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:Gesundheit
Sendung vom 10. März 2008
Arbeiten trotz Krankheit
Seit über 20 Jahren melden sich immer weniger Beschäftigte krank. Aber sind wir nun wirklich gesünder geworden, oder gibt es andere Gründe dafür, dass immer weniger Arbeitnehmer zum Arzt gehen, wenn sie sich krank fühlen?
Als „Krankenstand“ wird der prozentuale Anteil der Fehlzeiten bei Arbeitnehmern innerhalb eines bestimmten Zeitraums bezeichnet. Betrug der Krankenstand bundesweit Anfang der 70er-Jahre noch knapp 6 Prozent, sank der Wert 2006 auf die bisher niedrigste Rate von rund 3,5 Prozent. In den ersten Monaten des Jahres 2007 stieg der Krankenstand zwar wieder, aber die Zahl der Krankmeldungen bewegt sich weiterhin auf vergleichsweise niedrigem Niveau.
Was auf den ersten Blick positiv scheint, löst allerdings bei Experten Sorge aus. Denn nach einer aktuellen Umfrage von Krankenkassen und Unfallversicherern gehen viele Arbeitnehmer auch dann zur Arbeit, wenn sie krank sind. So befürchtet die Mehrzahl der Befragten berufliche Nachteile, wenn sie sich krankmelden, fast die Hälfte der Arbeitnehmer geht krank zur Arbeit, um das Arbeitspensum zu bewältigen und rund 30 Prozent haben Angst um ihren Job. Folge: Die Produktivität von kranken Beschäftigten am Arbeitsplatz sinkt und unter Umständen können erhebliche Gesundheitsschäden die Folge sein, wenn Krankheiten verschleppt werden. Wer beispielsweise im Freien arbeitet, sollte einen Husten eher zu Hause auskurieren, bevor daraus eine Bronchitis entsteht, als jemand, der in einem Büro arbeitet und auch mit einer leichten Erkältung arbeitsfähig ist. Gefragt ist hier die Verantwortung des Einzelnen, aber im Zweifelsfall sollte ärztlicher Rat eingeholt werden, damit aus einer Bagatellerkrankung kein dauerhafter Gesundheitsschaden wird.
Arbeits- und Gesundheitsschutz muss vom Arbeitgeber gewährleistet werden. Der Umfrage von Krankenkassen und Unfallversicherern zufolge meinen aber fast die Hälfte der Befragten, dass sich ihr Unternehmen nicht um ihre Gesundheit kümmere. Gesundheitsförderung in Betrieben sollte hohe Priorität haben, denn sie steigert die Produktivität. So gibt es in vielen Unternehmen mittlerweile Informations- und Präventionsprogramme zu Erkrankungen, die am häufigsten zu Krankschreibungen oder Arbeitsunfähigkeit führen. Es werden Kurse für Betriebssport und Stressbewältigung angeboten oder sogar kostenlose Vorsorgeuntersuchungen. Aber nicht alle Betriebe können solche Programme anbieten, daher organisieren die Berufsgenossenschaften Präventionsprogramme und Schulungen für Beschäftigte in den einzelnen Berufszweigen. Investitionen in betriebliche Gesundheitsförderung macht sich bezahlt, denn krankheitsbedingte Fehlzeiten kosten viel Geld: Nach Angaben des Arbeitgeberverbandes mussten Betriebe und Firmen im Jahr 2006 dafür rund 32 Milliarden Euro aufbringen.
Nach wie vor verursachen Muskel- und Skeletterkrankungen bei den Beschäftigten die meisten Krankentage, gefolgt von Verletzungen und Atemwegserkrankungen. Während diese Krankheitsgruppen seit Jahren rückläufig sind, nehmen psychisch bedingte Fehlzeiten kontinuierlich zu. Nach Angaben des BKK-Bundesverbandes beträgt ihr Anteil inzwischen fast 9 Prozent aller Krankentage – vor gut 30 Jahren lag der Wert lediglich bei 2 Prozent. Nach Auffassung von Experten hat das damit zu tun, dass sich die Arbeitsanforderungen in den letzten Jahrzehnten geändert haben. Die Unfallrisiken am Arbeitsplatz sanken, der Dienstleistungsbereich hat sich stark entwickelt und der Blick wurde stärker auf seelische Belastungen gerichtet. Moderne Dienstleistungstätigkeiten mit hohen psychomentalen Belastungen oder Restrukturierungsvorgänge mit Arbeitsplatzabbau tragen dazu bei, dass der Anteil der psychischen Störungen wie Depressionen wächst. Dabei ist der Anteil von Frauen wesentlich höher als der der Männer (BKK-Gesundheitsreport: Fehltage 2006 bei Frauen: 157, bei Männern: 99). Hintergrund ist nach Auffassung von Experten die Tatsache, dass Depressionen bei Männern häufiger unerkannt bleiben als bei Frauen. Männer neigen eher dazu, ihre depressiven Symptome nicht wahrzunehmen, sie zu bagatellisieren oder gar zu verleugnen. Präventionsexperten raten bei psychischen Erkrankungen allerdings davon ab, dass Arbeitnehmer grundsätzlich zu Hause bleiben. Während man einen fiebrigen Infekt besser im Bett auskurieren sollte, bestehen bei psychischen Erkrankungen bessere Heilungschancen, wenn kranke Mitarbeiter mit fachlicher Begleitung wieder an die Arbeit herangeführt werden.
Wer aus Angst vor Arbeitsplatzverlust oder falsch verstandener Arbeitsmoral krank zur Arbeit geht, kann seiner Gesundheit ernsthaft schaden. Umso wichtiger ist es, hier verantwortlich zu handeln. Wer sich nicht sicher ist, ob er arbeiten gehen kann, sollte auf jeden Fall Rat bei einem Arzt oder dem Betriebsarzt suchen.
Monika Härle
Stand: 10.03.2008