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Sendung vom 11. Oktober 2011
Wie entsteht eine Autoimmunerkrankung?
Was läuft schief im Körper, wenn das Immunsystem auf „Selbstangriff“ schaltet? Ärzte und Forscher haben mehrere Auslöser in Verdacht. Zum einen sind da die Gene - Autoimmunerkrankungen kommen in vielen Familien gehäuft vor. In der weltweit größten Studie zu Multipler Sklerose (MS) haben Wissenschaftler das Erbgut von MS-Kranken untersucht. Sie verglichen die Gene von knapp 10.000 MS-Kranken und 17.000 Gesunden miteinander. Das Ergebnis: Die Forscher fanden bei den MS-Kranken über 50 veränderte Genabschnitte, die fast alle mit dem Immunsystem zu tun haben. Ein Drittel der veränderten Gene spielt auch bei anderen Autoimmunerkrankungen eine Rolle, zum Beispiel Rheumatoider Arthritis und Diabetes Typ 1. Die These der Forscher: So unterschiedlich die verschiedenen Autoimmunerkrankungen auch sind, es scheint grundsätzliche Mechanismen zu geben, die die Krankheit auslösen.
Auch aus Zwillingsstudien wissen die Forscher, dass die Gene bei Autoimmunerkrankungen eine Rolle spielen. Doch: Bei eineiigen Zwillingen, bei denen einer an einer Autoimmunerkrankung leidet, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch der zweite Zwilling erkrankt, nur bei 30 bis 50 Prozent. Das wurde für viele verschiedene Autoimmunerkrankungen nachgewiesen, wie zum Beispiel Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis, Lupus Erythematodes oder Diabetes Typ 1.Trotz absolut identischer Gene, bleibt mehr als die Hälfte der Zwillings-Partner gesund! Das ist für die Forscher ein Hinweis darauf, dass noch weitere Faktoren eine wichtige Rolle bei der Entstehung einer Autoimmunerkrankung spielen.
In der sogenannten TEDDY-Studie versuchen Forscher auch möglichen Umweltfaktoren auf die Spur zu kommen. So heißt die Studie auch: TEDDY The Environmental Determinants of Diabetes in the Young (auf Deutsch: Umwelteinflüsse bei Typ 1-Diabetes in der Entwicklung). Seit 2004 untersuchen die Forscher Babys ab ihrem ersten Lebenstag ganz genau. Sie erfassen viele verschiedene Umweltfaktoren, zum Beispiel die Ernährung: Wann wurde zum ersten Mal Getreidebrei zugefüttert? Ein Bestandteil des Getreides – Gluten – interessiert die Forscher besonders. Sämtliche Erkrankungen, Infektionen und Impfungen dokumentieren die Forscher; vor allem das Blut untersuchen sie regelmäßig. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf den Inselzell-Antikörpern – den Verursachern von Diabetes Typ 1. Insgesamt sollen in Deutschland 28.583 nicht „vorbelastete“ Kinder untersucht werden und 1.594 Kinder aus einer Typ 1-Diabetes-Familie. Die Studie wird 15 Jahre laufen.
Für verschiedene Autoimmunerkrankungen haben die Forscher inzwischen vorangegangene Virus-Infektionen als Anheizer so genannte Trigger in Verdacht. Bei Multipler Sklerose könnte das Epstein-Barr-Virus die spätere Autoimmunerkrankung auslösen. In der Regel verursacht das Epstein-Barr-Virus eine Infektionskrankheit namens Pfeiffersches Drüsenfieber. Doch manchmal scheint das Virus das Immunsystem zu stark zu aktivieren, so dass es überreagiert und fehlgeleitet wird. Erst acht bis zehn Jahre später greift das Immunsystem die Myelinschicht der Nervenzellen an – und eine Multiple Sklerose entsteht.
Auch für andere Autoimmunerkrankungen vermuten die Forscher vorangegangene Virus-Infektionen als mögliche Auslöser. Bei Diabetes Typ 1 wird das Rötel-Virus und das Coxsackie-Virus verdächtigt. Und bei der Rheumatoiden Arthritis heizen möglicherweise das Epstein-Barr-Virus und das Parvovirus B19 das Immunsystem an.
Autoimmunerkrankungen geben den Forschern immer noch Rätsel auf. Wieso treffen sie häufig junge Erwachsene, wie das zum Beispiel bei Multipler Sklerose und Rheumatoider Arthritis der Fall ist? Wieso erkranken bei fast allen Autoimmunerkrankungen häufiger Frauen? Hat das etwas mit den Hormonen zu tun? Das klingt logisch, denn nach den Wechseljahren gleicht sich das Risiko, zu erkranken für Männer und Frauen an. Und wieso gibt es deutlich mehr Autoimmunerkrankungen in Ländern, die weniger sonnig sind? Die Wissenschaftler glauben, dass die Entstehung von Autoimmunerkrankungen etwas mit der Vitamin D-Synthese zu tun hat. Viele Zelltypen des Immunsystems haben einen eigenen Rezeptor – also eine Andockstelle – für Vitamin D. Und im Tierversuch führt ein niedriger Vitamin D-Spiegel zu gehäuftem Auftreten von Autoimmunerkrankungen, wie Multipler Sklerose, Rheumatoider Arthritis und entzündlichen Darmerkrankungen. Also scheint nicht nur das Geschlecht und Alter das Risiko für eine Autoimmunerkrankung mit zu bestimmen, sondern sogar der Ort, an dem man lebt.
Corinna Sachs
Stand: 11.10.2011
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