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Servicezeit
:Essen & Trinken
Sendung vom 25. September 2009
Bioobst: Natürlicher Pflanzenschutz
Obst aus konventionellem Anbau kann Rückstände von Pflanzenschutzmitteln enthalten, das haben Untersuchungen immer wieder gezeigt. Von Früchten aus ökologischem Anbau erwarten Verbraucher, dass sie nicht mit synthetischen Pestiziden belastet sind. Dafür zahlen sie meist einen etwas höheren Preis. Gleichzeitig wünschen sie, dass auch Bioprodukte makellos und appetitlich aussehen und frei von Insektenbefall oder Schimmelpilzen sind. Wie ist das machbar, gerade beim Anbau von empfindlichen Obstsorten? Servicezeit: Essen & Trinken hat einen Bioobsthof in Grafschaft besucht, direkt an der südlichen Grenze von Nordrhein-Westfalen.
An zwei Wochenenden im September können Verbraucher auf dem Biohof Bölingen Äpfel selbst pflücken. Beim Apfelfest bekommen die Kunden zudem viele Hintergrundinformationen. Als Bert Krämer und seine Frau vor 25 Jahren mit dem ökologischen Anbau von Gemüse und Obst begannen, wurden die Biopioniere noch belächelt. Sie probierten viel aus und lernten von Ernte zu Ernte dazu. Berater und Forschungsstellen gab es damals noch nicht. Bert Krämer: „Um qualitativ hochwertige, schöne und sehr aromatische Äpfel zu produzieren, braucht man unheimlich viel Erfahrung. Biologischer Anbau ohne Wissen funktioniert nicht; dann bekommt man diese Schrumpeläpfel, die man von früher kennt.“ So mancher erinnert sich vielleicht noch daran, dass Bioäpfel früher immer ein wenig unansehnlich waren. Sie hatten Flecken und waren teils sehr klein und runzelig. Die ersten Bioäpfel stammten „von der Wiese“, von Bäumen, die einfach wild wuchsen. Anbau- und auch Lagertechniken sowie natürliche Methoden der Schädlingsbekämpfung mussten erst noch entwickelt werden.
Bioobstplantagen von heute haben mit Omas Obstgarten oder wilden Streuobstwiesen nicht mehr viel gemeinsam – nicht einmal die Apfelsorten. 25 verschiedene Sorten baut Bert Krämer heute auf 9 Hektar an – darunter viele widerstandsfähige Neuzüchtungen. Sie heißen zum Beispiel „Topaz“, „Delbar“, „Santana“. Es gibt aber auch bekanntere Sorten wie „Boskop“, „Elstar“ oder „Gala“.
Heute werden kleine Bäume gezüchtet, in weit auseinanderstehenden Reihen fast heckenartig gepflanzt und sorgfältig regelmäßig nach System geschnitten. Man kann damit das Wachstum und die Bildung von Blüten steuern.
Angepasste, resistente Sorten, sanfte Bodenbearbeitung, viel Geduld und präzise Beobachtung – dadurch lassen sich bereits viele Pflanzenkrankheiten (Pilze, Insektenbefall) verhindern. Aber diese Art der Prävention garantiert noch nicht automatisch gesunde Bäume. Ganz gezielt werden deshalb auch Biobäume, ihre Blüten und späteren Früchte behandelt – mit natürlichen Mitteln.
Also wird auch im Ökoanbau gespritzt – aber grundsätzlich keine chemisch-synthetischen Mittel. Die natürlichen Substanzen werden mit Wasser verdünnt und dann maschinell insbesondere im Frühjahr versprüht. Neben Gesteinsmehlen sind es Algenextrakte, Lockstoffe, Seifen, Kupferverbindungen und Schwefel, Rindenextrakte oder für den Menschen völlig harmlose Bakterien und Viren. „Jeder Pilz, jedes Insekt hat eine kleine Schwachstelle“, erklärt Bert Krämer, „manchmal nur zwei Tage im ganzen Jahr, manchmal temperaturabhängig, manchmal feuchtigkeitsabhängig. Und nur dann wirken unsere harmlosen Mittel, weil wir die Schwachstelle ausnutzen.“
Ökohersteller, auf deren Produkten das sechseckige EU-Bio-Siegel steht, müssen auf Pestizide, Mineraldünger, Gentechnik und viele Zusatzstoffe, die in der konventionellen Lebensmittelwirtschaft allgegenwärtig sind, verzichten. Eine EU-Verordnung gibt ganz genau vor, welche Mittel und Bearbeitungsmethoden für welche Pflanzen erlaubt sind. Die Richtlinien für Betriebe, die sich Anbauverbänden wie Naturland, Bioland oder Demeter angeschlossen haben, sind noch strenger. Die Vorschriften der Anbauverbände unterscheiden sich untereinander nur geringfügig. Ein wichtiger Unterschied zu einem Betrieb, der Produkte mit dem staatlichen Bio-Siegel verkauft, ist: Ein Bioland-Betrieb (oder Naturland oder Demeter) muss komplett auf biologische Landwirtschaft umgestellt haben. Das ist nach der EU-Bio-Verordnung nicht zwingend notwendig.
Es gibt unzählige Pflanzenkrankheiten, die den Äpfeln schaden können. Schorfpilz, Blutlaus und Apfelwickler gehören zu den schlimmsten. Was genau dürfen die Anbauer einsetzen, um die Pflanzen und Früchte zu schützen?
