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Quarks & Co
Sendung vom 07. Februar 2012
Gelöschte Erinnerungen
Warme Sommertage im Juli 1989: Man kann sich gut vorstellen, wie Janet Oldinski und ihre beiden Freundinnen in Dresden in den Trabi steigen und nach Ostberlin fahren, gute Laune im Gepäck. Wie sie in der Hauptstadt der DDR Sightseeing machen, das Lebensgefühl in den Parks genießen und abends feiern und tanzen. Auf der Rückfahrt ist die Stimmung immer noch gut. Doch dann kurz vor der Ausfahrt Dresden Nord endet der schöne Ausflug jäh. Ein polnischer LKW erwischt das Auto hinten. Eine der beiden Freundinnen stirbt. Janet Oldinski fliegt durch das Dach des Trabants nach draußen und knallt auf die Fahrbahn der Autobahn. Mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma kommt sie ins Krankenhaus, erwacht erst Tage später aus dem Koma. Sie kann sich an nichts mehr erinnern, nicht an den Unfall selbst, nicht an die Monate davor. Die medizinische Diagnose lautet: retrograde Amnesie. Die Ereignisse aus dem Juli 1989 reißen eine gewaltige Lücke in ihr Leben.
Als sie nach zwei Monaten das Krankenhaus verlässt, ist ihr altes Leben verschwunden. Vom Mauerfall bekommt sie nichts mit, ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert noch nicht richtig. Erst im Frühjahr 1990 ist ihre Gedächtnisfunktion wieder hergestellt. Zuhause bei ihren Eltern in der Nähe von Warin in Mecklenburg-Vorpommern muss Janet Oldinski wie ein Kind alles neu lernen: Sprechen, laufen, schreiben. „Wobei das mit dem Lernen alles sehr schnell ging, fast wie im Schnelldurchlauf“, erzählt sie. „Aber ich war einfach nicht mehr das Mädchen von früher.“ Sie merkt, dass mit der Amnesie etwas anders geworden ist in ihrem Leben. Dass sie nicht mehr so leistungsfähig ist wie früher, dass sie für ihr neues Leben viel Disziplin braucht. Sie spürt, dass sie diesen Weg nicht zuhause schaffen wird, dass sie dort immer das Kind bleiben würde. Deshalb wagt sie im Sommer 1990 den völligen Neuanfang – und geht in den Westen.
Eine gute Entscheidung: Stück für Stück holt sich Janet Oldinski ihr Leben zurück. Sie studiert Psychologie und arbeitet heute erfolgreich als Therapeutin. Nur eines wagt sie erst im Zusammenhang mit der Sendung „Quarks & Co“: Zum ersten Mal seit 22 Jahren fährt sie zurück nach Dresden, besucht das Krankenzimmer, studiert die alten Akten und trifft Freunde von früher.
Die Lücke in ihrem Leben verschwindet dadurch zwar nicht völlig, aber sie macht ihr jetzt keine Angst mehr. Janet Oldinski scheint ihren Frieden damit gemacht zu haben, dass ihre Erinnerungen nicht zurückkommen werden. Heute sieht sie vieles positiv: „Ich habe durch den Unfall und die Amnesie begriffen, dass Leistung nicht das Wichtigste im Leben ist. Ich habe diesen schlimmen Unfall überlebt und habe mir mit meiner Familie ein neues Leben aufbauen können. Dafür bin ich sehr dankbar.“
Filmautor: Carsten Linder
Hubert Filser
Stand: 07.02.2012
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