
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Kultur
Rockpalast
Sendung vom 01. Dezember 2008
Crossroads-Festival Highlights
Man könnte CRACKER als zwar originelle, jedoch vergleichsweise traditionell rockende Band abtun. Was ihrer Musik und ihrer Haltung nicht gerecht würde. Sänger und Gitarrist David Lowery, der mit Johnny Hickman seit 1990 den Kern CRACKERs bildet und zuvor der amerikanischen Indie-Legende Camper Van Beethoven vorstand, versteht sich auf Songs, die zwischen Roots-Rock, Alternative und Country munter hin- und herpendeln und allen Versuchen, sie musikalisch zu kategorisieren, munter auf der Nase herumtanzen. In oft satirischer Überhöhung betrachtet er die Welt abgeklärt, jedoch nie zynisch. Trotz seiner musikalischen Reife versteht es das Quintett aus Virginia mit einer unverhohlenen „uns kann keiner!“-Einstellung, sich weder musikalischen Moden, noch wohlfeiler Anbiederung an das Mainstream-Publikum hinzugeben. Hier rocken lebenserfahrene Gentlemen fernab von jeglichem Befindlichkeits-Pathos. Ein Klassiker der Moderne, wenn man so will. Und live ein wuchtiges, stets unterhaltsames Statement wider die Gleichförmigkeit und Gleichgültigkeit Amerikas.
Mögen einige ihrer Songs mit Samplings, wummernder Maschinen, luftiger Rhythmik und leichtfüßiger Slide-Gitarre noch an das floydsche „Welcome To The Machine“ denken lassen, so gelingen generell Einordnungsversuche schwer. Das englische Q-Magazin bezeichnete das englische Quintett als „das fehlende Glied zwischen Pink Floyd und dem 21. Jahrhundert“. Richtig - und falsch. Sinnvoller ist es, auf das wunderbare Zusammenspiel zwischen Gitarre und weiblichem Gesang hinzuweisen, auf herrliche Gitarren-Arpeggios, auf die feine Verbindung von Elektrobleeps und, vor allem aber auf den wunderbaren polyphonen Gesang, der nicht so verschachtelt wie der von Gentle Giant aber so jubilierend wie der der Beach Boys daherkommt. Allein auf “Ambassadors” wurden bis zu 60 Tonspuren dafür verwendet, womit PRR wohl jede noch so berühmte Psychedelic-Band in den Schatten stellen dürfte. Jeder Song schäumend vor Harmonien und Melodien, eine brodelnde Mixtur aus Prog-, Space- und Rave-Rock. Man darf gespannt sein, wie die nach Ksnts „Kritik der reinen Vernunft“ benannte und kunstinteressierte Band die Live-Umsetzung der vielschichtigen Songs gelingen wird.
Dass Rose Kemp schon in jungen Jahre tourte, sang und sogar einige Lieder mit ihren Eltern verfasste, interessiert nur am Rande. Ihre Eltern Maddy Prior und Rick Kemp stehen der britischen Folk-Rock-Legende Steeleye Span vor. Kemps Entwicklung vom Folk der Frühtage zu einer ganz neuen, eigenständigen Form des Doom-Folks vollzog sich in wenigen Jahren und auf nur drei Alben. Live begeistern Kemp und ihren beiden Mitstreiter mit einer Atem nehmenden Vielfältigkeit und überraschend wuchtigen Gitarren. Ihr an Kate Bush gemahnender Gesang wird dabei von klassischen Rockriffs a la Black Sabbath und Led Zeppelin in ungekannte Ecken geschleudert. Die FAZ schrieb über eines ihrer Konzerte: "Der Emphase von Rose Kemp kann man erliegen oder sich entziehen, gleichgültig lässt sie nicht."
Tito & Tarantula erlangten Kultstatus durch ihren Auftritt in Quentin Tarantino’s „From Dusk Till Dawn“: Dort rocken sie die „Titty-Twister“-Bar, verwandeln sich in Vampire und sind die einzigen Nicht-Menschen, die das Schlachtfest von George Clooney und Gefährten überleben. Trotz des jähen Leinwand-Ruhmes können Tito & Tarantuala auf einen soliden musikalischen Hintergrund verweisen. Als sie sich 1992 in LA gründen, haben Frontmann Tito Lariva und seine wild gewandeten Spießgesellen in einer Vielzahl von Bands gespielt, fühlen sich im Punk wie im Rock heimisch und kreieren durch die Hinzunahme von Tex-Mex-Zutaten einen musikalischen Chili, der extra feurig daherkommt. Flirrende Wüstenhitze, Klapperschlangen, ein Tequila, der seinen Namen verdient und eine Mariachi-Band, die den müde in der Sonne herumlungernden Hunden den Marsch bläst – diese Klischees werden von Tito & Tarantula bedient und gleichzeitig aufgebrochen. Denn der stets nach vorne preschende Tex-Mex-Rock des Quartetts ist äußerst infektiös und hat noch jeden Zuschauer in seinen Bann gezogen.
Wenige Musiker können von sich behaupten, gleichzeitig David Bowie, The Chemical Brothers, Nine Inch Nails und Mike Patton beeinflusst zu haben. Aber das Avantgarde-Trio aus der Schweiz inspiriert bereits seit 1985 zahllose Künstler – so gehörten THE YOUNG GODS zu den ersten, die mit (damals experimentellen) Digital-Samples die Rockwelt infiltrierten. Umso überraschender, dass die Veteranen des Industrial-Rock und Minimal-Electro jüngst mit einem Akustik-Album reüssierten und auch live Unplugged-Sets spielen. So karg aber intensiv war die Band noch nie zu hören. Ob mit eigenen, dräuender Finsternis entrissenen Titeln oder mit wenigen ausgesuchten Cover-Songs, ihre Musik strahlt akustisch eine früher ungewohnte Wärme aus, die gefangen nimmt. Wahrlich, eine atypische, sich stets neu erfindende Rock-Band.
Stand: 02.03.2009
Seite teilen