein beliebtes Sprichwort der Zeit. Es waren die Protagonisten des Fortschritts, also die vermögende Mittel- und Oberschicht, die als besonders gefährdet galten. Im ersten Weltkrieg war für Erschöpfung dann kein Platz mehr, die Krankheit geriet in Vergessenheit.
200 Jahre zuvor grassierte kollektive Erschöpfung bereits in England. Das Britische Empire hatte sich gerade zur Weltmacht aufgeschwungen. In Zeiten wachsender Wirtschaft, Kolonialhandel und sich beschleunigender Arbeitsprozesse im 17. Jahrhundert hatten es vor allem gebildete Bürger und Adelige „an den Nerven“. Man horchte immer mehr in sich hinein und wurde fündig: Neben körperlichen Symptomen wie allgemeiner Schwäche, Kopfschmerz, Herzklopfen, Husten oder Muskelschmerzen klagten die Betroffenen über Konzentrationsschwäche, Anflüge von Melancholie und schlechter Laune. Die Diagnose lautete: Neurose. Der schottische Arzt George Cheyne sprach gar von der „englischen Krankheit“. Entscheidend für ihre hohe Akzeptanz war wohl die Tatsache, dass die Fachwelt die Symptome deutlich vom Bereich der Geisteskrankheiten absetzte.
Ein noch früheres Zeugnis von Erschöpfung findet sich bereits im Alten Testament: Im 1. Buch der Könige flüchtete der Prophet Elias ausgelaugt vom Wunderwirken im Namen des Herrn in die Wildnis, stürzte in tiefe Verzweiflung und verfiel schließlich in tiefen Schlaf. Früheren Pastorengenerationen war diese Art von Krise als „Elias-Müdigkeit“ bekannt.
Inwiefern die genannten Phänomene im Laufe der Geschichte sich mit dem heutigen Burnout-Begriff vergleichen lassen, ist unklar. Schließlich entstanden doch alle aus den jeweiligen Zwängen ihrer einzigartigen Epoche. Auffallend ist jedoch, dass Erfahrungen kollektiver Erschöpfung immer in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche fallen, in denen sich der Begriff der Arbeit gewandelt hat. Und es war immer eine Vielzahl von Symptomen, die eine genaue Definition des jeweiligen Krankheitsbildes unmöglich machten. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Nach drei Jahrzehnten Forschung und weit über 6000 wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist Burnout immer noch keine klinisch gesicherte Diagnose. In der Literatur tummeln sich unzählige Symptome, Verlaufstheorien und Erklärungsmodelle. Die einen betrachten es als Vorstufe einer Depression. Die anderen sprechen von einem eigenständigen Krankheitsbild, das durch Stress hervorgerufen wird. Weitgehende Übereinstimmung gibt es lediglich bei drei Kernsymptomen: Emotionale Erschöpfung, persönlich empfundener Leistungsabfall und eine zunehmende Distanz zu Kollegen und Kunden. Schwammige Begrifflichkeiten, die vielerlei Ausprägung haben können. Bis heute gibt es jedoch keine einheitliche, trennscharfe Definition. Im Diagnosesystem der WHO wird Burnout seit 1998 nur als „Problem mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ geführt, nicht aber als eigenständige Krankheit. Für Ärzte und Patienten eine unbefriedigende Situation, denn für sie ist Burnout schlicht Realität.
Jonas Lang
Stand: 21.06.2011
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