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Quarks & Co
Sendung vom 19. Juli 2011
"Lesen bei schwacher Beleuchtung schädigt die Augen"
Wenn ein Kind heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke liest, dann drohen zunächst drei Gefahren: steifer Nacken, Schlafmangel und ärgerliche Eltern. Doch diese Dinge sind nach einigen Tagen zum Glück vergessen. Aber kann das Lesen bei schwacher Beleuchtung dauerhaft schaden? Die Quarks Zuschauer haben vor der Sendung darüber abgestimmt. Die Umfrage zeigt: 63 Prozent glauben nicht daran, dass die Augen dabei Schaden nehmen. Dennoch hält sich das Gerücht, dass beim nächtlichen Lesen mit Taschenlampe die Augen kurzsichtig werden können.
Kurzsichtigkeit – was ist das? Kurzsichtig ist man, wenn man "kurz" – oder besser gesagt "nah" – gut sehen kann, in der Ferne aber alles unscharf erscheint. Bei Weitsichtigkeit ist es umgekehrt.
Das kurzsichtige Auge kann Objekte in der Ferne nicht mehr scharf erkennen, weil die Brechkraft der Linse und die Lage der Netzhaut in einem Missverhältnis stehen.
Kurzsichtigkeit ist nur selten angeboren. Deshalb brauchen die meisten Babys und Kleinkinder noch keine Brille und wenn doch, so sind die meist weitsichtig. Kurzsichtigkeit entsteht erst im Laufe der Jahre. Denn mit dem Körper wächst auch der Augapfel. Wächst der zu sehr in die Länge, wird das Auge kurzsichtig.
Vor allem in Zeiten schnelleren Wachstums – in der Grundschulzeit und der Pubertät – wächst auch der Augapfel stärker. Dann bildet sich oft eine Kurzsichtigkeit aus.
Und wie der Körper so hat auch der Augapfel noch einmal einen Wachstumsschub Anfang bis Mitte 20. Deshalb erleben viele Menschen am Anfang ihres Studiums oder zu Beginn ihres Berufs eine Verschlechterung der Sehleistung. Wie kommt es aber dazu, dass der Augapfel zu lang wird?
Ob jemand kurzsichtig wird, hängt stark mit den Genen zusammen. Wenn beide Eltern kurzsichtig sind, dann trägt mindestens die Hälfte ihres Nachwuchses irgendwann eine Brille. Trägt nur ein Elternteil eine Brille, wird meist eines von drei Kindern kurzsichtig. Wenn beide Eltern ohne Brille auskommen, dann bleiben neun von zehn Kindern ebenfalls brillenfrei.
Zwillingsstudien zeigen, wie stark der genetische Einfluss auf die Kurzsichtigkeit ist. In einer Studie mit 506 weiblichen Zwillingen betrug die Vererbungsrate 90 Prozent. Etwa 20 Gene stehen mittlerweile im Verdacht, bei der Entstehung der Kurzsichtigkeit eine Rolle zu spielen.
Auch die ethnische Herkunft spielt eine Rolle und unterstützt die Annahme, dass die Gene eine entscheidende Rolle spielen. Asiaten sind besonders häufig betroffen. So leben in China die meisten kurzsichtigen Menschen: etwa 400 Millionen bei 1,3 Milliarden Einwohnern, das sind ein etwa 30 Prozent aller Chinesen. Auch bei den erwachsenen US-Amerikanern sind knapp 30 Prozent kurzsichtig. Schaut man genau hin, erkennt man, dass 40 Prozent der Weißen betroffen sind aber nur 20 Prozent der Schwarzen. Diese Ergebnisse legen zunächst nahe, dass Lesen bei schlechter Beleuchtung keinen großen Einfluss auf die Ausbildung von Kurzsichtigkeit hat.
Doch neben den Genen spielen Lebensgewohnheiten und Umweltbedingungen sehr wohl eine Rolle. Denn sonst wäre nicht zu erklären, dass die Anzahl der Kurzsichtigen seit mehr als 50 Jahren weltweit ansteigt. Und das so schnell, dass eine Veränderung der Gene nicht die Ursache sein kann.
