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Vielseitiges Gedächtnis

  • SendeterminDienstag, 07. Februar 2012, 21.30 - 22.15 Uhr.
  • WiederholungsterminSamstag, 11. Februar 2012, 12.05 - 12.50 Uhr (Wdh.).

Mit der Wahrnehmung über die Sinnesorgane fängt alles an: Um uns an das zu erinnern, was wir einmal gesehen, gehört, gefühlt, geschmeckt oder gerochen haben, muss es erst mal in den Kopf hinein. Die meisten Informationen werden sofort wieder als irrelevant verworfen. Die wenigen, die gerade als nützlich oder wichtig erscheinen, werden im Kurzzeitgedächtnis gespeichert. Dieser Gedächtnisspeicher hält Informationen einige Sekunden bis maximal ein paar Minuten abrufbereit. Verarbeitet werden die Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses vor allem in den vorderen und seitlichen Regionen (Stirn- und Scheitellappen) der StichwortGroßhirnrinde.

Grafik: Kurzzeitgedächtnis
Das Kurzzeitgedächtnis speichert Inhalte maximal einige Minuten ab

Eingangspforte des Gedächtnisses

Alles, was länger erinnert werden soll als ein paar Minuten, muss eine entscheidende Pforte im Gehirn passieren: das sogenannte Stichwortlimbische System. Wichtig sind hier vor allem zwei Bereiche: Der StichwortMandelkern (auch Amygdala genannt) ist zuständig für die emotionale Bewertung von Informationen, und der StichwortHippocampus ist die zentrale Schalt- und Koordinierungsstelle des Gehirns. Hier werden die Informationen geprüft und bewertet und mit bereits gespeicherten Informationen verglichen. Die Informationen, die diese Prüfung bestehen, also als wichtig und bedeutsam erscheinen, werden vom Hippocampus in Regionen der StichwortGroßhirnrinde geleitet, um hier langfristig abgespeichert zu werden. Das Langzeitgedächtnis wird von unterschiedlichsten Teilen der Hirnrinde gesteuert. Seine Speicherkapazität ist im Prinzip unbegrenzt.

Grafik: Gehirn mit Hippocampus (rot markiert)
Alles, was im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden soll, muss zuerst den Hippocampus passieren

Unbewusst und automatisch: Gedächtnis für Bewegungsabläufe

Aber auch Langzeitgedächtnis ist nicht gleich Langzeitgedächtnis: Es gibt ganz unterschiedliche, von einander unabhängige Systeme. Ein Teil des Langzeitgedächtnisses ist auf das Abspeichern von erlernten Abläufen, zum Beispiel Bewegungsabläufe, spezialisiert. Diese Abläufe und Bewegungsmuster, etwa Fahrrad- oder Autofahren, werden im sogenannten prozeduralen Gedächtnis abgespeichert und vor allem im StichwortKleinhirn und in den StichwortBasalganglien verarbeitet. Einmal gelernt, vergessen wir solche Abläufe in der Regel nie wieder. Das prozedurale Gedächtnis funktioniert komplett unbewusst und praktisch vollautomatisch.

Grafik: Kind auf Fahrrad
: Wer einmal Radfahren gelernt hat, vergisst es in der Regel nie wieder

Gedächtnisspeicher für Formen und Fakten

Ein weiterer Speicher des Langzeitgedächtnisses ist das sogenannte perzeptuelle Gedächtnis. Elementare Wahrnehmungs-Muster – daher der Begriff "perzeptuell" – werden hier gespeichert. Zum Beispiel: "Hund" unterscheidet sich von "Katze" oder eine alte Stimme von einer jungen. In den Regionen der Großhirnrinde sind solche elementaren Muster eingespeichert. Im Gegensatz zum prozeduralen Gedächtnis funktioniert das perzeptuelle Gedächtnis bewusst. Ebenfalls bewusst ist das Wissensgedächtnis oder semantisches Gedächtnis, bei dem es um das Abspeichern von Fakten geht: Zum Beispiel, dass Peking die Hauptstadt von China ist oder Einstein der Begründer der Relativitätstheorie. Dieses bewusst gelernte Wissen wird vor allem in der linken Hirnhälfte verarbeitet, wo auch die wichtigsten Sprachzentren sitzen.

Grafik von Albert Einstein
Faktenwissen wird vor allem in der linken Gehirnhälfte gespeichert

Das autobiografische Gedächtnis

Das für die Persönlichkeit wichtigste System des Langzeitgedächtnisses ist das sogenannte autobiografische Gedächtnis, auch episodisches Gedächtnis genannt. Dieses Gedächtnissystem speichert autobiografische Erlebnisse ab, zum Beispiel die Erinnerung an den ersten Schultag, den ersten Kuss oder die letzte Geburtstagsfeier. Dieses Gedächtnissystem hält einschneidende Erlebnisse und bewegende Momente besonders fest, denn hier spielen Emotionen, die an die Erinnerungen geknüpft sind, eine entscheidende Rolle. Bei der Erinnerung an autobiografische Erlebnisse sind mehrere Hirnareale gleichzeitig aktiv: zum einen Bereiche im Stirn- und Schläfenlappen der rechten Hirnhälfte, die für den Faktenanteil des Erlebten zuständig sind, zum anderen Regionen, in denen das Erlebte emotional bewertet wird. Das geschieht vor allem im limbischen System. Nur durch dieses komplexe Zusammenspiel unterschiedlicher Hirnregionen sind autobiografische Erinnerungen möglich – dadurch ist dieses Gedächtnissystem besonders empfindlich und anfällig für Störungen. Ausgelöst werden können solche Störungen beispielsweise durch traumatische Ereignisse.

