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Quarks & Co
Sendung vom 07. Februar 2012
Vielseitiges Gedächtnis
Mit der Wahrnehmung über die Sinnesorgane fängt alles
an: Um uns an das zu erinnern, was wir einmal gesehen, gehört,
gefühlt, geschmeckt oder gerochen haben, muss es erst mal in
den Kopf hinein. Die meisten Informationen werden sofort wieder als
irrelevant verworfen. Die wenigen, die gerade als nützlich
oder wichtig erscheinen, werden im Kurzzeitgedächtnis
gespeichert. Dieser Gedächtnisspeicher hält Informationen
einige Sekunden bis maximal ein paar Minuten abrufbereit.
Verarbeitet werden die Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses vor
allem in den vorderen und seitlichen Regionen (Stirn- und
Scheitellappen) der
Großhirnrinde.
Alles, was länger erinnert werden soll als ein paar
Minuten, muss eine entscheidende Pforte im Gehirn passieren: das
sogenannte
limbische System. Wichtig sind hier vor allem
zwei Bereiche: Der
Mandelkern (auch Amygdala genannt) ist
zuständig für die emotionale Bewertung von Informationen,
und der
Hippocampus ist die zentrale Schalt- und
Koordinierungsstelle des Gehirns. Hier werden die Informationen
geprüft und bewertet und mit bereits gespeicherten
Informationen verglichen. Die Informationen, die diese Prüfung
bestehen, also als wichtig und bedeutsam erscheinen, werden vom
Hippocampus in Regionen der
Großhirnrinde geleitet, um hier
langfristig abgespeichert zu werden. Das Langzeitgedächtnis
wird von unterschiedlichsten Teilen der Hirnrinde gesteuert. Seine
Speicherkapazität ist im Prinzip unbegrenzt.
Aber auch Langzeitgedächtnis ist nicht gleich
Langzeitgedächtnis: Es gibt ganz unterschiedliche, von
einander unabhängige Systeme. Ein Teil des
Langzeitgedächtnisses ist auf das Abspeichern von erlernten
Abläufen, zum Beispiel Bewegungsabläufe, spezialisiert.
Diese Abläufe und Bewegungsmuster, etwa Fahrrad- oder
Autofahren, werden im sogenannten prozeduralen Gedächtnis
abgespeichert und vor allem im
Kleinhirn und in den
Basalganglien verarbeitet. Einmal gelernt,
vergessen wir solche Abläufe in der Regel nie wieder. Das
prozedurale Gedächtnis funktioniert komplett unbewusst und
praktisch vollautomatisch.
Ein weiterer Speicher des Langzeitgedächtnisses ist das sogenannte perzeptuelle Gedächtnis. Elementare Wahrnehmungs-Muster – daher der Begriff "perzeptuell" – werden hier gespeichert. Zum Beispiel: "Hund" unterscheidet sich von "Katze" oder eine alte Stimme von einer jungen. In den Regionen der Großhirnrinde sind solche elementaren Muster eingespeichert. Im Gegensatz zum prozeduralen Gedächtnis funktioniert das perzeptuelle Gedächtnis bewusst. Ebenfalls bewusst ist das Wissensgedächtnis oder semantisches Gedächtnis, bei dem es um das Abspeichern von Fakten geht: Zum Beispiel, dass Peking die Hauptstadt von China ist oder Einstein der Begründer der Relativitätstheorie. Dieses bewusst gelernte Wissen wird vor allem in der linken Hirnhälfte verarbeitet, wo auch die wichtigsten Sprachzentren sitzen.
Das für die Persönlichkeit wichtigste System des Langzeitgedächtnisses ist das sogenannte autobiografische Gedächtnis, auch episodisches Gedächtnis genannt. Dieses Gedächtnissystem speichert autobiografische Erlebnisse ab, zum Beispiel die Erinnerung an den ersten Schultag, den ersten Kuss oder die letzte Geburtstagsfeier. Dieses Gedächtnissystem hält einschneidende Erlebnisse und bewegende Momente besonders fest, denn hier spielen Emotionen, die an die Erinnerungen geknüpft sind, eine entscheidende Rolle. Bei der Erinnerung an autobiografische Erlebnisse sind mehrere Hirnareale gleichzeitig aktiv: zum einen Bereiche im Stirn- und Schläfenlappen der rechten Hirnhälfte, die für den Faktenanteil des Erlebten zuständig sind, zum anderen Regionen, in denen das Erlebte emotional bewertet wird. Das geschieht vor allem im limbischen System. Nur durch dieses komplexe Zusammenspiel unterschiedlicher Hirnregionen sind autobiografische Erinnerungen möglich – dadurch ist dieses Gedächtnissystem besonders empfindlich und anfällig für Störungen. Ausgelöst werden können solche Störungen beispielsweise durch traumatische Ereignisse.
Wissenschaftler glauben, dass sehr wahrscheinlich nur der Mensch
ein autobiografisches Gedächtnis hat. Tiere haben zwar
nachweislich ein Gedächtnis für Fakten; es spricht aber
einiges dafür, dass sie kein autobiografisches Gedächtnis
haben: unter anderem die Tatsache, dass die damit in Verbindung
gebrachten Hirnareale in der Großhirnrinde (
Stirnlappen) beim Menschen deutlich
größer sind. Bei Kindern entwickelt sich das
autobiografische Gedächtnis ab dem vierten oder fünften
Lebensjahr. Das ist auch der Grund, weshalb man sich als
Erwachsener in der Regel an Ereignisse aus der allerfrühesten
Kindheit nicht erinnern kann.
Die Großhirnrinde ist die wichtigste Befehls- und Steuerungszentrale des Körpers. Sie ist zwei bis vier Millimeter dick und enthält etwa zehn Milliarden Nervenzellen. Unterteilt wird die Großhirnrinde in Hälften (rechte und linke Gehirnhälfte) und Lappen. Die unterschiedlichen Lappen der Großhirnrinde (Stirnlappen, Scheitellappen, Schläfenlappen und Hinterhauptlappen) steuern unterschiedlichste Funktionen des Körpers.
Unter Basalganglien versteht man größere Ansammlungen "grauer Substanz" im Großhirnmark. Die Basalganglien steuern vor allem unwillkürliche Bewegungen.
Als graue Substanz bezeichnet man im Gehirn die Areale des Zentralnervensystems, die vorwiegend aus Nervenzellkörpern bestehen. Unter weißer Substanz versteht man dagegen die Nervenfasern der Nervenzellen.
Jakob Kneser
Stand: 07.02.2012
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