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Erfundene Erinnerungen

  • SendeterminDienstag, 07. Februar 2012, 21.30 - 22.15 Uhr.
  • WiederholungsterminSamstag, 11. Februar 2012, 12.05 - 12.50 Uhr (Wdh.).

Quarks & Co macht zusammen mit der Jenaer Psychologin Prof. Melanie Steffens den Test. Die Frage: Lassen sich ganz persönliche Erinnerungen an die Kindheit manipulieren? Wir zeigen neun Studenten Fotos aus ihrer Kindheit und fordern sie auf zu erzählen, was damals passiert ist. Eines der privaten Fotos haben wir vorher manipuliert: Es zeigt scheinbar einen Augenblick aus dem persönlichen Leben der Studenten. Doch dieses Ereignis hat nie stattgefunden. Können sich die Studenten trotzdem daran erinnern?

Studentin hält Foto in der Hand
Wie war das damals im Alter von sechs Jahren?

Zu Besuch bei den Eltern

Eine ganz ähnliche Untersuchung haben 2002 die Psychologen Kimberley Wade, Maryanne Garry, Don Read und Stephen Lindsay in Neuseeland durchgeführt. Sie suggerierten 20 Studenten, diese hätten im Alter zwischen vier und acht Jahren eine Fahrt mit einem Heißluftballon unternommen. Mit Erfolg. Das war für Quarks & Co Anlass, ein ähnliches Experiment mit deutschen Studenten durchzuführen. Wir sind gespannt, ob auch diese sich in ihrer Erinnerung beeinflussen lassen.

Das Quarks-Experiment läuft in vier Phasen ab: Zuerst besuchen wir die Eltern der Teilnehmer, die sich für den Test gemeldet hatten. Wir lassen uns von ihnen Kinderfotos zeigen und erzählen, was die Kinder damals alles erlebt haben. Damit der Test gelingt, suchen wir auch nach einem Ereignis, das keinesfalls stattgefunden hat. Zum Beispiel, ob das Kind jemals auf einem Elefanten geritten ist. Das war bei keinem der Kinder der Fall: So konnten wir genau dieses Ereignis erfinden. Bei den Eltern von Tobias erfahren wir zum Beispiel, dass er im Grundschulalter in den Sommerferien den Astrid-Lindgren-Vergnügungspark besucht hat. Dort liefen zur Belustigung der Kinder auch bekannte Romanfiguren wie Pippi Langstrumpf herum. Doch Tobias hatte damals im Park keine dieser Figuren getroffen.
Quarks & Co-Mitarbeiter mit den Eltern eines Probanden im
Gespräch
Die Eltern erzählen, was ihre Kinder erlebt haben und was nicht

Foto-Manipulation am Computer

Phase zwei: Die WDR-Grafiker manipulieren von jedem Test-Teilnehmer eines der privaten Kinderfotos am Computer. Bei Tobias, der Pippi Langstrumpf nie begegnet ist, montieren wir seinen Kopf auf den Körper eines anderen Jungen, der neben Pippi Langstrumpf steht. Das fertige Bild sieht täuschend echt aus – so als ob der kleine Tobias stolz neben Pippi Langstrumpf für das Foto posiert. In einem anderen Fall setzen wir ein Mädchen, das auf dem ursprünglichen Foto auf einem Karussellpferd reitet, auf einen echten Elefanten. Auf diese Weise manipulieren wir Fotos von neun Kandidaten. Lassen sich die Studenten von unseren Bildern in ihrer Erinnerung täuschen?

Grafik: Kind auf Fahrrad
Nur dank Computer kommt der kleine Tobias Pippi Langstrumpf ganz nah

Verschwommene Kindheitserinnerungen

Phase drei: Die Jenaer Psychologin Melanie Steffens befragt die Studenten zu ihren Kindheitserinnerungen auf den Fotos. Allgemein fällt auf, dass die Erinnerungen an die Situationen auf den Originalfotos nur sehr verschwommen sind, obwohl die Probanden diese Ereignisse wirklich erlebt haben: "Also bei dem Foto fällt mir jetzt nicht direkt ein, wann und wo das war." – "Keine Ahnung wann, keine Ahnung wo. Ich weiß es nicht." – "Das wird ein Museum sein oder so, aber sonst weiß ich nichts." Es ist auffällig, dass die Studenten versuchen, aus den Fotos möglichst viel Informationen herauszuholen. Zum Beispiel wo es war, welche Kleider sie anhatten und wer dabei war. Offenbar versuchen sie damit, ihrer Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Das gelingt mal besser und mal schlechter; kein Wunder, denn die Ereignisse liegen zwischen 15 und 20 Jahren zurück.