Zwei Beispiele: In Taiwan waren vor 30 Jahren 20 Prozent der Elf- bis 13-Jährigen kurzsichtig, heute sind es 60 Prozent. In Singapur ist es so dramatisch, dass der Polizei und der Armee die Freiwilligen ausgehen: 80 Prozent der Rekruten sind kurzsichtig und damit für einige Aufgaben, wie als Pilot, nicht mehr einsetzbar. Ein anderer Hinweis auf den Einfluss der Umgebung: Auf dem Land ist die Zahl der Kurzsichtigen erheblich geringer als in der Stadt. In China sind 20 Prozent der Landbevölkerung kurzsichtig – im städtischen Hongkong 80 Prozent. Aber was hat sich weltweit in den letzten Jahrzehnten verändert und was ist auf dem Land anders als in der Stadt?
Erste Hinweise liefert wieder eine chinesische Studie. Danach ist ein Kind auf dem Land mehr als zwei Stunden draußen und beschäftigt sich nur eine Stunde und 40 mit Lesen oder Bildschirmarbeit. Stadtkinder hingegen sind weniger als eine Stunde draußen, lesen dafür aber eine halbe Stunde mehr als die Kinder vom Land. Spielen Tageslicht und Lesedauer eine Rolle bei der Entstehung von Kurzsichtigkeit?
Es gibt immer mehr Studien, die alle in die gleiche Richtung weisen: Kinder, die sehr viel lesen und Kinder, die sehr wenig Zeit draußen verbringen, haben ein erhöhtes Risiko, kurzsichtig zu werden. Die Betonung liegt aber auf "sehr"; wobei die Wissenschaftler noch lange nicht soweit sind, genaue zeitliche Empfehlungen geben zu können.
Beeindruckend ist eine weitere aktuelle Studie aus China. Dort haben die Forscher einige Hundert Schulkinder jeden Tag eine Stunde lang während der Mittagspause nach draußen geschickt, eine andere große Gruppe blieb drinnen. Das Ergebnis nach nur einem Jahr: Die Kinder, die mehr Zeit im Freien verbracht haben, waren statistisch signifikant weniger kurzsichtiger geworden als die Schüler, die in dieser Zeit im Klassenraum bleiben mussten.
Tierversuche mit Kükenaugen bestätigen das: So wachsen Kükenaugen verstärkt in die Länge – werden also kurzsichtig –, wenn man den Küken sogenannte Mattbrillen aufsetzt, die nahes Sehen vortäuschen. Ebenfalls werden Tiere kurzsichtig, wenn man sie ausschließlich im Labor bei Kunstlicht hält.
Warum Lesen den Augapfel zum Wachstum reizt, das wissen die
Forscher bis heute nicht. Aber für den Effekt des Lichts
deutet sich eine Erklärung an: Licht stößt in der
Netzhaut die
Dopaminproduktion an. Dieser Botenstoff hemmt
das Wachstum des Augapfels und vermindert damit das Risiko für
Kurzsichtigkeit.
Wer sein Kind beim Lesen unter der Bettdecke erwischt, muss sich keine Sorgen machen. Denn wenn man sich die Studien genau anschaut, dann reichen als Gegenmaßnahme schon einige Stunden im Freien aus und nur exzessive Naharbeit scheint wirklich einen negativen Effekt auf die Sehstärke zu haben.
Vor allem Kinder von Eltern, die beide eine Brille tragen, scheinen von einem längeren Aufenthalt im Freien zu profitieren. Wahrscheinlich sind deren Augen für die Einflüsse der Umwelt empfindlicher als die Augen von genetisch weniger vorbelasteten Kindern. Also: Raus aus dem Haus und das spannende Buch unter einem Baum schmökern.
Tipp: Beim Lesen immer mal wieder den Blick in die Ferne schweifen lassen und als Kurzsichtiger beim Lesen ruhig mal die Brille weglassen.
Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff im Körper (ein sogenannter Neurotransmitter). Es steuert Teile der Motorik und gilt als Glückshormon. Der Dopaminstoffwechsel ist an der Entstehung von Suchtverhalten und Psychosen beteiligt.
Am meisten Dopamin findet man in einer Nervenzellenansammlung im Hirnstamm, der Substantia nigra (schwarze Substanz). Ist diese Substanz weniger dunkel, fehlt der Botenstoff und der Mensch erkrankt an Parkinson. Parkinson-Patienten leiden wegen des Dopaminmangels häufiger an Depressionen.
Und auch im Auge spielt Dopamin eine Rolle. Es hemmt unter anderem das Wachstum des Augapfels. Eine aktuelle Untersuchung aus Freiburg hat zudem festgestellt, dass Menschen mit einer Depression, die in der Regel einen niedrigen Dopaminspiegel im Gehirn haben, auch schlechter sehen als Gesunde.
Angela Sommer
Stand: 19.07.2011
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