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:Familie
Sendung vom 03. Februar 2010
Entscheiden, aber wie? Die Qual der Wahl
Früher schien das Leben einfacher. Heute muss man täglich sehr viele Entscheidungen treffen, weil bei allem einfach viel mehr zur Auswahl steht. Das fängt beim richtigen Brötchen an und hört beim Hauskauf noch lange nicht auf. Viele Leute geraten deshalb in Entscheidungsstress. Wer sich für das eine entscheidet, muss sich gegen etwas anderes entschließen. Die damit verbundene Angst, etwas zu verpassen, macht unsicher und entscheidungslos.
Aber auch für entscheidungsfreudige Menschen wird die Sache kompliziert, wenn es um „große“ Entscheidungen geht.
Die einen schwören auf „vernünftige Argumente“, die anderen machen alles „spontan und aus dem Bauch heraus“. Weder mit der einen, noch der anderen Verhaltensweise kommt man aber bei vielen Themen und Fragestellungen weiter.
Wer vor großen Entscheidungen steht, braucht manchmal Unterstützung. Anne Gombert ist Seminarleiterin und Coach. Sie berät Menschen in Entscheidungsprozessen und erklärt, warum sich Vernunftsargumente oft nicht eignen: „Eine rein ,rationale’ Vorgehensweise eignet sich nur, wenn ich zwischen zwei ähnlichen, gleichwertigen Dingen oder Situationen zu entscheiden habe, zum Beispiel zwei Häusern, die mir gleich gut gefallen und grundsätzlich ähnliche Kriterien haben, oder zwei gleichwertigen Jobs.“
Außerdem unterscheidet die Expertin zwischen spontanen Entscheidungen und überlegtem Bauchgefühl. „Es gibt spontane Bauchentscheidungen, dass ich ganz kurzfristig unüberlegt etwas mache. Es gibt aber auch überlegte Bauchentscheidungen, also ein Gefühl, das sich über einen längeren Zeitraum so hält. Wenn das nicht weggeht, muss ich es ernst nehmen.“
Fast alle „großen“ Entscheidungssituationen wie Berufswahl, Wohnungswechsel oder familiäre Wendepunkte haben mit unseren Werten und Lebensvorstellungen zu tun. Man kann ihnen rein rational nicht gerecht werden.
Eine gute Grundlage für eine Entscheidung erhält man also, wenn man Gefühle in den Entscheidungsprozess mit einbezieht.
Bevor man eine für sich gute Entscheidung treffen kann, muss man sich über seine Ziele im Klaren sein. Was will man mit der Entscheidung erreichen? Hilfreich sind dazu Fragen wie:
Nach der Zielfindung stellt man für sich Entscheidungskriterien auf. Zum Beispiel durch eine Frage wie: Was muss auf jeden Fall erfüllt sein, damit ich mich entscheiden kann?
Dieser und eventuell weiteren Fragen geht man dann nach und sammelt Lösungen. Bei größeren Vorhaben ist das Schwierige oft, dass sich Bedingungen auf den ersten Blick ausschließen, so auch in unserem Filmbeispiel.
Das Paar aus unserem Filmbeitrag steht seit Monaten vor einer Entscheidung: Sollen sie ein Restaurant eröffnen, ja oder nein? Sie hatten viele Informationen gesammelt und sich seit Monaten mit zwei Objekten beschäftigt, die sie sich als mögliche Restaurants vorstellen konnten. Im Gespräch mit Coach Anne Gombert stellte sich heraus, dass sie in Fragen der Finanzierung und Organisation schon sehr weit waren. Emotional waren sie von der Idee eines Restaurants begeistert.