Irgendwann zeigt die Psychologin den Studenten das manipulierte Foto. An diese Situation können sie sich, wie zu erwarten, auch nicht direkt erinnern. Doch das Foto an sich zweifeln sie nicht an. Und wie bei den echten Fotos, versuchen die Studenten mit den Informationen auf dem Bild zu rekonstruieren, wann und wo das gewesen ist und was sie in dem Moment erlebt haben: "Das muss in Schweden im Urlaub gewesen sein. Da hab ich tatsächlich Erinnerungen an diesen Urlaub. Da hatte mein jüngster Bruder unmöglich viele Mückenstiche an den Beinen." – "Rein vom Tier würde ich sagen, dass wir mit der gesamten Familie da drauf waren. Wenn, dann war es in der Türkei, als meine Tante noch mit war."
Psychologin Melanie Steffens mit Proband am Tisch
Lassen sich die Probanden von unseren manipulierten Fotos täuschen?

Überzeugt von manipulierten Erinnerungen

Unsere Manipulation scheint bei allen Studenten zu funktionieren: Sie versuchen, die erfundene Situation mit ihren Erinnerungen in Einklang zu bringen. Damit ihnen das noch besser gelingt, lassen wir ihnen einen Tag Zeit zum Nachdenken. Die Studenten sollen in Ruhe in ihren Erinnerungen kramen.

Dann folgt Phase vier: das zweite persönliche Gespräch mit der Psychologin Melanie Steffens. Wieder sollen sich die neun Studenten anhand der Fotos an die Situationen erinnern. Haben sich die Erinnerungen bei den manipulierten Fotos verändert? Einige Studenten haben über Nacht zumindest Teile des erfundenen Ereignisses mit ihrer Erinnerung in Einklang gebracht. "Da war ich mit meinen Eltern im Harz im Urlaub. Ich glaube, wir waren da wandern. Also das ist auf jeden Fall kein echter Elefant. Ich kann mich daran erinnern, dass das Draufklettern cool war. Das hat mir Spaß gemacht. Aber dass meine Eltern mich dann fotografieren wollten, das fand ich irgendwie ein bisschen lästig."

Tobias traf Pippi Langstrumpf – oder doch nicht?

Von den neun Studenten hat niemand das manipulierte Foto in Zweifel gezogen, und zwei haben sich sogar eindeutig an das erfundene Ereignis erinnert. So war Tobias völlig davon überzeugt, sich an den stolzen und glücklichen Moment neben Pippi Langstrumpf erinnern zu können, obwohl er sie nie getroffen hat. Gemeinsam mit der Psychologin werten wir die einzelnen Gespräche aus. Es zeigt sich: Die Manipulation hat dann gut funktioniert, wenn das erfundene Ereignis für die Probanden plausibel war. Zum Beispiel weil sie etwas Ähnliches tatsächlich erlebt hatten. Im Gehirn verschmelzen dann offenbar die echten Erlebnisse mit den Darstellungen auf dem Foto zu einer neuen Erinnerung. Wenn die Situation auf dem manipulierten Foto hingegen für die Probanden befremdlich war, hat es nicht funktioniert. Zum Beispiel haben wir ein Mädchen in der Fotomontage auf den Arm eines großen Stoff-Elefanten gesetzt. Da sie jedoch immer Angst vor solchen großen Stofftieren hatte, ließ sie sich durch unser Foto nicht von der Situation überzeugen.

Das Ergebnis des Quarks-Tests: Es ist möglich, Menschen in ihrer ganz persönlichen Erinnerung zu manipulieren, allerdings nur, wenn für sie plausibel ist, was angeblich passiert sein soll. Am Ende unseres Tests haben wir die Studenten natürlich aufgeklärt: Denn keiner von ihnen sollte mit einer falschen Erinnerung durchs Leben gehen.
Damit sich keine falschen Erinnerungen festsetzen, klären wir die Probanden auf
Autor:

Ulrich Grünewald

Stand: 07.02.2012


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