Werden wir im Alter weiser?

Warum nicht alle aus Erfahrung klug werden

  • Dienstag, 25. Oktober 2011, 21.00 - 21.45 Uhr
  • Samstag, 29. Oktober 2011, 12.00 - 12.45 Uhr (Wdh.)

Foto: ältere Frau

Werden wir im Alter weiser?

Dienstag, 25. Oktober 2011, 21.00 - 21.45 Uhr

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Ältere Dame und jüngerer Herr im Gespräch

Sind ältere Menschen weiser als junge?

Weise Menschen wie die griechischen Philosophen, politisch-geistige Führer wie Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela faszinieren uns – auch weil sie Ausnahmepersönlichkeiten sind. Viele hatten im höheren Alter besonders großen Einfluss. Manche von uns kennen auch aus ihrem Alltag weise Menschen, oft sind die Großeltern darunter. Hängen Weisheit und Alter irgendwie zusammen? Einen Ältestenrat etwa gibt es nicht nur bei Naturvölkern, sondern auch im modernen Deutschen Bundestag, dort sollen besonders erfahrene Parlamentarier bei Streitigkeiten schlichten. Doch warum werden nicht alle mit dem Alter weise, viele sogar eher stur und verbittert? Und: Sind alte Menschen wirklich weiser als junge? Fragen, die auch Weisheitsforscher vor spannende Herausforderungen stellen.

Junge Weisheitsforschung

Hände vor Mikrofon und Hände auf Tastatur

Weisheitsforschung: Interviewen, testen, zuhören

Auch wenn seit Urzeiten das Phänomen Weisheit die Menschheit beschäftigt – in der Psychologie wird Weisheit erst seit einigen Jahrzehnten intensiv erforscht. In Deutschland gründet sie besonders auf eine Gruppe Alternsforscher um die Psychologen Paul Baltes und Ursula Staudinger. Sie entwickelten das sogenannte "Berliner Weisheitsparadigma": Nach ihren Studien reicht Lebenserfahrung allein längst nicht zur Erlangung von Weisheit aus: Weise Menschen müssen beispielsweise ein umfangreiches Faktenwissen über grundlegende Lebensfragen erworben haben, akzeptieren können, dass auch ganz andere Sichtweisen und Bedürfnisse anderer Menschen von Bedeutung sind, und eine Urteilsfähigkeit in schwierigen und unsicheren Fragen des Lebens mitbringen.

Weisheit im Labor: Stell dir vor, ein Mensch will sich umbringen...

Portrait der Psychologin Judith Glück

Weisheitsforscherin Professorin Judith Glück

Die Forscher um Baltes und Staudinger haben in zahlreichen Laborversuchen untersucht, inwieweit solche Fähigkeiten bei Menschen verschiedener Alterklassen vorhanden sind. Dabei baten sie Studienteilnehmer, sich in schwierige fiktive Lebenssituationen hineinzuversetzen. So sollten sich die Probanden vorstellen: Was könnte man tun, wenn jemand am Telefon mitteilt, dass er sich das Leben nehmen möchte? Oder was sie einem 15-jährigen Mädchen raten würden, das den Wunsch äußert, sofort von zu Hause auszuziehen. Als weniger weise galten dabei pauschale bzw. einfache Reaktionen: „Ein 15-jähriges Mädchen? Nein, das geht nicht, man muss dem Mädchen sagen, dass das nicht in Frage kommt. Das ist nur so eine verrückte Idee.“

Als weisere Reaktion galten hingegen differenzierte Antworten wie diese: „Naja, oberflächlich betrachtet sieht das sehr einfach aus. Im Allgemeinen sollten 15-Jährige zu Hause leben. Aber es gibt Situationen, wo das nicht zutrifft. Vielleicht ist das Mädchen todkrank. Oder es gibt ein wirklich schweres Problem mit einem Elternteil. Oder vielleicht ist sie in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen oder mit einem anderen Wertsystem. Wichtig ist jedenfalls, einen guten Weg zu finden, wie man mit ihr reden und mehr Information erhalten kann...“

Zu ihrer Überraschung fanden die Forscher heraus, dass bei diesen Labortests mit fiktiven Situationen alle Altersgruppen ab 25 Jahre aufwärts in etwa gleich gut abschnitten. Zumindest diesen Tests zufolge scheint das Alter eines Menschen für seine Weisheit eher eine untergeordnete Rolle zu spielen.