Beispiel Schorfpilz: Er überwintert im feuchten Laub. Im Frühjahr bei Regenwetter schleudert er seine Sporen umher. Dann kommen auf der Ökoplantage Kupfer (maximal 3 Kilogramm Reinkupfer pro Hektar pro Jahr) und Netzschwefel zum Einsatz. Wünschenswert wäre es, vor allem den Einsatz von Kupfer zu verringern.
Gartenbauingenieur Jürgen Zimmer vom Kompetenzzentrum Gartenbau (Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum, DLR, Rheinpfalz) in Bad Neuenahr-Ahrweiler ist Berater für ökologischen Anbau und forscht auch im Bereich ökologischer Schädlingsbekämpfung. Auf einer Bioplantage mit alten Deliciusbäumen betreut er einen Versuch zum Schorfpilz. Jürgen Zimmer: „Wir versuchen hier über drei Jahre hinweg, Alternativen zu finden, um den Einsatz von Kupfer und Netzschwefel zu reduzieren. Und unter anderem haben wir in der Testung Backpulver, das Natriumhydrogenkarbonat oder auch das Kaliumhydrogenkarbonat.“ Die Ergebnisse sind vielversprechend.
Neben dem Apfelschorf fürchten Bioobstbauern die 2 Millimeter großen Blutläuse. Sie stecken in einer weißen, watteartigen Wachsschicht und saugen am Baum, sodass krebsartige Wucherungen auf der Rinde entstehen. Junge Bäume wachsen dann kaum noch. Blutläuse mögen keine gut beschnittenen und lichtdurchfluteten Bäume. Weil der Schnitt als Vorbeugung gegen Blutläuse aber meist nicht ausreicht, setzen Ökobauern auf natürliche Gegenspieler – zum Beispiel Blutlauszehrwespen und Ohrwürmer (umgangssprachlich „Ohrenkneifer“). Die Nützlinge schlummern tagsüber in den aufgehängten Röhrchen und fallen nachts über die Blutläuse her.
Der schlimmste Schädling ist aber ein Falter, der Apfelwickler. Durch seine Larven werden die Früchte „notreif“ und fallen ab. Schneidet man die Äpfel auf, so sieht man die braunen Eintrittsstellen und die braun verfärbten Gänge und Hohlräume. Das Apfelwicklerweibchen legt ihre Eier auf den Äpfeln ab, daraus entwickeln sich Larven. Diese Maden bohren sich durch die Schale und bis zum Kerngehäuse durch, fressen sich satt und durchlaufen verschiedene Larvenstadien. Dann kriechen sie wieder hinaus und bauen sich in der Baumrinde ein Winterversteck. Im Frühjahr schließlich verpuppen sie sich, und es schlüpfen später Männchen und Weibchen – bereit, sich in warmen Mainächten zu paaren. Pheromonkapseln sollen genau das verhindern. Inzwischen hängen sie nicht nur Bioobstbauern im Frühjahr auf. Die Wolke aus Sexuallockstoff verwirrt die Falter, sodass sie sich nicht finden können. Übrigens wurden die Pheromone genau vor 50 Jahren (1959) von Christof Butenandt erstmals entdeckt.
Neben der Pheromonverwirrung gibt es noch eine andere Möglichkeit, den Apfelwickler gut zu bekämpfen: mit Granuloseviren, die für den Menschen vollkommen ungefährlich sind. Die Lösung wird mit Wasser verdünnt auf Früchte und Blätter gespritzt. Die jungen Larven des Apfelwicklers nehmen die Granuloseviren auf und sterben schnell ab. Die Virenlösung zersetzt sich innerhalb von sieben Sonnentagen.
Auch Nagetiere können in Obstplantagen großen Schaden anrichten. Wenn Getreidefelder abgeerntet sind, machen sie sich gern über die Baumwurzeln her. Bert Krämer setzt dagegen natürlich kein Mäusegift ein, sondern hat im Lager Kisten mit Hunderten von Mausefallen, die im Falle eines Falles von Hand unter die Bäume gesetzt werden, das ist zwar sehr aufwendig, eine Alternative gibt es im biologischen Landbau aber nicht.
Bioanbau ist viel mehr als der bloße Verzicht auf chemisch-synthetische Mittel. Bioanbau ist Wirtschaften in Harmonie mit der Natur, wie Bert Krämer sagt: „Ohne gesunden Boden keine gesunde Pflanze!“ Und ohne lockeren Boden mit guter Begrünung zwischen den Baumreihen gibt es seiner Meinung nach keine gesunden Äpfel.
Damit die Früchte bis in den April hinein frisch und knackig bleiben, lagern auch Bioäpfel heute zum Teil unter kontrollierter Atmosphäre („ca“ = „controlled atmosphere“) im Kühlhaus. Elektronisch wird der Gehalt an Sauerstoff und Kohlendioxid so gesteuert, dass die Äpfel nicht reifen können.
Auf dem Biohof Bölingen werden die druckempfindlichen Früchte von Hand sortiert. In Pfandkisten werden die 25 Sorten Äpfel nun im September direkt an Ökosupermärkte oder Naturkostläden geliefert – und natürlich auf dem Hof selbst angeboten. Wer Bioäpfel kauft, bekommt hochwertiges, unbelastetes Obst – und hilft ganz nebenbei, die Umwelt zu schonen.
Anne Welsing
Stand: 25.09.2009