Doch obwohl sie sich schon konkret mit möglichen Immobilien beschäftigten, stand eine ganz entscheidende allgemeine Frage im Raum: Eine Restauranteröffnung hätte eine totale Veränderung der Lebenssituation zur Folge, denn das Paar hat einen neunjährigen Sohn. Die Sorge um eine gute Betreuung tauchte zwar als Problem immer wieder im Gespräch auf, war aber von den beiden nicht gelöst. Dadurch drehten sich Gespräche im Kreis: Sie wollen gerne ein Restaurant eröffnen, aber sie können es nicht eröffnen, weil sie Angst haben, dass ihr Sohn nicht gut betreut ist und die Familie sich auseinanderlebt.
Im Gespräch mit Coach Anne Gombert stellte sich heraus, dass erst, wenn die Frage der guten Versorgung des Jungen beantwortet sei, die beiden überhaupt in der Lage wären, sich für ein Restaurant zu entscheiden. Durch gezieltes Nachfragen des Coachs sammelten sie Ideen und Möglichkeiten, um eine gute Betreuung ihres Sohnes zu organisieren.
Es gibt verschiedene Methoden, die von Psychologen und anderen Wissenschaftlern entwickelt wurden, um Gefühle in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen.
„Worst Case Scenario”: Das Gedankenmodell der „totalen Katastrophe“, das sogenannte „worst case scenario“. Man überlegt sich vorab, was das Schrecklichste wäre, was passieren könnte. Expertin Anne Gombert erklärt: „Ich nehme mögliche schwierige Situationen schon mal vorweg, überlege mir, was ich tun kann, wenn diese Situationen eintreffen beziehungsweise was ich vorab tun kann, damit diese Situationen erst gar nicht zustande kommen.“ Durch das Aussprechen der möglichen Katastrophe macht man sich die Situation nicht nur klar, sondern erhält einen anderen Zugang zu Ideen und Lösungsmöglichkeiten.
„Zehn – Zehn – Zehn“: eine weitere Methode, die die Gefühle mit einbezieht, indem sie Entscheidungen in die Zukunft projiziert. Man trifft in Gedanken eine Entscheidung und überprüft, wie man sich mit der Situation und ihren Konsequenzen fühlt. Wie geht es einem nach zehn Minuten, nach zehn Wochen, nach zehn Monaten mit diesem Entschluss?
Manchmal empfiehlt sich sogar eine Projektion in einen Zeitraum von zehn Jahren nach der getroffenen Entscheidung – zum Beispiel bei großen Entscheidungen wie einem Häuserkauf oder dem Beginn einer beruflichen Selbstständigkeit. Coach Anne Gombert erläutert: „Wenn ich mit dieser Situation in allen Zeiträumen zufrieden und glücklich bin, dann hab’ ich eine gute Entscheidung getroffen.“
Das Tetralemma: eine weitere interessante Methode, die Gefühle mit einbezieht. Sie ist geeignet für Situationen, in denen man sich eine „Entweder-oder-Frage“ stellt. Es muss also eine Alternative geben. Bei dieser Methode gibt es fünf Positionen: „das eine“, „das andere“, „beides“, „keins von beiden“ und „das Neue“.
Ein Beispiel: Eine Frau fühlt sich in ihrem Arbeitsteam wohl, hat aber die Chance, eine leitende Funktion zu übernehmen. Hier könnte „das Neue“ sein, dass sie die Entscheidung annimmt, aber erst noch einige Monate die angenehme Situation in ihrem Team genießt.
Im Unterschied zu reinen Bauchentscheidungen werden mit diesen Methoden Gefühle und Argumente sortiert. Wichtig ist, dass man sich voll und ganz in die Positionen hineinbegibt und sich die Situationen ausmalt.
Doch es gibt auch Situationen, in denen das „reine Bauchgefühl“ reicht. Anne Gombert erklärt: „Also wenn ich von Anfang an Unbehagen habe bei der Vorstellung, etwas zu tun, wenn ich das Gefühl habe, ich werde da nicht glücklich, dann muss ich auf dieses Gefühl hören, da helfen mir auch keine rationalen Argumente, die dieses Bauchgefühl oder Bauchgrummeln dann zum Schweigen bringen.“
Ein Beispiel: Ich trenne mich von einem ungeliebten Menschen, der mir Kummer und Stress bereitet oder von einer anderen Beziehung, die mir nur Energie raubt.