Und das Alter spielt doch eine Rolle?

Doch einige Weisheitsforscher glauben, dass Laborversuche mit fiktiven Lebenssituationen nicht ausreichen, um das Thema Alter und Weisheit zu erforschen. Sie vermuten, dass bei Tests mit fiktiven Problemen einige wichtige Aspekte nicht zum Tragen kommen, die bei weisem Verhalten im realen Leben eine Rolle spielen: Die persönliche Betroffenheit, das Aufwühlen eigener, starker Emotionen, der Umgang mit dem Risiko, eine falsche Entscheidung zu treffen. So sei es ein großer Unterschied, sich theoretisch mit Problemen eines 15-jährigen Mädchens zu beschäftigen, oder im Alltag weise mit der eigenen 15-jährigen Tochter umzugehen. Die Klagenfurter Psychologin Judith Glück: „Wir glauben, dass sich wirkliche Weisheit eben nur im wirklichen Leben manifestiert. Und zur Entwicklung von Weisheit gehören schwierige Lebensereignisse, die die Prioritäten und Lebensüberzeugungen, die man hatte, grundlegend über den Haufen werfen.“ Die erfolgreiche Bewältigung solch schwieriger, realer Ereignisse könne weise machen, glauben die Forscher. Und mit höherem Alter steige die Chance, öfter und mehr wertvolle Lehren aus dem wirklichen Leben zu ziehen.



Ein Modell für die Weisheit

Judith Glück will deshalb mit ihrer Forschergruppe die Weisheit auch im wirklichen Leben studieren. Seit einigen Jahren interviewt sie mit ihren Kollegen Menschen unterschiedlicher Schichten und Alters, um zu erfahren, wann und wie sie in ihrem Leben etwas Weises getan haben. Aus diesen Lebensberichten haben die Experten ein neues Weisheitsmodell entwickelt, das sogenannte „MORE-Weisheitsmodell“ (nach dem englischen „more wisdom“, zu deutsch „mehr Weisheit“). Es geht davon aus, dass Menschen tatsächlich im Verlaufe ihres Lebens mit jeder Erfahrung immer weiser werden können. Auch in diesem Modell ist das keineswegs selbstverständlich: Um weise zu werden, müsste man etwa zeitlebens vier nützliche Eigenschaften in sich lebendig halten: Offenheit zum Beispiel. Weise Menschen haben demnach keine Angst vor neuen Ideen und Veränderungen. Sie können sensibel und produktiv mit ihren eigenen Gefühlen und denen anderer umgehen. Sie reflektieren gerne über sich, andere Menschen und das Leben. Und sie sollen über das verfügen, was amerikanische Experten „Sense of Mastery“ (zu deutsch etwa „Sinn für Lebensmeisterschaft“) nennen: Die Erkenntnis, dass man im Leben nicht alles kontrollieren kann, aber auch nicht völlig ausgeliefert ist.



„Weise Menschen gesucht“

Die Klagenfurter Forscher hatten in Kärnten einen außergewöhnlichen Aufruf gestartet: Bürger sollten Mitbürger nominieren, die sie für weise hielten. Mit den rund 40 nominierten weisen Kärntnern wollen die Psychologen ausführliche Interviews durchführen, um herauszufinden, ob diese Menschen von besonderen Lebenserfahrungen, Reaktionsmustern oder einem Umgang mit Krisen berichten, die zu ihrer Weisheit beigetragen haben könnten. Interessanterweise wurden vor allem ältere Mitbürger für die Studie nominiert. Für Judith Glück ist das kein Zufall: „Im höheren Alter wird das Leben als endlich wahrgenommen. Man hat nicht mehr so ein Grundgefühl, unendlich viel Zeit zu haben, und das verändert natürlich die Perspektive auf vieles, auch die Prioritäten, die man hat, und das öffnet vielleicht den Blick für eine Sichtweise, die hilfreich auch für jüngere Menschen sein könnte.“

Im Januar 2011 war diese Studie noch nicht abgeschlossen. Die wissenschaftliche Debatte, was wirklich Weisheit ist und wie sie mit dem Alter zusammenhängt, bleibt also spannend.



Autor: Mike Schaefer


Stand: 11.01.2011



Foto: Brigitte Bardot

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