Hör doch endlich auf zu trinken! – Was Angehörige für ihren kranken Partner tun können

  • Dienstag, 14. Februar 2012, 21.00 - 21.45 Uhr
  • Samstag, 18. Februar 2012, 08.25 - 09.10 Uhr (Wdh.)

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Viele Beratungsangebote für Angehörige von Alkoholkranken beginnen mit: "Denken Sie an sich!". Wenn das so einfach wäre. Denn man lebt oft seit Jahren mit einem (einst) geliebten Menschen zusammen, der sich immer mehr verändert und die Kontrolle über sich verloren hat. Da möchte man das alte Leben und die alten Gefühle einfach zurückhaben. Der Partner muss wieder werden wie früher, er muss sich verändern. Doch dieser Partner zeigt wenig Bereitschaft und Einsicht – und deshalb versucht man, selber etwas zu ändern, den Alkohol aus dem Leben zu tilgen. Und da setzen die Ratgeber an: Der Alkoholkranke selber muss vom Alkohol wegkommen wollen. Nicht der Angehörige. Nur dann kann es funktionieren.

Eine besonders wichtige Rolle können die Hausärzte übernehmen: Sie kennen ihre Patienten oft seit langer Zeit und sehen sie regelmäßig. Sind sie aufmerksam und stellen mal die ein oder andere unangenehme Frage, dann könnten viele unerkannte Alkoholkranke diagnostiziert werden.



Zwei leere Bierflaschen stehen im Vordergrund, dahinter ein junges Mädchen

Alk in den Ausguss?

Soll man den Alkohol in den Ausguss schütten oder verstecken? Auch wenn das oft die erste Reaktion ist, wenn man merkt, dass der Partner sich durch den Alkohol verändert: Wegschütten hilft nichts. Denn durch Druck und Gemecker provoziert man Heimlichkeiten und Aggressionen. Das bedeutet aber auf keinen Fall, dass man den Kranken schützen soll: Für den Partner lügen und leugnen, das verlängert die Sucht: Dann kommt er ja weiter damit durch.

Der Wendepunkt, von dem ab der Kranke einsieht, dass er etwas tun muss, kommt oft durch Situationen, die dem Süchtigen unangenehm sind. Wenn der Führerschein weg ist oder die Tochter sagt: "Papa, bist du schon betrunken?", dann kann das der Schlüsselmoment hin zur Therapiebereitschaft sein, ohne dass man das vorher geahnt und gehofft hat.



Nur wer gesund ist, kann helfen

Angehörige sollten sich vor allem darum kümmern, dass sie selber gesund bleiben. Nur dann können sie ihrem Partner helfen. Das bedeutet, dass man sich immer wieder aktiv von dem Kranken abwendet, um anderen Aktivitäten nachzugehen – dass man zum Beispiel Freundschaften pflegt und Hobbys hat. Auch Selbsthilfegruppen sind – genau wie für die Betroffenen – oft eine gute Adresse. Diese gibt es für Partner, aber auch für Kinder von Alkoholkranken.

Ehrlichkeit

Auch wenn der Kranke es nicht gerne hört, sollte man als Angehöriger sagen, dass man weiß, dass er suchtkrank ist. Und das bedeutet, dass man ihn bittet, zum Arzt zu gehen, um sich professionelle Hilfe zu holen. Denn alleine schafft er es in der Regel nicht.

Wie bei einer anderen Krankheit sollte man versuchen, den Partner anzuhören, um zu verstehen, warum er trinkt. Dabei sollte man auf Bevormundung und Bemutterung möglichst verzichten, auch wenn das schwer fällt. Und wenn man angeschnauzt wird, weil der Suchtkranke bei jeder Nachfrage den Suchtmittelentzug wittert, sollte man versuchen, es nicht persönlich zu nehmen – auch, wenn das besonders schwer ist. Dabei hilft es, sich immer wieder zu sagen: Mein Partner ist krank. Ähnlich wie man einem Asthma-Kranken nicht sagen kann "Atme einfach tief durch!", kann man einem Alkoholkranken nicht sagen: "Vergiss den Alkohol!"



Beim Partner bleiben? Nicht um jeden Preis!