Grafik: Mädchen küsst Jungen
Das autobiografische Gedächtnis speichert persönliche Erlebnisse

Typisch menschlich: Erinnerung an das eigene Leben

Wissenschaftler glauben, dass sehr wahrscheinlich nur der Mensch ein autobiografisches Gedächtnis hat. Tiere haben zwar nachweislich ein Gedächtnis für Fakten; es spricht aber einiges dafür, dass sie kein autobiografisches Gedächtnis haben: unter anderem die Tatsache, dass die damit in Verbindung gebrachten Hirnareale in der Großhirnrinde (StichwortStirnlappen) beim Menschen deutlich größer sind. Bei Kindern entwickelt sich das autobiografische Gedächtnis ab dem vierten oder fünften Lebensjahr. Das ist auch der Grund, weshalb man sich als Erwachsener in der Regel an Ereignisse aus der allerfrühesten Kindheit nicht erinnern kann.

Stichwörter

1 Limbisches System
Das limbische System ist der Teil des Gehirns, der bei der Verarbeitung von Emotionen eine entscheidende Rolle spielt. Zu diesem System zählt neben den paarigen Mandelkernen (Amygdala) auch der Hippocampus, der die Verarbeitung und Abspeicherung von Wissen (Gedächtnis) steuert. Zurück zum Absatz
2 Mandelkern (Amygdala)
Der Mandelkern wird auch Amygdala genannt und ist Teil des sogenannten limbischen Systems. Das Gehirn hat auf jeder Hirnseite eine Amygdala. Sie liegen tief im Inneren des Gehirns und spielen eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen. Eine Zerstörung der Mandelkerne führt unter anderem dazu, dass nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen unterschieden werden kann. Zurück zum Absatz
3 Hippocampus
Der Hippocampus ist eine hufeisenförmige Struktur im Gehirn und gilt als "Arbeitsspeicher des Gehirns". Der Hippocampus verarbeitet Informationen aus den verschiedenen sensorischen (Sinnes-)Systemen und schickt die aufbereiteten Informationen dann an die Hirnrinde. Diesen Vorgang nennen die Hirnforscher Gedächtniskonsolidierung, das heißt: die Überführung von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis. Zurück zum Absatz
4 Großhirnrinde (Cortex)

Die Großhirnrinde ist die wichtigste Befehls- und Steuerungszentrale des Körpers. Sie ist zwei bis vier Millimeter dick und enthält etwa zehn Milliarden Nervenzellen. Unterteilt wird die Großhirnrinde in Hälften (rechte und linke Gehirnhälfte) und Lappen. Die unterschiedlichen Lappen der Großhirnrinde (Stirnlappen, Scheitellappen, Schläfenlappen und Hinterhauptlappen) steuern unterschiedlichste Funktionen des Körpers.

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5 Kleinhirn
Das Kleinhirn ist vor allem für die Steuerung und Koordination von Bewegungen wichtig, ebenso für das Halten des Gleichgewichts und Regelung des Muskeltonus (Spannungszustand der Muskulatur). Wenn das Kleinhirn ausfällt, können keine schnellen Bewegungsfolgen mehr ausgeführt werden, wie sie zum Beispiel beim Klavierspielen nötig sind. Zurück zum Absatz
6 Basalganglien

Unter Basalganglien versteht man größere Ansammlungen "grauer Substanz" im Großhirnmark. Die Basalganglien steuern vor allem unwillkürliche Bewegungen.

Als graue Substanz bezeichnet man im Gehirn die Areale des Zentralnervensystems, die vorwiegend aus Nervenzellkörpern bestehen. Unter weißer Substanz versteht man dagegen die Nervenfasern der Nervenzellen.

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7 Stirnlappen
Der Stirnlappen ist ein Teil der Großhirnrinde und kann als oberstes Kontrollzentrum des Gehirns angesehen werden. Hier werden die Signale aus der Außenwelt mit bereits gespeicherten Gedächtnisinhalten und emotionalen Bewertungen abgeglichen. Der Frontallappen ist besonders wichtig für die Erinnerung, wo und wann wir etwas gelernt haben: das sogenannte Quellen-Gedächtnis. Zurück zum Absatz
Autor:

Jakob Kneser

Stand: 07.02.2012


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Grafik: Gehirn mit Hippocampus (rot markiert)

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Die gesamte Sendung im Internet.


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