Wenn man nach Monaten des Überlegens und Ausprobierens verschiedener Methoden zu gar keinem Ergebnis kommt und auch die Unterstützung durch Außenstehende oder einen Coach nirgendwohin führt, könnte es sein, dass man sich unbewusst selbst blockiert.
Da größere Entscheidungen auch immer weitreichende Konsequenzen haben, sollte man sich Zeit lassen. Expertin Anne Gombert rät: „Ich finde es wichtig, sich sehr viel Zeit zu geben bei komplexen Entscheidungen. Das ist ja etwas, was uns im Alltag oft begegnet, dass ich das Gefühl habe, ich muss sehr schnell eine Entscheidung fällen. Das Problem ist, dass wir nicht alle Aspekte mit einbeziehen, die eine Rolle spielen, weil nicht alle Informationen zur Verfügung stehen. Je mehr Informationen ich habe, je günstiger für mich und so leichter auch die Entscheidung.“
Dabei sammelt man Informationen, stellt Kriterien auf, die unbedingt erfüllt sein müssen, und nähert sich so einer Entscheidungsgrundlage. Das kann im Falle von großen Projekten (Geschäftsvorhaben, Hauskauf) durchaus mehrere Monate dauern. Irgendwann aber sollte man sich einen Zeitpunkt setzen. „Und wenn ich die Entscheidung dann nicht fälle, ist das dann im Grunde genommen auch eine Form der Entscheidung“, erklärt Anne Gombert.
Viele Wege führen zum Ziel. Man kann eine der erwähnten Methoden ausprobieren, sich mit Freunden besprechen oder einen Coach aufsuchen. Im Unterschied zu Freunden, die uns zu etwas raten oder – weil sie uns mögen – in gewissen Entscheidungen bestätigen, ist der Coach ein neutraler Dritter. Seine Aufgabe und Funktion besteht nicht darin, Lösungen zu präsentieren, sondern durch neue und ungewohnte Fragen Gedankenprozesse voranzutreiben. Außerdem verfügt ein guter Coach über verschiedene Gedankenmodelle und Methoden.
Die Bezeichnung Coach ist in Deutschland ungeschützt. So tummeln sich auch viele schwarze Schafe auf dem Markt. Eine Möglichkeit, einen seriösen Coach zu erkennen, ist die Frage nach dem beruflichen Werdegang. Ein seriöser Coach hat zum Beispiel einen Hintergrund als Pädagoge, Psychologe oder eine zertifizierte Ausbildung als Supervisor. In einem ersten Telefonat oder Treffen sollte man die Gelegenheit nutzen zu erfahren, wie der Coach arbeitet und was es kostet. Natürlich sollte man auch hier sein Bauchgefühl mit einbeziehen.
Eine „perfekte“ Entscheidung erzwingen zu wollen, macht unglücklich – und entscheidungslos. „Maximizer“ nennen Psychologen den Typ Menschen, der immer das Bestmögliche aus jeder noch so kleinen Entscheidungsfrage ziehen will. Dieses Verhalten macht aber nicht glücklich. Auch die Suche nach der „richtigen“ Entscheidung ist sinnlos. Wer hingegen alles wohldurchdacht hat, Gefühl und Verstand mit einbezogen hat, hat eine gute Grundlage für eine Entscheidung, die zufrieden macht. Coach Anne Gombert meint hierzu: „Es gibt keine richtigen und falschen Entscheidungen. Es gibt gut überlegte Entscheidungen, und die sind zu diesem Zeitpunkt, wenn Sie wollen, auch richtig.“
Anja Friehoff
Stand: 03.02.2010