Solange man selbst gesund bleiben kann, solange sollte man bei seinem Partner bleiben. Aber wenn man gesagt hat, dass man geht, wenn der Partner nicht beginnt, etwas gegen seine Krankheit zu unternehmen, dann muss man das irgendwann tun – um sich selbst und letztlich auch die Partnerschaft zu schützen. Bis dahin sollte man Streit vermeiden und versuchen, nach dem Motto zu leben: "Ein Kranker kann mich nicht kränken."

Dabei ist es auch hilfreich, so viel wie möglich über die Krankheit zu lernen. Denn Informationen schützen vor Verletzungen. Und man kann im nächsten Schritt seinen Kindern und Freunden erklären, dass der Partner krank ist, welche Krankheit es ist und wie sie helfen können.



Gemeinsam abhängig

Leider entwickelt sich in den Jahren der Sucht häufig ein Miteinander, das dazu führen kann, dass der Partner oder auch die Kinder "co-abhängig" werden. Das bedeutet, dass sie von der Sucht des Kranken in irgendeiner Form profitieren. Sie haben sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, der "Kümmerer" zu sein und die Verantwortung zu tragen. Sie beziehen einen Großteil ihres Selbstwertgefühls darüber, dass sie sich um den Alkoholkranken kümmern. Gefördert wird das oft durch Außenstehende, die die Tapferkeit bewundern. Das Tragische: Entschließt sich der Abhängige zu einer Therapie, verändert sich dieses Gefüge, und die Co-Abhängigen können den Boden unter den Füßen verlieren. Schlimmstenfalls verhalten sich Co-Abhängige mehr oder weniger unbewusst so, dass der Suchtkranke rückfällig wird, damit die alte Rollenverteilung wieder hergestellt ist.

Schützen Sie die Kinder

Besonders hilfsbedürftig sind Kinder. Denn sie sind doppelt gefährdet, ebenfalls süchtig zu werden, wenn sie mit einem trinkenden Elternteil leben müssen. Einmal sind sie genetisch vorbelastet; vor allem Jungen erben das Risiko für die Alkoholkrankheit. Außerdem erleben sie, dass Alkohol fester Bestandteil des Lebens sein kann – und vielleicht als Lösung für Probleme oder schlechte Stimmungen herangezogen wird: Mama ist immer so fröhlich, wenn sie etwas getrunken hat. Wenn Papa Stress hat, "hilft" ihm sein Bier.

Etwa 2,65 Millionen Kinder leben mit alkoholabhängigen Eltern zusammen. Einige kennen kein Leben ohne Alkohol und finden es normal, wenn man den betrunkenen Vater abends ins Bett tragen muss. Aber nur knapp zehn Prozent der Kindern, deren Eltern in Therapie gehen, werden selber therapeutisch begleitet. Das ist schlimm, denn etwa jedes dritte Kind eines Alkoholkranken wird unbehandelt selbst alkoholkrank – mit allen Konsequenzen. Deshalb bieten immer mehr Beratungsstellen und Kliniken auch gezielte Hilfen für Kinder alkoholkranker Menschen an.



Gemeinsam abstinent

Wenn der Partner bereit ist für eine Therapie, ist es am besten, wenn man auch selbst abstinent lebt. Denn jeder Kontakt mit Alkohol kann den Suchtdruck, das "Craving", auslösen und zum Rückfall führen. Dabei kann schon eine leere Bierflasche im Altglas reichen.

Zwar kann man den Partner nicht vor allen Situationen mit Alkohol bewahren, aber gerade zu Hause sollte er möglichst vor Craving-Auslösern geschützt werden. Wichtig ist auch, dass der Kranke und der Angehörige weiterhin Selbsthilfegruppen besuchen; entweder gemeinsam oder jeder für sich. Denn die Alkoholkrankheit ist nach einem halben Jahr Trockenheit noch lange nicht besiegt und wird immer ein Thema für die Familie bleiben.



Weitere Informationen

Weitere Informationen finden Sie unter der „Linkliste - Wege aus der Sucht“ und der Rubrik  „Was können Alkoholkranke tun“.



Autorin: Angela Sommer


Stand: 14.02.2012



Video der Sendung

Alkohol - die älteste Droge der Welt

Die gesamte Sendung im Internet.

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